Krise wurde nicht beachtet

11. Februar 2011, 19:31
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Makroökonomen schenken den von Finanzökonomen untersuchten Themen meist keine Aufmerksamkeit und umgekehrt

Auf dem Höhepunkt der Krise fragte die Königin von England, warum Wirtschaftswissenschafter nicht in der Lage waren, die Krise vorherzusehen. Darauf existieren mehrere Antworten.

Die erste lautet, dass den Ökonomen Modelle fehlten, die das Verhalten, das zur Krise führte, berücksichtigen konnten. Die zweite, dass sie Scheuklappen aufhatten, da sie sich auf eine Ideologie verließen, nach der einem freien Markt keine Fehler unterlaufen. Und die dritte, die an Zuspruch gewinnt, das System habe die Wissenschafter bestochen, damit sie schweigen.

Ich behaupte, dass drei Faktoren unser kollektives Versagen erklären: Spezialisierung, die Schwierigkeit, Vorhersagen zu treffen, und die Losgelöstheit eines Großteils der Ökonomen von der realen Welt.

Wie die Medizin sind auch die Wirtschaftswissenschaften stark aufgeteilt - Makroökonomen schenken den von Finanzökonomen untersuchten Themen meist keine Aufmerksamkeit und umgekehrt. Um die Krise jedoch kommen zu sehen, wäre jemand notwendig gewesen, der sich in jedem Bereich auskennt. Da in diesem Beruf nur sorgfältige, gut abgesicherte, aber notwendigerweise eng eingegrenzte Analysen anerkannt werden, versuchen wenige Ökonomen, Teilgebiete einzubeziehen. Selbst wenn sie dies täten, würden sie vor Prognosen zurückschrecken.

Der Hauptvorteil, den universitäre Wirtschaftswissenschafter gegenüber professionellen Prognostikern haben, könnte ihr erhöhtes Bewusstsein hinsichtlich festgestellter Beziehungen zwischen Faktoren sein. Was am schwierigsten vorherzusagen ist, sind jedoch Wendepunkte. Obwohl es Faktoren geben mag, die Wendepunkte signalisieren, handelt es sich dabei nicht um unfehlbare Prädiktoren für kommende Schwierigkeiten.

Die dürftige berufliche Anerkennung für breitgefächertes Wissen führt zusammen mit der Ungenauigkeit und dem Risiko der Rufschädigung, das mit Prognosen verbunden ist, dazu, dass sich die meisten Akademiker zurückziehen. Zudem kann es gut sein, dass universitäre Wirtschaftswissenschafter wenig über kurzfristige Wirtschaftsbewegungen zu sagen haben, sodass Prognosen am besten professionellen Prognostikern überlassen werden.

Es besteht allerdings die Gefahr, dass die Nichtbeachtung kurzfristiger Entwicklungen dazu führt, dass Wirtschaftswissenschafter mittelfristige Trends ignorieren, mit denen sie sich sehr wohl beschäftigen können. Wenn dem so ist, könnte der wahre Grund, warum die Wissenschafter die Krise übersehen haben, bei weitem banaler sein als unzulängliche Modelle oder ideologische Verblendung; viele haben ihr einfach keine Beachtung geschenkt! (© Project Syndicate, 2011. Übersetzung: Anke Püttmann; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2011)

RAGHURAM RAJAN ist Professor für Finanzwissenschaften an der Booth School of Business der University of Chicago und Autor von "Fault Lines: How hidden fractures still threathen the wordl economy".

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