Industrie begehrt Bildung

13. Februar 2011, 17:45
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IV-Vize Koren warnt aber vor "Gesamtschulshow"

Wien - Kaum liegt der Kurztext für das Bildungsvolksbegehren von Hannes Androsch vor, wird schon daran heruminterpretiert. An sich erwartbar, dass aber die erste Deutung ausgerechnet vom Industriellen selbst stammt, überrascht. Die Forderung nach einer "hochwertigen, gemeinsamen Schule bis zum Ende der Schulpflicht" sei kein Verlangen nach einer Gesamtschule, ließ er via Kurier wissen. Eines hat diese Auslegung verstärkt: Die Partnerschaft mit der Industriellenvereinigung (IV) dürfte noch enger geflochten sein.

Die IV ist beim Volksbegehren nun fix an Bord - befürchtet aber, dass es zu einer "Gesamtschulshow" mutieren könnte, wie IV-Vizegeneralsekretär Peter Koren im Standard-Gespräch sagt: "Von Beginn an zu sagen, das Begehren ist das Vehikel für eine Gesamtschule ohne Wenn und Aber, ist aus unserer Sicht falsch." Vor allem die SPÖ sei gefordert, das Projekt nicht für ihre Gesamtschulwünsche zu instrumentalisieren. "Wenn das am Ende des Tages so herauskäme, würden wir uns klar deklarieren, dass wir das nicht gutheißen", warnt er. Man wolle keine Nivellierung nach unten, sondern Qualitätssicherung durch Bildungsstandards unter externer Evaluierung.

Die Grünen sind zwar gegen eine "Show", aber für die Gesamtschule. Von Androschs Aussagen will sich Bildungssprecher Harald Walser "nicht irritieren lassen". Der Text sei eindeutig und "keine Frage der Interpretation".

Am Kurztext, der zum Unterschreiben in den Ämtern aufliegen wird, gibt es also weder von den Grünen noch von der IV Kritik: "Der Forderungstext, wie er jetzt vorliegt, ist für uns grosso modo akzeptabel", sagt Koren. Die Einschränkung "grosso modo" beruhe auf "einigen Unschärfen, die wir noch geändert haben wollten". Es seien nicht "alle Notwendigkeiten für den Bildungsstandort Österreich enthalten". Konkret geht es um die Fragen Studienbeiträge und Uni-Zugangsregelungen. Koren: "Diese Themen sind ausgeklammert worden."

Wann das Begehren ein Erfolg sei? Die Zahl der Unterschriften sei sicher wichtig, sagt Koren, aber ganz generell gelte: "Die Politik wird es sich nicht leisten können, weiter den Kopf in den Sand zu stecken und bei der Bildung nichts zu reformieren."

Besonders ungerechte Schule

Harald Walser hofft "auf mindestens 500.000 Unterschriften" - und neuen Schub für die Gesamtschulforderung durch eine noch unveröffentlichte, in der ZiB präsentierte Studie der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Der zufolge ist Österreichs Schulsystem besonders ungerecht. Verglichen mit 18 EU-Ländern und den USA rangiert Österreich auf dem drittletzten Platz - vor Italien und Slowenien. Schuld sei die frühe Differenzierung, sagt OeNB-Direktor Peter Mooslechner. (Peter Mayr, DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2011)

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