"Die Revolution am Nil"

12. Februar 2011, 10:37
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"Neue Zürcher Zeitung": Militär ist die große Unbekannte - "Le Figaro": Neue Ära für den Nahen Osten

London/Genf/Paris/Warschau/Kopenhagen/Rom -

Die konservative britische Zeitung "The Times" kommentiert am Samstag den Rücktritt Mubaraks:

"Was in Ägypten passiert ist, wird nicht nur das Schicksal dieses 80-Millionen-Volkes verändern. Es wird die Politik in der gesamten arabischen Welt verwandeln. Nicht alle Dominosteine werden fallen. Doch zahlreiche Regierungen werden nun strampeln, um ähnliche Zustände zu vermeiden, die eine Revolution auslösen könnten. Das sollten sie auch. Im Nahen Osten ist die Demokratie in einem beklagenswerten Zustand. Die Herrscher missbrauchen regelmäßig Rechte, setzen sich über den Willen ihrer Bürger hinweg und haben es nicht geschafft, ihnen Zukunftsperspektiven zu bieten. Sie müssen begreifen, dass nur eine gute Regierung Zufriedenheit und Stabilität bringen können. Ägypten ist Warnung und Inspiration zugleich."

"Neue Zürcher Zeitung":

"Was die Generäle mit der Macht anfangen werden, die ihnen in den Schoss gefallen ist, ist die große Unbekannte. Der Vorsitzende des Militärrats ist Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, der in den letzten 20 Jahren Mubaraks Verteidigungsminister war. Er dürfte den vorsichtigen Kurs vorgegeben haben, den die Streitkräfte zwischen Regime und Protestbewegung steuerten, indem sie sich weigerten, auf die Demonstranten zu schießen, ohne die Legitimität Mubaraks in Frage zu stellen. Tantawi war einer der wenigen Exponenten des Regimes, die zum Tahrir-Platz gingen, um mit den Demonstranten zu sprechen. Er wird darauf achten müssen, dass die Einheit zwischen Armee und Volk, welche die Pro-Demokratie-Demonstranten zelebrieren und welche die Streitkräfte bisher zu wahren wussten, nicht zerbricht."

"Le Figaro" (Paris):

"Der Rücktritt Hosni Mubaraks macht den Weg frei für einen wirklichen Übergang, von dem man hofft, dass er demokratisch sein wird. Kontrolliert wird er von einer Armee, die sich mit den Zielen der Jugend solidarisiert hat. In Ägypten ebenso wie in Tunesien wurden diese völlig unerwarteten Umwälzungen durch die gleichen Faktoren ermöglich: die Forderungen der jungen Generation, die mobilisierende Macht des Internets und die Weigerung der Armee, ein ausgedientes Regime zu unterstützen. Da gleiche Ursachen oftmals gleiche Wirkungen haben, könnte für die gesamte arabische Welt heute eine neue Ära beginnen. Zahlreiche autoritäre Regime werden sich den neuen Vorgaben anpassen müssen oder damit rechnen, bald abgelöst zu werden."

"Rzeczpospolita" (Warschau):

"Ägypten steht vor einer Riesenchance. Es kann zur ersten arabischen Demokratie im Nahen Osten werden. Das Land hat ein großes Wirtschaftspotenzial und es entstehen dort Grundlagen einer Zivilgesellschaft. Ein stabiles und demokratisches Ägypten wird ein gutes Vaterland für seine Bürger und ein guter Nachbar für für andere Länder der Region sein.

Möglich ist aber auch ein Negativ-Szenario. Die Macht könnten die populären Muslimbrüder übernehmen. Dann würde sich Ägypten statt in eine Demokratie in einen zweiten Iran verwandeln. Das wäre eine verhängnisvolle Entwicklung für Israel und für die Ägypter selbst."

"Politiken" (Kopenhagen):

"Die Völker in der arabischen Welt werden diese Lektion nicht missverstehen, auch wenn die Möglichkeiten für eine Neuauflage des Triumphes der ägyptischen und tunesischen Bevölkerung von Land zu Land verschieden sind. China wird nicht mögen, dass ein Volksaufruhr, der 1989 in Peking scheiterte, jetzt in Arabien gelungen ist. Russland hat weder genug Kräfte noch Glaubwürdigkeit, um sich hier zu engagieren. Aber die EU und die USA müssen eine passende Haltung finden. Nach jahrzehntelanger Unterstützung für die Diktatur und dann zögerlicher, aber jetzt eindeutiger Unterstützung der Demokratie in Tunesien und Ägypten geht es jetzt um die die Menschen in den 20 anderen arabischen Militärdiktaturen oder Königreichen."

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Wie schon Ludwig XV. hatte Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak gewarnt: Nach mir kommt das Chaos. Jetzt müssen die Militärs ihm zeigen, dass er damit falsch liegt. Was sich abgespielt hat, das ist der Sieg einer Jugend ohne Partei. Die jungen Helden fordern die arabische Welt heraus. Und US-Präsident Barack Obama hat Recht, wenn es sagt, dass die Ägypter dabei sind, Geschichte zu schreiben. 18 Protesttage des Volkes haben also ausgereicht, um diesen Mubarak zum Rücktritt zu zwingen, der das Land nahezu 30 Jahre lang autokratisch in der Hand gehalten hatte. Die Hartnäckigkeit und Opferbereitschaft der nur mit dem Internet 'bewaffneten' Jugend haben einen Palast zum Einsturz gebracht, der uneinnehmbar schien." (APA)

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