"Mubarak geht, wir werden bleiben"

11. Februar 2011, 21:38
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Hosni Mubarak, der Ägypten fast 30 Jahre lang regiert hatte, trat am Freitagabend nach 18 Tagen des Protests gegen ihn zurück

Die Demonstranten jubelten. Ein Militärrat übernahm die Kontrolle im Land.

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Die Menschen auf der Straße schienen den Entscheid mit ganzem Herzen zu begrüßen. Nur Sekundenbruchteile nach der Ankündigung war Alexandria in eine laute Welle von Feuerwerk, Freudenschüssen, Freudengeschrei und Autohupen getaucht, die immer lauter wurde. Viele Leute waren sprachlos oder hatten Freudentränen in den Augen, waren so überwältigt, dass sie sich kaum ausdrücken konnten. Es war eine Explosion von aufgestauten Gefühlen und der Überzeugung, die Würde zurückgewonnen zu haben.

Um 18.05 lokale Zeit hatte Vizepräsident Omar Suleiman mit versteinertem Gesicht im staatlichen Fernsehen in drei Sätzen verkündet, dass Mubarak zurückgetreten sei und dem Militär die Regierungsgeschäfte übertragen habe. Nach 18 Tagen hatte der nicht zu brechende Volkswille gesiegt. Mubarak und seine Familie haben sich nach Sharm el-Sheikh zurückgezogen. Am Freitag waren im ganzen Land wieder Millionen auf der Straße gewesen und hatten eindrücklich demonstriert, dass diese Protestwelle nicht abklingen wird, solange bis die Hauptforderung erfüllt und Präsident Mubarak nach fast 30 Jahren an der Macht zurückgetreten ist.

Viel Wut, viel Zuversicht

Nach der letzten Rede Mubaraks in der Nacht zum Freitag waren die Menschen noch wütender, als nach den beiden Reden zuvor, aber sie hatten auch viel Zuversicht, dass ihre Revolte eine gutes Ende nehmen wird. Sie hatten sich neue Ziele ausgesucht, allein 10.000 Menschen standen am Abend vor dem Präsidentenpalast im Kairos Stadtteil Heliopolis.

Die Anzeichen für das bröckelnde Regime waren unübersehbar. Das staatliche Fernsehen hatte den Ton geändert, führende Politiker hatten offen den Rücktritt von Mubarak gefordert und auch der neu ernannte Generalsekretär der Regierungspartei NDP, Hossam Badrawi, hatte am Freitag seine Funktion schon wieder hingelegt und erklärt, es brauche einen wirklichen Neuanfang.

Der Machttransfer war in den letzten 24 Stunden begleitet von einem Auf und Ab. Ein klares Drehbuch scheint es nicht gegeben zu haben. Was die Übernahme der laufenden Geschäfte durch die Armee bedeutet, wird sich in den kommenden Tagen erweisen, wenn die Generäle erklären müssen, wie sie sich den Übergang zu einem neuen, demokratischen System vorstellen.

Es war ein Sieg der Demonstranten. Die jungen Menschen haben nichts weniger verlangt als einen radikalen Schnitt. Sie fordern, dass das ganze System Mubarak entwurzelt und neue demokratische Spielregeln aufgestellt werden. Am Freitagabend hat es deshalb sicher auch Stützen des Regimes gegeben, die schwere Stunden hatten. Die Generäle erklärten zwar, sie würden die Interessen der Demonstranten unterstützen. Wie weit sie tatsächlich bereit sind zu gehen, wird sich in der konkreten Umsetzung zeigen müssen.

Ein Militärrat soll nun jedenfalls die Amtsgeschäfte übernehmen. Verteidigungsminister Mohamed Hussein Tantawi, der auch Chef dieses Militärrates ist, übernahm die Kontrolle über das Land, hieß es. Tantawi begrüßte am Freitagabend vor dem Präsidentenpalast in Kairo die feiernden Demonstranten. Die Regierung soll nun vom Militärrat entlassen und das Parlament aufgelöst werden.

Die Nachricht, dass nun das Militär die Führung des Landes übernimmt, stieß aber auch auf Kritik. "Wir lieben die Armee, aber es ist das Volk, das diese Revolution geführt hat und das diese jetzt auch kontrollieren muss" , sagte etwa eine 24-Jährige auf dem Tahrir-Platz. Die Muslimbrüderschaft dankte hingegen der Armee dafür, dass sie den Kampf des Volkes unterstützt habe. "Das Hauptziel der Revolution ist erreicht worden" , sagte der Vertreter der Bruderschaft, Mohamed al-Katatni.

Weltweit äußerten Regierungschefs Respekt für den Schritt des autokratischen Machthabers. Beobachter rechnen mit Erschütterungen in weiteren autokratisch regierten Ländern in der arabischen Welt.

Vor dem Rücktritt hatten die Demonstranten ihrer Wut freien Lauf gelassen. "Mubarak geht, wir werden bleiben!", schrien sie zehntausendfach. Etwa zur gleichen Zeit vermeldete der arabische TV-Sender al-Arabiya dann, Mubarak habe zusammen mit seiner Familie mit einem Helikopter Kairo verlassen und sei am Roten Meer in seiner Ferienvilla eingetroffen.

Was er am Donnerstag in seiner Rede angeboten hatte, war offensichtlich viel zu wenig, kam viel zu spät. Mubarak hatte einen Teil seiner Befugnisse an Vize-Präsident Suleiman abgegeben und versprochen, im Rahmen der Verfassung demokratische Reformen durchzuführen, die in freie und faire Präsidentenwahlen im September münden sollen.

Wie der ehemalige Vorsitzende des Obersten Justizrates in einer lokalen Zeitung erklärte, hatte Mubarak zu diesem Zeitpunkt noch drei Befugnisse. Er konnte noch das Parlament auflösen, die Regierung entlassen und die Verfassung ändern. Die Kontrolle über das Militär schien ihm aber schon da entzogen worden zu sein. Die Generäle tagten bereits seit Donnerstag, fast ohne Unterlass.

Die Zögerlichkeit des Langzeit-Staatschefs hatte zuletzt aber nicht nur die Armeeführung, die USA und natürlich die Bevölkerung selbst auf eine harte Probe gestellt. Als er ging, sagte auch der Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei zum britischen Sender BBC: "Das ist der schönste Tag meines Lebens."

Kritik an Suleiman

In Kairo, wo die Menschen in Richtung Präsidentenplatz gezogen waren, der von der Armee mit Stacheldraht abgeschirmt wurde, stiegen Helikopter über der Stadt auf. Während die Freude groß war, dass die Ära Mubarak zu Ende ist, hörte man unter den Demonstranten gleichzeitig auch Auflehnung gegen Vizepräsident Omar Suleiman. "Der ist nur das zweite Gesicht von Mubarak", sagte etwa Madiha, die in Alexandria demonstrierte. "Dieses Regime hat hoffentlich ein letztes Mal sein hässliches Gesicht gezeigt", hoffte die junge Frau. (Astrid Frefel/DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2011)

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    "Auf zum Tahrir-Platz", hieß es am Freitag in Kairo, nachdem Mubarak zurückgetreten war. Hunderttausende strömten dorthin (li.). Insgesamt feierten Millionen von Ägyptern den Wechsel in ihrem Land.

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