Wir leben mehr denn je in einer Neidgesellschaft - Von Leopold Federmair
Was unsere Gemeinsamkeit definiert,
ist unsere gegenseitige Abgrenzung, unser Egoismus. Was uns definiert, ist das
Habenwollen, nicht das Sein. Eine Kritik des Neids.
Die zehn Gebote waren mir unheimlich. Als Verbote formuliert, waren sie eher
Drohung als Leitfaden. Unter einigen konnte ich mir gar nichts Rechtes
vorstellen. Lügen und stehlen war klar, das durfte man nicht; töten, das gab es
nur in den Karl-May-Büchern; und die Eltern ehren, wer tat das nicht? Was
Unkeuschheit bedeutete, wurde mir nach und nach klar, aber die Unheimlichkeit
blieb. Verwirrt hörte ich, wie mein Onkel, der Pfarrer von Adlwang, beteuerte,
Notlügen seien erlaubt. Einmal behauptete er sogar, wenn jemand seine
Brieftasche auf dem Tisch liegen lasse, dürfe er sich nicht wundern, wenn ein
Geldschein fehle: die nachlässige Person, die dem Dieb eine Gelegenheit biete,
sei der eigentliche Übeltäter, dem Dieb könne man verzeihen.
Die letzten beiden Sünden des Dekalogs wurden uns im Religionsunterricht
nicht erklärt, aber auswendig lernen mussten wir doch alle. Du sollst nicht
begehren deines Nächsten Weib. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Gab es denn Leute, die im Haus des Nachbarn wohnen wollten? Ich war mit meinem
Haus ganz zufrieden, wäre nie auf den Gedanken gekommen zu übersiedeln. Das Wort
"übersiedeln" kam erst spät in meinen Wortschatz. Und die Weiber, das waren die
Frauen, die erwachsenen Frauen ... Die Frau war also etwas wie ein Haus, ein
Auto oder ein Möbelstück? Begehren, das war, wenn man etwas unbedingt haben
wollte; ich glaube, so weit verstand ich das Wort.
Wenn die Meinung, die die anderen von mir haben, so gut ist, dass sie, die
anderen, keine Möglichkeit sehen, so gut oder schön oder wohlhabend wie ich zu
werden, laufe ich Gefahr, ihren Neid zu erregen: sagt Nietzsche. Die Hauptsünden
hängen zusammen, sie bilden ein System, wie auch die Affekte ein System bilden.
Im Grunde verhält es sich mit dem allzu Eitlen so wie mit der Schlampe, die ihre
Brieftasche auf dem Wohnzimmertisch liegen lässt: Er stellt seinen Reichtum zur
Schau. Mit ihm kann sich niemand mehr vergleichen, er steht über allen anderen,
letzten Endes gefährdet er das System der wechselseitigen Spiegelungen.
Der Neid, von dem Nietzsche spricht, ist jedoch ein verzweifelter, insofern
der Neidige nicht hoffen kann, selbst in den Besitz des Reichtums (der Schön-
oder Gutheit) des tollen Hechts zu gelangen, oder in den Besitz eines Reichtums,
der dem des allzu Eitlen gleichkommt. Sich spiegeln - wir sind hier schon bei
der Rückspiegelung, oder genauer: Es ist ein dauerndes Hin und Her, wir sind
immer schon mitten im Spiegelspiel - heißt, sich vergleichen und verglichen
werden. Normale Eitelkeit hat den Neid im Schlepptau, während extreme, allzu
selbstbezogene, übermäßig selbstgewisse Eitelkeit das Subjekt allen
gesellschaftlichen Zusammenhängen entreißt: Mir ist egal, was ihr von mir denkt.
Ja, neidlos blickt er: und ihr ehrt ihn drum?
Er blickt sich nicht nach euren Ehren um;
Er hat des Adlers Auge für die Ferne,
Er sieht euch nicht! - er sieht nur Sterne, Sterne.
Dieses Gedichtchen gehört zum Vorspiel von Nietzsches Fröhlicher
Wissenschaft, und man darf die Sätze wohl auf ihn selbst beziehen: Ecce
homo. Der arme, eitle, vereinsamende, unermüdlich dem Wahnsinn entgegengehende
Dichter-Denker hat sich in seinem Denken und Schreiben von den Menschen seiner
Gegenwart entfernt, er denkt nicht den gegenwärtigen, sondern den kommenden
Menschen und kommuniziert mit einigen anderen, die längst verstorben sind. Dünne
Luft, Höhenluft. Keine Spiegel. Im Grunde hat er erreicht, was sein Lehrer
Schopenhauer in eingängiger Form - die Gesellschaft als Kinderspiel - in seinem
Stachelschwein-Gleichnis skizziert und empfohlen hatte: "Wer jedoch viel eigene,
innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu
geben, noch zu empfangen." Dieser letzte Satz, eigentlich die Moral der
Geschichte, wird beim Zitieren und Auslegen meistens weggelassen. Wahrscheinlich
glaubt man, er sei für Kinder unverträglich. Der Bruch des Gesellschaftsvertrags
ist für Kinder (und erwachsene Spieler) unverträglich.
Wie dem auch sei, wer nur noch Augen für das Weltall - oder die Geschichte -
hat, der muss viel Kälte vertragen können. Normalsterbliche können das, indem
sie sich warm anziehen; Ausnahmemenschen haben viel innere Wärme. Ein heimliches
Feuer, das unverdrossen brennt, auch wenn die anderen es gar nicht bemerken. Die
Ausnahmemenschen brauchen niemandem etwas zu neiden. Sie kommen gar nicht auf
diesen Gedanken, weil sie die Mitmenschen allenfalls als Statisten, als
Landschaftsteil wahrnehmen. Statisch, die anderen, die Zurückbleibenden. Nicht
dynamisch wie ich, die Ausnahme.
Die Wahrheit ist, dass wir mehr denn je in einer Neidgesellschaft leben. Was unsere Gemeinsamkeit
definiert, ist unsere gegenseitige Abgrenzung, unser Egoismus. Was uns
definiert, ist das Habenwollen, nicht das Sein. Durch das Internet kann heute
jeder, ohne sich irgendwelche Umstände zu machen, die Seelenverfassung des
Durchschnittsbürgers studieren; besonders die Seelenverfassung des männlichen
Durchschnittsbürgers - die Frauen scheinen ihr Mitteilungsbedürfnis weiterhin
auf traditionelle, "privatere" Weise zu befriedigen.
Verdächtig und beneidenswert
Eine der Haupteigenschaften dieser Mehrheitsseele ist der Neid. Das geht aus
tausenden von sogenannten Foren hervor. (Und warum sogenannten, es stimmt ja,
der alte Platz des Austauschs von Gütern, Informationen und Meinungen hat sich
ins Internet verlagert, der leibhaftige Kontakt ist überflüssig geworden.) Nicht
nur die sogenannten User der Boulevardblätter sind Neidhammel, auch die der
sogenannten Qualitätszeitungen. Also alle, und ich glaube nicht, dass ich,
ebenfalls ein User, das Recht habe, mich selbst auszuschließen. So sind zum
Beispiel die allermeisten Berufsgruppen verdächtig und zugleich beneidenswert
geworden. Alle haben Privilegien, alle besitzen oder bekommen etwas, das ich
nicht besitze oder das mir verwehrt wird. In erster Linie natürlich Geld. Alle:
die Beamten, die Lehrer, die Bauern, die Manager, die Sozialleistungsempfänger
(die Arbeitslosen) und natürlich, last, but not least, die Politiker. Die Alten,
die Jungen, die Beitragszahler, die Rentenempfänger. Die Inländer, die
Ausländer. Die Bevölkerung im Westen, die im Osten. Die Leute im Süden, die im
Norden. Ich erinnere mich gut, wie in Italien die Desolidarisierung begann, das
Auseinanderbrechen einer historisch gewordenen Gemeinschaft, und die reichen
Nordregionen nicht mehr für den armen Süden zahlen wollten. Ich war damals vor
Ort, im armen Süden, und wenig später begann derselbe Prozess, jedoch bedeutend
gewaltsamer, in einem Nachbarland. Wo? In Jugoslawien. Dieses Land ist heute in
Stücke zerrissen, und es wird sich, oberflächlich zwar, wieder einen im Rahmen
der EU, die eines Tages einem ähnlichen Zerfallsprozess ausgesetzt sein könnte.
Auch auf die EU lässt sich Schopenhauers Gleichnis anwenden. Ist es warm, rücken
die Menschen zusammen; wird es kalt, stoßen sie einander ab.
Ich möchte ein Beispiel nennen, ein einziges unter Millionen (dank sei dem
Internet). In einem Interview erzählt der österreichische Dichter Erwin
Einzinger, dessen Gedichte und Prosa ich bewundere - neidlos, wie ich hoffe,
aber wer weiß -, vom bisherigen Leben eines Autors, der wie so viele auf einen
anderweitigen Broterwerb angewiesen war. War, weil er inzwischen in Pension
gegangen ist. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Einzinger 57 Jahre alt, er hat 28
Dienstjahre als Lehrer an einer Mittelschule hinter sich gebracht.
Achtundzwanzig Dienstjahre! Nicht schlecht ... Ich erinnere mich, wie ich als
junger Student in der Salzburger Alpenbuchhandlung Lammzungen in
Cellophan verpackt in die Hände nahm, diese krude und poetische und sprachlich
exzentrische, angemessen exzentrische Bestandsaufnahme der modernen Alltagswelt,
das erste Buch Erwin Einzingers, der fünf Jahre vor mir an derselben Universität
wie ich studiert hatte (und von dem ich hörte, dass er irgendwo in der Provinz
einen Lehrerposten antreten würde), und ich staune zum wiederholten Mal, wie
sehr dieser Dichter seinen wenig spektakulären Anfängen treu geblieben ist,
einer Obsession, die sich aus dem genauen Hinschauen speist und aus dem
Hinhören, denn der besondere, weit ausschwingende Einzinger-Ton ist aus
zahllosen Blüten und Trockenblumen der Alltagssprache der Provinz gemacht, in
der er aufgewachsen und als Lehrer tätig war. All die Jahre, fast drei
Jahrzehnte, hat Einzinger, der nicht nur mit Ausdauer an seinem Werk arbeitete,
sondern auch Bücher von Autoren wie Robert Creely oder John Ashbery aus dem
Englischen übersetzte, nicht etwa nichts getan, sondern regelrecht geschuftet.
Wie lange versieht ein Lehrer in Österreich durchschnittlich seinen Dienst,
bevor er in Pension geht? Dreißig, fünfunddreißig Jahre? Nicht viel mehr als
Einzinger, glaube ich. Und wie viel Pension bekommt Einzinger? 1100 Euro.
Tauseindeinhundert, nicht viel mehr als das, was als Existenzminimum gilt. Von
vierzehn Postern, die zu dem Interview gepostet haben, finden das sechs Poster
schändlich. Fast die Hälfte. In einer "Qualitätszeitung". Aus diesen Leuten
spricht nichts anderes als der Neid - der grundsätzliche, reflexhafte Neid, der
sie davon ausgehen lässt, dass sie selbst zu wenig bekommen.
Eine Dichterexistenz wird von Leuten verworfen, die sich nicht nur nicht die
Mühe machen, Einzingers Bücher zu lesen, sondern nicht einmal die, vom
Zeitungsinterview, zu dem sie posten, mehr als die Überschrift und vielleicht
noch die Einleitung zu lesen. Warum posten sie dann? Erstens aus Eitelkeit; ihr
Befürfnis nach Selbstgenuss wird befriedigt durch zahllose kleine Publikationen,
auf die sie ein "Recht" zu haben glauben. Zweitens aus Neid, oder genauer, um
ihrem Neid Ausdruck zu verschaffen: Sie brauchen ein Ventil, das Postingventil.
Deshalb können wir, die wir etwas von unserer inneren Wärme abgeben wollen
(obwohl auch wir die Kälte kennen), die österreichische und deutsche und
europäische Seele heute so umstandslos studieren. Bis zum Überdruss, wenn wir
wollen, aber das wollen wir nicht, wir klicken die Postingliste nach ein paar
Blicken weg, oft bleiben Hunderte ungelesen, was die Befriedigung der Poster
nicht mindert.
Gewiss, es gibt auch intelligente Poster in der Usercommunity, die sich nicht
blind ihren Affekten ausliefern. Zum Beispiel diesen hier, der schreibt: "Wie
weit sind wir, dass man jemanden für 1100 Euro Frühpension anpatzt?! Kümmert
euch gefälligst um die großen Absahner! Die Sozialschmarotzer aus der
Privatwirtschaft, die mit Millionen jonglieren, ihr ganzes verschissenes Leben
nichts Kreatives zusammengebracht haben und sich freuen, wenn Wenigverdiener
aufeinander einschlagen." So ähnlich würde ich das auch sagen, lieber
Gemeindefreund. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)