Die Schattenseiten des "Philosophenschutzes"

11. Februar 2011, 21:22
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Momentaufnahme eines akademischen Arbeitskampfes in Ungarn und die Frage nach der intellektuellen Redlichkeit grenzüberschreitender Mahnungen und Betroffenheitsmanifeste. Von Herbert Hrachovec

In Budapest geht es wild zu. Kritische Medien können nach einem neuen Gesetz ökonomisch ruiniert werden, ohne Berufungsmöglichkeit. Staats- und Gemeindebediensteten droht die fristlose Kündigung, keine Gründe nötig. Nach 20 Jahren verliert eine Frau ihre Stelle: die gesamte Tontechnik des Parlaments wurde hinausgeworfen. Die Willkür schlägt sich auch auf Universitäten. An Philosophen kann man gut ein Exempel statuieren. Aber sie lassen sich auch schwer mundtot machen. Es folgt die Momentaufnahme eines akademischen Arbeitskampfes.

Am 8.1. dieses Jahres tritt der Sonderbeauftragte der Regierung, Gyula Budai, mit einer Meldung an die Öffentlichkeit. Er empfiehlt die Anklage gegen sechs Projektleiter/innen , allesamt aus der Philosophie. Sie hätten aus Ausschreibungen 2004/05 unrechtmäßig Gelder bezogen und stünden überdies im Verdacht, sich persönlich bereichert zu haben. Die Auswahl der betroffenen Personen ist vom Feinsten. Angenommen der ÖFB bestellt eine Dopingbeauftragte. Sie inkriminiert bei ihrem ersten Eingreifen diese Spieler: Alaba, Asmoah und Okotie. Bemerken Sie ein Muster? Genau so eindeutig war Gyula Budais Vorgehen. Die Auswahl spricht für sich. Man muss eine bestimmte Menschengruppe nicht per Namen diffamieren.
Oder doch. Genau abgestimmt mit der Ankündigung des Kommissars beginnt eine Pressekampagne gegen die Betroffenen. „Das sind diese typisch geldgierigen Intellektuellen, die es sich auf Kosten des ungarischen Volkes gut gehen lassen." Knackige Überschriften werden erdacht. Der staatliche Fond sollte technische Innovationen fördern. In diesem Rahmen befasste sich ein Projekt mit einer Neuübersetzung Platons. „Millionen Forinth für die Übersetzung Platons aus dem Ungarischen ins Ungarische."

Ein Monat ist vergangen und die Verteidigung gegen die Repressalien der Regierung hat in diesem kleinen Biotop vergleichsweise gut funktioniert. Sachkundige Recherchen ergaben, dass zwischen 2001 bis 2005 unter den genannten Bedingungen 108 geisteswissenschaftliche Projekte gefördert wurden. Warum holte Budai sich die sechs heraus? Waren die anderen durch ihre Volksnähe von vornherein über jeden Verdacht erhaben? László Tengelyi, ein aus Ungarn stammender Professor in Wuppertal, rief am 20.1. in einem offenen Brief zur Solidarität auf. Am 24.1. erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Appell Julian Nida-Rümelins und Jürgen Habermas': „Schützt die Philosophen!" Zahlreiche Ehrenmitglieder der Ungarischen Akademie der Wissenschaften forderten deren Präsidenten auf, sich den Diffamierungen entgegenzustellen. Siehe da: Philosophen sind eine Berufsgruppe, bei der man den Einsatz gegen Einschüchterungstaktik lernen kann.
Das ist der - zumindest teilweise - sonnige Teil der Geschichte. Es gibt auch Schattenseiten und das Berufsethos verlangt, dass man die Augen nicht vor ihnen verschließt. Es ist ein Faktum, dass gegen populistische Rhetorik Appelle einigermaßen gut funktionieren: an die Vernunft, die demokratischen Werte und die allgemein anerkannten Regeln der Staatengemeinschaft. Wer wäre dafür geeigneter als Jürgen Habermas? Das ist auch in Ordnung und hatte dennoch einen Schönheitsfehler. Wie ist es mit den Abrechnungen wirklich zugegangen? Ebenso unwahrscheinlich wie der Verdacht, ausgerechnet die genannte Gruppe hätte Geld kassiert, ist die Annahme, sie wäre von vornherein unschuldig.
Das Problem hat mich beschäftigt, als ich vom Ausland her Rundmails verfasste, um auf den ungarischen Missstand hinzuweisen. Darum war ich besonders neugierig darauf, wie Nida-Rümelin die Schwierigkeit meistert. Er hat danebengehaut. In seinem Manifest berichtet er, die Projektleiter/innen hätten versichert, ihre Tätigkeit „undotiert" durchgeführt zu haben. Ich zweifle sehr, dass er wirklich nachfragte, und abgesehen davon hat einer von ihnen nachweislich Geld bekommen. (Ist ja im Prinzip auch nichts dabei.)

Die deutschen Philosophie-Autoritäten machen uns glauben, sie könnten sich in zwei Tagen ein Urteil über die Abwicklung von sechs Projekten in einer fremden Hauptstadt bilden und fügen ihrer eindringlichen Mahnung einen Persilschein bei. Das Dokument, darin liegt die Gegen-Gewalt des Vernunft-Appells, verbreitet sich in Windeseile im Netz. So prominente Befürworter sind jedenfalls eine Meldung wert. 

Nicht umsonst ziert den Beitrag in der Süddeutschen Zeitung ein Porträt Nida-Rümelins. Und Robert Misik hatte auch nicht den besten Tag, als er in seinem Videoblog die Intervention der Philosophen rezitierte. Er nimmt seine Information aus dem Betroffenheitsmanifest und fügt eine beinahe kabarettistische Oberflächlichkeit hinzu: „Ja, so geht's zu heute in Ungarn."
Das Blog, auf dem ich die Ereignisse verfolgte, spielte insofern eine Rolle, als ich in einer frühen Phase die ungarisch-deutschen Beiträge englisch kommentierte. Die internationale Aufmerksamkeit stieg sprunghaft, als ein einflussreiches US-amerikanisches Gemeinschaftsblog Zitate aus meiner Darstellung übernahm. Japanische Tweets zirkulierten, an denen ich gerade einmal die URL des Blogeintrags entziffern konnte. Für kurze Zeit lag meine Erwähnung Budais auf Google vor dessen eigener Homepage. Irgendwie mache ich mir Sorgen um die Vernunft. Ohne die Kleinarbeit vor Ort klingt sie nicht selten hohl. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2011)

Herbert Hrachovec (Jg. 1947) ist Philosoph und lehrt an der Universität Wien; der Wittgenstein-Spezialist hat sich in zahlreichen Publikationen und Projekten mit den Ambivalenzen der digitalen Kommunikation auseinandergesetzt, initiierte u.a. 2008 ein Online-Theoriearchiv und betreibt ein Blog unter http://phaidon.philo.at/qu, das alle hier angesprochenen Texte verlinkt.

 

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