"Schweiz bekennt sich zu Unis mehr als Österreich"

13. Februar 2011, 17:34
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Antonio Loprieno, Schweizer Rektorenchef, über Unis als Objekt eidgenössischen Nationalstolzes, sakrosankten freien Zugang und den Punkt, wo die (Aus-)Wahlfreiheit der Unis anfangen soll

Standard: Sie gehören der von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) eingesetzten Expertengruppe zur Erarbeitung eines Hochschulplans für Österreich an. Was kann Österreich in der Hochschulpolitik von der Schweiz lernen?

Loprieno: Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass das Schweizer System besser ist als das österreichische. Aber ich glaube, dass es den Schweizer Universitäten besser geht als den österreichischen. Ein Grund ist eine enorme Disparität in der Zahl der Studierenden. Wir haben 120. 000 Studierende an zwölf Universitäten, Österreich hat mehr als doppelt so viele, die an 22 österreichischen Universitäten studieren. Durch diese numerische Größe ist die Führung und Finanzierung des österreichischen Hochschulsystems komplexer und schwieriger. Der zweite Grund für die momentan bessere Lage der Schweizer Unis ist die Form der Finanzierung. Sie sind grundsätzlich kantonal finanziert mit einem mehr oder weniger substanziellen staatlichen Beitrag. Das führt zu einem viel größeren Wettbewerb der Unis als in Österreich.

Standard: Aber ganz prinzipiell ist es doch so, dass die Schweiz traditionell mehr Geld in den Hochschulbereich gesteckt hat.

Loprieno: Ja, wenn man sich diese Statistiken ansieht, steht die Schweiz mit Sicherheit höher als Österreich. Aber der reale Unterschied ist, dass die Finanzierung der Universitäten für die Schweiz auch eine Form der Auszeichnung der Administration der eigenen kantonalen Universität ist. Man bekennt sich zur eigenen Universität mehr als in Österreich.

Standard: Die Schweizerische Gesellschaft identifiziert sich also bewusst mit dem Status als Land, das gute Unis und Top-Forscher hat?

Loprieno: Ja, das würde ich sagen. Ich höre in der Schweiz viel häufiger eine Form des Bekenntnisses, sogar des Stolzes gegenüber den Universitäten, als dies bei meiner auch sehr oberflächlichen Kenntnis der österreichischen Verhältnisse hier zu sein scheint.

Standard: Woher rührt das?

Loprieno: Ich habe eine kulturwissenschaftliche These dazu. Ich glaube, Österreich ist viel mehr mit einem Universitätsmodell verbunden, das letzten Endes die Geisteswissenschaften als die idealtypischen Universitätsfächer ansieht. Auch die öffentliche Debatte über Universitäten ist in Österreich, und auch in Deutschland, sehr stark, fast hegemonisch mit geisteswissenschaftlichen Werten belegt. In der Schweiz ist seit dem 19. Jahrhundert ein anderes Modell von Universität zentral - das Modell der Ingenieurschule. Die Schweizer Universität par excellence ist die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich. Dadurch entwickelt sich eine andere Erwartung. In der Schweiz bedeutet das: Die Universitäten sind grundsätzlich da, um etwas für die Gesellschaft zu tun und direkt in den Arbeitsmarkt eingebunden zu werden.

Standard: Wird das Expertenteam das in Österreich heikle Thema Studiengebühren thematisieren?

Loprieno: Die Ministerin Karl hat uns gesagt: "Macht Vorschläge im Rahmen des Möglichen, die Ihr für sinnvoll haltet, und dann wird es an uns sein, ob die Vorschläge politisch praktikabel sind oder nicht." Falls wir zum Ergebnis kommen, das wäre eine nützliche Maßnahme, werden wir das sicher auch empfehlen, ohne Rücksicht auf allfällige legitime unterschiedliche Positionen in Österreich.

Standard: Wie stehen Sie dazu?

Loprieno: Es gibt grundsätzlich zwei Modelle von Studiengebühren. Im angelsächsischen Modell dienen Studiengebühren idealtypisch zur Deckung der Vollkosten. Im kontinentaleuropäischen Modell sind sie ein symbolischer Beitrag, politisch zumutbar, aber nicht gerade sehr wichtig für die Finanzierung der Universitäten. An der Universität Basel beträgt der Anteil der Studiengebühren zwei Prozent von meinem Budget. Ob es sie gibt oder nicht, ändert nicht viel. In diesem Modell heißt die Frage: Wie viel ist sind sozial gesehen zumutbar? Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass die Studiengebühren noch lange auf dieser rein symbolischen Ebene bleiben. Auch aus Gründen der Gleichstellung: Weil die, die ein Studium absolvieren, nach dem Abschluss eine viel höhere Chance haben, auch eine gute Stelle zu bekommen. Insofern kriegen sie etwas für diese Investition.

Standard: Was fällt Ihnen mit dem Blick von außen an Österreichs Hochschulsystem sofort ins Auge?

Loprieno: Auffällig ist die hohe Zahl an Institutionen mit einem potenziell vollen Forschungs- und Lehrangebot. Ich vermute, das steht in Verbindung mit dieser eher geistes- und sozialwissenschaftlichen Orientierung des Diskurses. Aber im Sinne einer internationalen Wettbewerbsfähigkeit, wie sie scheinbar auch gewünscht wird, müsste doch eine Reflexion erfolgen, ob diese Palette, die an sich natürlich sehr schön ist, auch wirklich nachhaltig ist.

Standard: Beatrix Karl will, dass bei der Neuorganisation des österreichischen Hochschulsystems die "Vielfalt erhalten bleibt" - als "strukturierte Vielfalt" (Grafik unten). Was bedeutet das?

Loprieno: Dieses Dilemma finden Sie in allen Ländern Europas. Schließlich geht es überall darum, einen sinnvollen Kompromiss zu finden zwischen einer wünschbaren Vielfalt - wir können sie nicht quantitativ definieren, aber es ist doch gut für die Wissenschaft, wenn es mehr davon gibt - und einer nachhaltig vertretbaren Zahl an Gefäßen, die diese Vielfalt tragen. Das ist eine schwierige Balance, die auch mit den kulturellen Traditionen des jeweiligen Landes und den finanziellen Möglichkeiten zu tun hat. Ich sage immer: Kollaborationen, Zusammenarbeit, Synergien, Verzahnungen entstehen nur aus einem Grund: aus Not - finanzieller oder inhaltlicher Art oder durch Wettbewerb motiviert.

Standard: Im nationalen Tabernakel Österreichs liegt auch der "freie Uni-Zugang". Wie steht der Schweizer Rektorenchef dazu?

Loprieno: Es gibt dazu zwei idealtypische Modelle. Das eine Modell würde ich nennen: die Logik des Anspruchs, das andere die Logik des Portfolios. Anspruch heißt: Aufgrund eines Abschlusses habe ich mir das Recht erworben, zugelassen zu werden. Das ist grundsätzlich die Einstellung in Kontinentaleuropa. In der Schweiz heißt das: Alle, die die Eidgenössische Maturität haben, dürfen studieren. Punkt. Das angelsächsische Modell sagt: Willst du studieren, stelle einen Antrag, und dann schaut die Universität, ob du gut genug bist oder nicht. Diese Modelle sind konzeptuell unvereinbar, nur in der Realität müssen wir sie verbinden. Ich meine, und in der Schweiz ist das sakrosankt, dass durch die Maturität dieser Zugang garantiert werden muss. Es wäre einfach zu kompliziert für unsere Länder, uns jetzt so umzustellen, dass man sagt, nein, nicht frei, sur Dossier - du darfst beantragen. Da sehe ich unsere Universitäten noch immer als sehr stark sozial verwurzelt. Wir haben schließlich ein soziales Mandat.

Standard: Gilt Ihr Plädoyer für den freien Uni-Zugang auch für die höheren Abschlüsse?

Loprieno: Nach dem Bachelor sehe ich objektiv keinen triftigen Grund, die Unis ihre Studierenden nicht auswählen zu lassen. Im Sinne des freien Studienzugangs würde ich Bachelor, Master und PhD nicht auf eine Ebene stellen.

Standard: Ist es gerecht oder sachlich begründet, dass die Unis freien Zugang haben, die Fachhochschulen aber strikte Aufnahmeverfahren und Platzkontingente?

Loprieno: Im Sinne der gesellschaftlichen Erwartungen würde ich die zwei Typen doch ziemlich trennen. Da die Erwartung an eine Fachhochschule eine direkte Anbindung an den Arbeitsmarkt ist, halte ich Mechanismen, die die Wahrscheinlichkeit des Abschlusses mitberücksichtigen, für legitim. Im Falle eines Universitätsstudiums - ich rede aus einer theoretischen Perspektive, ob wir das wollen oder nicht - spielt die Anbindung an den Arbeitsmarkt unmittelbar keine Rolle. Insofern gilt mein Plädoyer für den freien Uni-Zugang im Sinne der Chancengleichheit und der Garantierung, dass sich die Eliten unserer Gesellschaft - denn ich glaube immer noch, dass die Universitäten die künftigen Eliten vorbereiten - ohne allzu viele Zugangshürden herausbilden können sollen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2011)

ANTONIO LOPRIENO, geb. 1955 in Bari, absolvierte die Europäische Schule in Brüssel, studierte Ägyptologie, Sprachwissenschaft und Semitistik (u. a. Arabisch, Hebräisch) in Turin, habilitierte in Göttingen, lehrte und forschte bis 1989 in Perugia, war bis 2000 Ordinarius für Ägyptologie an der University of California, LA, ging dann an die Uni Basel, dort seit 2005 Rektor und seit 2008 Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz.

  • Für freien Uni-Zugang zum Bachelor, für 
Studiengebühren: Antonio Loprieno arbeitet am österreichischen 
Hochschulplan mit.
    foto: der standard/corn

    Für freien Uni-Zugang zum Bachelor, für Studiengebühren: Antonio Loprieno arbeitet am österreichischen Hochschulplan mit.

  • "Die Debatte über Unis ist in Österreich sehr stark mit geisteswissenschaftlichen
 Werten belegt."
    foto: der standard/corn

    "Die Debatte über Unis ist in Österreich sehr stark mit geisteswissenschaftlichen Werten belegt."

  • "Die künftigen Eliten unserer 
Gesellschaft sollen sich ohne allzu viele Hürden bilden können."
    foto: der standard/corn

    "Die künftigen Eliten unserer Gesellschaft sollen sich ohne allzu viele Hürden bilden können."

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