Mit hässlichen Dingen leben lernen

11. Februar 2011, 21:16
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Die Sprache ist uns ein Anliegen. Bitte jetzt nicht schmunzeln.

Die Sprache ist uns ein Anliegen. Bitte jetzt nicht schmunzeln. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir uns auch auf der Titelseite mit anstehen und Deppen_apostroph beschäftigen. Das hat seinen Ursprung in internen Debatten übers richtige Wort am richtigen Platz. Die Debatte darüber in der Leserschaft zeigt: Sprach_puristen gegen Deutschpioniere ist eine Frontstellung, die es nicht nur in der Redaktion gibt. Wir nehmen Sprachveränderung ja zur Kenntnis – „Unschuldsvermutung“ war vor Jahren ebenso wenig verbreitet wie „Kabinenparty“. Den ärgsten Auswüchsen wollen wir jedoch Paroli bieten, Das liest sich unter Umständen dann so, dass Mae in Die Katze auf dem heißen Blechdach Maggie keine Parole bieten kann. Gemeint ist dennoch, das die eine Frau sich gegenüber der anderen nicht behaupten kann.

Wir stoßen immer wieder an Grenzen. Wenn einer sagt, „für Leute am Land ist das völlig normal“, sollen wir ihn dann ausbessern und auf dem Land sagen lassen, oder haben wir im Zitat die Sprachpraxis zur Kenntnis zu nehmen? Die Frage stellt sich auch an einem anderen Beispiel: Wenn die EU von Autos verlangt, dass diese auch tagsüber mit eingeschalteten Scheinwerfern unterwegs sein müssen, dann dürfen wir sicher sein, es sei von Licht bei Tag die Rede. Vermutlich würde diese Formulierung als gespreizt aufgenommen werden, eingebürgert hat sich Licht am Tag. Das ist die Kraft des Faktischen: Mit dem Auto umgehen können mehr Menschen als mit der Grammatik. Wir befassen uns aber nicht einfach nur mit Autos, uns geht es um die Lösung der Zukunftsfragen der Menschheit, und da wird die Welt auch sprachlich komplizierter. Wenn also von phantasmatischen großtechnischen Ideen die Rede ist, mit denen der Klimawandel hintangehalten werden soll, dann sind Trugbilder gemeint. Man könnte auch sagen, phantasmagorische Vorstellungen.

Gusto und Gebäude

Hier ist ein Punkt hinter diese sprachlichen Überlegungen zu setzten, ehe die Erörterung ausufert. Es wird Gelegenheit sein, den Faden wieder aufzunehmen. Halten wir uns an erdige Dinge, etwa die Frage, ob das Kongresshaus in Bad Gastein ein häss_licher, weithin sichtbarer Betonklotz ist. Das Haus verfällt seit Jahren. In der Architekturgeschichte nimmt das Gebäude jedoch einen anderen Platz ein: „Diese ,Dramatik‘ der Subkonstruktion ist durchaus ein traditionelles Element der Gasteiner Bauten, ebenso wie deren großstädtische Architektur.“ Das Kongresshaus sei über seine Räumlichkeiten hinaus ein Bau, der besondere städtebauliche Bedeutung erlangte.

In der Kinderuni haben wir uns mit Schimmelbildung – auch in Gebäuden – befasst. Wir sind bis zu Botulin vorgedrungen, und wir haben geschrieben, dies sei ein Schimmelpilzgift. Tatsächlich handelt es sich Bakterien, die über nicht hinreichend konservierte Nahrungsmittel aus Konserven aufgenommen werden. Wie in der Sprache: Besser, man nimmt nicht alles auf, was man bekommen kann. (Otto Ranftl, Leserbeauftragter, DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2011)

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