MeeGo, Qt und Co.: Nokias Wechsel trifft Open- ­Source-Welt hart

13. Februar 2011, 13:33
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Unsicherer Ausblick für einige Projekte und Unternehmen - Intel wurde offenbar überrascht

Auch wenn es sich in den letzten Wochen zunehmend abzeichnete, wollten doch viele BeobachterInnen bis zuletzt nicht so recht glauben, dass sich Nokia tatsächlich zu einem radikalen Kurswechsel zu Microsoft und dessen Windows Phone 7 durchringt, und auf diesem Weg die bisherige Smartphone-Strategie weitgehend in den Mistkübel wirft. Nun ist dieses Szenario aber tatsächlich eingetreten, und hat nicht zuletzt in der Open-Source-Welt einige Verunsicherung ausgelöst. Immerhin wirft der Nokia-Schwenk zahlreiche Fragen in Bezug auf die weiter Zukunft von durch Nokia maßgeblich betriebenen Projekten - und den daran hängenden Unternehmen - auf.

Unsichere Zukunft

Eine der zentralen Fragen dabei wohl: Wie geht es mit MeeGo weiter? Denn auch wenn Nokia am Freitag nicht gleich das vollständige Ende der eigenen Bemühungen rund um das Linux-System verkündet hat, ist die Wortwahl in diesem Zusammenhang doch recht eindeutig. Von der Veröffentlichung eines einzigen Smartphones, dem dann gleich eine Reorganisation des dahinter stehenden Entwicklungsteams und eine Neuausrichtung auf nicht näher spezifizierte experimentelle Projekte folgen soll, ist da etwa die Rede. Dass man offenbar auch Nokia-intern nicht mehr so recht an eine langfristige Zukunft von MeeGo bei Nokia glauben will, zeigt denn auch, dass sich mittlerweile gleich mehrere der EntwicklerInnen in ihren Blogs für neue Jobs offen zeigen.

Intel

Freilich wird MeeGo nicht von Nokia alleine entwickelt, ist es doch vom Start weg ein Gemeinschaftsprojekt mit Intel gewesen, dies unter dem Dach der Linux Foundation. Doch auch von Intel gibt es derzeit noch wenig Konkretes, dies wohl auch deswegen, da man recht augenscheinlich von der Nokia-Ankündigung überrascht wurde. In einer Stellungnahme heißt es, dass man über den Strategiewechsel des bisherigen Partners zwar sehr enttäuscht sei, die eigenen Bestrebungen rund um MeeGo allerdings fortführen wolle.

Smartphones

Gleichzeitig fügt man aber auch gleich an, dass man ohnehin schon jetzt eine Multi-Plattform-Strategie fahre, neben MeeGo nennt man hier auch Windows und Googles Android. Zudem betont man weniger den Fokus in Richtung Smartphones sondern auf andere Geräteklassen von automativen Systemen bis zu Netbooks und Tablets. Gerade in diesen Bereichen stellt sich allerdings die Frage, ob es für Intel wirklich Sinn macht, MeeGo alleine weiter zu entwickeln, immerhin visiert HP mit WebOS mittlerweile sehr ähnliche Bereiche an - auf Basis einer in weiten Teilen deckungsgleichen Plattform. Aus den Intel- und Nokia-Ankündigungen zieht man jedenfalls bei CNET schon mal den Schluss, dass MeeGo im Bereich Smartphones keinerlei Zukunft beschert ist.

Qt

Viele offene Fragen gibt es auch rund um das von Nokia maßgeblich entwickelte, frei C++-Framework Qt, das bislang im Zentrum von Nokias Entwicklungsplattform stand, und sich nun plötzlich unter vollständig veränderten Rahmenbedingungen wiederfindet. Denn auch wenn sich Nokia selbst bemüht, die Auswirkungen des Strategiewechsels herunterzuspielen, ist doch klar, dass Qt künftig eine veränderte Rolle zukommen wird, die wohl auch in der Entwicklungsrichtung ihren Niederschlag wiederfinden wird.

Symbian als Zukunft?

So betont man die Rolle von Qt für Symbian, also einer Plattform, für die man zwar in den kommenden Jahren noch den Absatz von 150 Millionen Smartphones anvisiert, die aber mittelfristig zur Gänze durch Windows Phone 7 ersetzt werden soll. Eine Ankündigung, die nicht zuletzt in der KDE-Community für einige Aufregung gesorgt hat, immerhin basiert der Linux-Desktop auf Qt, welches ja auch in diesem Umfeld seine Anfänge genommen hat. 

Keine Panik

In einigen Blog-Beiträgen betont man denn auch zunächst mal keine Panik aufkommen zu lassen, so lange man keine weiteren Details über die Zukunft von Qt wisse. Als problematisch könnte sich hier der Umstand erweisen, dass Qt primär von einem großen Unternehmen entwickelt wird - und entsprechend stark von diesem abhängig ist (auch wenn es mittlerweile einige kleinere Firmen rund um die Qt-Entwicklung gibt, Anm.)

Entlassungen

Jenseits solcher Überlegungen bleibt der Fakt, dass Nokia massive "Restrukturierungen" plant, denen wohl die Jobs zahlreicher Open-Source-EntwicklerInnen zum Opfer fallen werden. Ebenfalls in einer wenig erfreulichen Position finden sich nun die zahlreichen kleineren Unternehmen, die sich seit der ersten Version vom MeeGo-Vorgänger Maemo als Zulieferer rund um Nokia entwickelt haben - und zu einem Gutteil von den Aufträgen des Mobiltelefonherstellers abhängig sind.

Fazit

Auch wenn sich die wahren Auswirkungen der Nokia-Entscheidung erst in den kommenden Monaten zeigen werden, eines ist jedenfalls schon jetzt klar: Der 11. Februar wird wohl kaum als ein erfreulicher Tag in die Open-Source-Geschichte eingehen. (Andreas Proschofsky, derStandard.at, 13.02.11)

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    grafik: meego
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