Mosaik einer sehr eigenen Welt

12. Februar 2011, 04:48
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Fundstück: Philippe Claudels "Das Geräusch der Schlüssel"

Was prägt das Leben hinter Gittern, was machen die Insassen den ganzen Tag, wovon träumen sie, was lässt sie ausrasten? Gedanken zum Gefängnisalltag hat einer zusammengetragen, der verhältnismäßig gut weiß, wovon er spricht: der Regisseur und Autor Philippe Claudel, ausgebildeter Pädagoge zudem, der mehrere Jahre in einem französischen Gefängnis als Lehrer gearbeitet hat.

Er weiß auch, dass er nur unzureichend die Wirklichkeit der Haft wiedergeben kann, weil er sie doch nur als im Wortsinn Außen-Seiter kennt. Dies voraussetzend, reiht er dennoch seine Beobachtungen aneinander als kleine Botschaften, manche nur zwei Zeilen kurz, andere Geschichten aus einer anderen Welt mit einer ihnen eigenen Logik.

Nüchtern beobachtet er etwa, wie die Gefängnisbibliothek mit dem nicht mehr gebrauchten Abfall aus anderen Institutionen aufgestockt wird: verkritzelte Schulbücher als Wahrzeichen periodischer Wohltätigkeit. "Lakonische Protokolle" nennt Herausgeber Rainer G. Schmidt Claudels Buch und ortet es zwischen entsprechenden Betrachtungen von Hugo, Kafka und Foucault.

Ganz ohne Pathos hat der Autor das Mosaik einer sehr eigenen Welt zusammengestellt - sehr lesbar und jedem anzuraten, der sich über zu humanen Strafvollzug ärgert. (Michael Freund / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)

 

Philippe Claudel, "Das Geräusch der Schlüssel". Übersetzt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rainer G. Schmidt. € 16,50 / 110 Seiten. Friedenauer Presse, Berlin 2010

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