Wasserlose Toilette bringt Hygiene und Strom

11. Februar 2011, 18:58
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2,6 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen. Ein Social-Business-Projekt will das ändern helfen

Es ist ein Problem, das im Wortsinn zum Himmel stinkt. 2,6 Milliarden Menschen auf dieser Welt haben keinen Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen. Ein Social-Business-Projekt will das ändern helfen.

Wien – Was für uns eine Selbstverständlichkeit ist, ist für rund 40 Prozent der Weltbevölkerung ein unerfüllbarer Luxus: saubere Toiletten. Die Folgen sind Durchfallerkrankungen, Hepatitis, Würmer und im schlimmsten Fall der Tod. Täglich sterben allein mehr als 6000 Kinder an vermeidbaren Durchfallerkrankungen.

Spültoiletten westlichen Standards stellen keine sinnvolle Lösung des Problems dar – von den Kosten abgesehen, mangelt es in den betroffenen Regionen (vor allem Subsahara-Afrika und weite Teile Asiens) dafür an Wasser und Kanalisationsnetzen.

Bei einem Aufenthalt in Indien erlebte die in Berlin lebende israelische Designerin Noa Lerner den Toilettennotstand in Entwicklungsländern hautnah – was sie dazu bewegte, nach einem Ausweg zu suchen. Resultat war x-runner: eine kompakte Hocktoilette, die ohne Anschluss an die Kanalisation und mit wenig Platz auskommt.

Fäkalien zu Biogas

Doch Lerner hat bei ihrem Miniklo noch weiter gedacht: Die Fäkalien werden in einem Tank unterhalb der Hockfläche gesammelt. Ein mechanischer Siphon schließt den Tank geruchsdicht ab und sorgt für die notwendige Hygiene. Ist der Tank gefüllt, kann ihn der Nutzer vom Sitz lösen und die Exkremente zu einer lokalen Biogasanlage transportieren und dort entsorgen. Durch seine Nanobeschichtung lässt sich der Tank nach seiner Entleerung einfach und mit wenig Wasser reinigen. Die Biogasanlage verwertet die Fäkalien zu Biogas und Dünger, die Haushalten in Form von Kochgas, Warmwasser, Elektrizität zur Verfügung gestellt werden können.

Ein vielseitiges Konzept, für dessen Realisierung es aber bisher vor allem an einem mangelte: Geld. 300.000 Euro werden für die Startphase benötigt. Um Prototypen zu bauen, sie in den Slums von Neu-Delhi zu testen und zu evaluieren, was ein leistbarer Preis für die Bewohner sein könnte.

Einer, der von dem Projekt überzeugt ist, ist der Österreicher Michael Artaker. Deshalb hat sich der Wiener Unternehmer mit anderen Unterstützern zusammengetan, um das Vorhaben als Sanitation Social Business zum Laufen zu bringen. Artaker lernte Lerner bei einer Veranstaltung der gesellschaftspolitisch orientierten Plattform Globart kennen. "Es ist eine Frage der Menschenwürde, in beengten Verhältnissen, wie sie in Slums vorherrschen, unbeobachtet von anderen seine Notdurft verrichten zu können, von den hygienischen Bedingungen ganz abgesehen", begründet er sein Engagement im STANDARD-Gespräch.

Neue Arbeitsplätze

Voraussichtlich kommende Woche wird Artaker zufolge in Berlin eine GmbH gegründet werden, an der Interessierte sich weltweit beteiligen können. Derzeit gebe es fixe Zusagen in Höhe von 40.000 Euro. Einen Letter of Intent, das Projekt mit seiner Expertise zu unterstützen, hat Kunststoffhersteller Borealis unterzeichnet. Mithilfe zugesichert hat auch die indische NGO Sulabh International, die in dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung schon mehr als 6000 öffentliche Toiletten betreibt.

Das drängende Sanitärproblem lasse sich nicht mit Spenden lösen, ist Artaker überzeugt. "Es ist leicht, Geld aufzutreiben für Kinder oder Tiere, aber nicht für Fäkalien", sagt er mit einem Hauch Ironie. Deshalb hält er den Weg, das x-runner-Projekt als Social Business aufzusetzen, für einzig zielführend. "Wenn das Projekt läuft, dann wird es zu einem Unternehmen, das mit seinen Produkten nicht nur ein riesiges Hygieneproblem löst, sondern auch Arbeitsplätze schafft und so wieder zur Verbesserung des Lebensstandards von Menschen in armen Ländern beiträgt."

Natürlich gebe es immer ein Restrisiko. Das sei wie beim Venture Capital. Da wisse man am Anfang auch nie, ob sich das durchsetze. "Aber ich glaube an diese Sache", betont Artaker. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2011)

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    Bisher unerfüllbarer Luxus für Slumbewohner: fließendes Wasser und eine einfache Toilette.

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    foto: foto: x-runner
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