Slowenien als Paradies für Mafiosi

13. Februar 2011, 14:57
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Saviano berichtet von Gespräch mit Prestieri - "Wir konnten tun, was wir wollten" - Institutionen von verschiedenen Mafia-Gruppen "gekauft"

Rom/Ljubljana - Italienische Mafia-Bosse fühlen sich in Slowenien offenbar pudelwohl. "Slowenien ist das Paradies für uns", erzählte der reuige neapolitanische Mafia-Boss Maurizio Prestieri dem bekannten Journalisten Roberto Saviano ("Gomorra"). Wie Saviano jüngst in einem Artikel für die Tageszeitung "La Repubblica" berichtete, konnten sich die Mafia-Bosse zwischen 2004 und 2006 vor der italienischen Justiz in Slowenien verstecken und von dort ihr europäisches Kokain-Geschäft aufbauen.

"Wir konnten tun, was wir wollten. Ohne Regeln. Glücksspiel, Frauen, Freunde aus aller Welt. Alles war zu kaufen und alles zu haben", schwärmte Prestieri in dem Gespräch mit Saviano von seiner Zeit in Slowenien. Die neapolitanischen Bosse seien bis zu neun Monate im Land gewesen, ohne besondere Schutzvorkehrungen treffen zu müssen. "Wir waren in Slowenien so sicher, dass wir uns mit unseren richtigen Namen ansprachen. Keine falschen Dokumente, überhaupt nichts." Prestieri berichtete weiter, dass die slowenischen Institutionen von verschiedensten Mafia-Gruppen "gekauft" seien, darunter auch die russische, serbische und türkische.

Waffen und Kokain

Als "pentito" (reuiger Mafioso) arbeitet Prestieri seit dem Jahr 2007 mit den italienischen Behörden zusammen. Wie Saviano dem öffentlich-rechtlichen slowenischen Rundfunk RTV Slovenija sagte, handelt es sich bei ihm nicht um einen "einfachen Mörder" (Prestieri soll 30 Menschen auf seinem Gewissen haben.) "Er ist ein Boss. Er hat gemeinsam mit Paolo Di Lauro und den Clans aus (dem kalabresischen) Locri den Charakter der Organisierten Kriminalität in Europa verändert. Sie haben nämlich die bisherigen Mafia-Investitionen von Heroin in Kokain umgeschichtet und die Italiener zur Nummer eins in diesem Metier gemacht", sagte er.

Slowenien diente den italienischen Mafiosi auch als Drehscheibe für ihre Operationen, berichtete Saviano. Über den kleinen EU-Staat seien Waffenlieferungen aus Serbien und Kroatien nach Italien abgewickelt worden. Dass sich die Bosse in Slowenien so sicher fühlten, überrascht den italienischen Mafia-Experten nicht. Wegen des vergleichsweise geringen Mafia-Problems mangle es auch an entsprechenden spezialisierten Polizei-Strukturen zu seiner Bekämpfung. "Die Polizei reagiert also nur auf Aufforderung von außen, etwa wenn die neapolitanische Polizei einen Haftbefehl ausstellt. Gibt es einen solchen nicht, kommt es kaum zu einer Strafverfolgung an Ort und Stelle. Und deshalb sind solche Regionen gleich mafia-freundlicher", erläuterte Saviano. Dies gelte auch für Großbritannien oder Skandinavien.

Trotzdem kann sich Saviano kaum vorstellen, dass die slowenischen Behörden nichts vom Aufenthalt der italienischen Bosse wussten. Glaube man Prestieri, sei nämlich "die gesamte Geschäftsführung aus Neapel nach Slowenien übersiedelt", und das nicht nur für eine Woche, sondern mehrere Monate lang. "Die slowenischen Behörden mussten davon wissen. Daran gibt es keinen Zweifel. Es kann sein, dass ein Teil der Institutionen mit ihnen zusammengearbeitet hat."

Der slowenische Botschafter in Rom, Iztok Mirosic, bemühte sich indes um Schadensbegrenzung. In einem Leserbrief an die Tageszeitung "La Repubblica" wies er darauf hin, dass in Savianos Bericht keinerlei Beweise, konkrete Daten oder sonstige Fakten angeführt werden. Auch habe Slowenien von den italienischen Behörden niemals einen Hinweis darauf erhalten, dass es sich bei Prestieri und Di Lauro um gesuchte Personen handle. "Wäre ein Haftbefehl ausgestellt worden, hätte die slowenische Polizei sie sofort verhaftet", betonte Mirosic.

Mutmaßlicher italienischer Mafia-Boss in Brasilien

Im Nordosten Brasiliens hat die Polizei einen mutmaßlichen Mafia-Boss aus Italien festgenommen. Anlass sei ein Gesuch eines Gerichts in Neapel gewesen, teilten die Behörden in Fortaleza am Samstag auf ihrer Internetseite mit.

Demzufolge soll Francesco Salzano einer der Anführer der italienischen Camorra sein und die Morde an drei Männern im Jahr 2009 befohlen haben. Salzano sei im Mai nach Brasilien eingereist und im Dezember habe der Oberste Gerichtshof die Festnahme angeordnet, teilte die brasilianische Polizei mit.

Zuvor war das Gesuch aus Italien eingegangen. Salzano wurde am Donnerstag von den Behörden in Fortaleza gestellt. Italien hat bereits seine Auslieferung beantragt. (APA)

 

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