Was die Welt überhaupt noch zusammenhält?

11. Februar 2011, 18:49
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    Über den Autor:
    Leopold Federmair, geb. 1957 in Wels/OÖ, ist ein österreichischer Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte Publizistik, Germanistik und Geschichte an der Universität Salzburg. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller u. a. in Wien. Von ihm erschienen u. a. "Ein Fisch geht an Land" (2006), "Formen der Unruhe. Essays zur Literatur" (Klever Verlag, 2008), "Ein Büro in La Boca" (Otto Müller Verlag, 2009), "Erinnerung an das, was wir nicht waren" (Otto Müller Verlag, 2010) und "Buenos Aires, Wort und Fleisch. Essays" (Klever Verlag Wien, 2010).

Wir leben mehr denn je in einer Neidgesellschaft - Von Leopold Federmair

 Was unsere Gemeinsamkeit definiert, ist unsere gegenseitige Abgrenzung, unser Egoismus. Was uns definiert, ist das Habenwollen, nicht das Sein. Eine Kritik des Neids.

Die zehn Gebote waren mir unheimlich. Als Verbote formuliert, waren sie eher Drohung als Leitfaden. Unter einigen konnte ich mir gar nichts Rechtes vorstellen. Lügen und stehlen war klar, das durfte man nicht; töten, das gab es nur in den Karl-May-Büchern; und die Eltern ehren, wer tat das nicht? Was Unkeuschheit bedeutete, wurde mir nach und nach klar, aber die Unheimlichkeit blieb. Verwirrt hörte ich, wie mein Onkel, der Pfarrer von Adlwang, beteuerte, Notlügen seien erlaubt. Einmal behauptete er sogar, wenn jemand seine Brieftasche auf dem Tisch liegen lasse, dürfe er sich nicht wundern, wenn ein Geldschein fehle: die nachlässige Person, die dem Dieb eine Gelegenheit biete, sei der eigentliche Übeltäter, dem Dieb könne man verzeihen.

Die letzten beiden Sünden des Dekalogs wurden uns im Religionsunterricht nicht erklärt, aber auswendig lernen mussten wir doch alle. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Gab es denn Leute, die im Haus des Nachbarn wohnen wollten? Ich war mit meinem Haus ganz zufrieden, wäre nie auf den Gedanken gekommen zu übersiedeln. Das Wort "übersiedeln" kam erst spät in meinen Wortschatz. Und die Weiber, das waren die Frauen, die erwachsenen Frauen ... Die Frau war also etwas wie ein Haus, ein Auto oder ein Möbelstück? Begehren, das war, wenn man etwas unbedingt haben wollte; ich glaube, so weit verstand ich das Wort.

Wenn die Meinung, die die anderen von mir haben, so gut ist, dass sie, die anderen, keine Möglichkeit sehen, so gut oder schön oder wohlhabend wie ich zu werden, laufe ich Gefahr, ihren Neid zu erregen: sagt Nietzsche. Die Hauptsünden hängen zusammen, sie bilden ein System, wie auch die Affekte ein System bilden. Im Grunde verhält es sich mit dem allzu Eitlen so wie mit der Schlampe, die ihre Brieftasche auf dem Wohnzimmertisch liegen lässt: Er stellt seinen Reichtum zur Schau. Mit ihm kann sich niemand mehr vergleichen, er steht über allen anderen, letzten Endes gefährdet er das System der wechselseitigen Spiegelungen.

Der Neid, von dem Nietzsche spricht, ist jedoch ein verzweifelter, insofern der Neidige nicht hoffen kann, selbst in den Besitz des Reichtums (der Schön- oder Gutheit) des tollen Hechts zu gelangen, oder in den Besitz eines Reichtums, der dem des allzu Eitlen gleichkommt. Sich spiegeln - wir sind hier schon bei der Rückspiegelung, oder genauer: Es ist ein dauerndes Hin und Her, wir sind immer schon mitten im Spiegelspiel - heißt, sich vergleichen und verglichen werden. Normale Eitelkeit hat den Neid im Schlepptau, während extreme, allzu selbstbezogene, übermäßig selbstgewisse Eitelkeit das Subjekt allen gesellschaftlichen Zusammenhängen entreißt: Mir ist egal, was ihr von mir denkt.

Ja, neidlos blickt er: und ihr ehrt ihn drum?
Er blickt sich nicht nach euren Ehren um;
Er hat des Adlers Auge für die Ferne,
Er sieht euch nicht! - er sieht nur Sterne, Sterne.

Dieses Gedichtchen gehört zum Vorspiel von Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft, und man darf die Sätze wohl auf ihn selbst beziehen: Ecce homo. Der arme, eitle, vereinsamende, unermüdlich dem Wahnsinn entgegengehende Dichter-Denker hat sich in seinem Denken und Schreiben von den Menschen seiner Gegenwart entfernt, er denkt nicht den gegenwärtigen, sondern den kommenden Menschen und kommuniziert mit einigen anderen, die längst verstorben sind. Dünne Luft, Höhenluft. Keine Spiegel. Im Grunde hat er erreicht, was sein Lehrer Schopenhauer in eingängiger Form - die Gesellschaft als Kinderspiel - in seinem Stachelschwein-Gleichnis skizziert und empfohlen hatte: "Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen." Dieser letzte Satz, eigentlich die Moral der Geschichte, wird beim Zitieren und Auslegen meistens weggelassen. Wahrscheinlich glaubt man, er sei für Kinder unverträglich. Der Bruch des Gesellschaftsvertrags ist für Kinder (und erwachsene Spieler) unverträglich.

Wie dem auch sei, wer nur noch Augen für das Weltall - oder die Geschichte - hat, der muss viel Kälte vertragen können. Normalsterbliche können das, indem sie sich warm anziehen; Ausnahmemenschen haben viel innere Wärme. Ein heimliches Feuer, das unverdrossen brennt, auch wenn die anderen es gar nicht bemerken. Die Ausnahmemenschen brauchen niemandem etwas zu neiden. Sie kommen gar nicht auf diesen Gedanken, weil sie die Mitmenschen allenfalls als Statisten, als Landschaftsteil wahrnehmen. Statisch, die anderen, die Zurückbleibenden. Nicht dynamisch wie ich, die Ausnahme.

Die Wahrheit ist, dass wir mehr denn je in einer Neidgesellschaft leben. Was unsere Gemeinsamkeit definiert, ist unsere gegenseitige Abgrenzung, unser Egoismus. Was uns definiert, ist das Habenwollen, nicht das Sein. Durch das Internet kann heute jeder, ohne sich irgendwelche Umstände zu machen, die Seelenverfassung des Durchschnittsbürgers studieren; besonders die Seelenverfassung des männlichen Durchschnittsbürgers - die Frauen scheinen ihr Mitteilungsbedürfnis weiterhin auf traditionelle, "privatere" Weise zu befriedigen.

Verdächtig und beneidenswert

Eine der Haupteigenschaften dieser Mehrheitsseele ist der Neid. Das geht aus tausenden von sogenannten Foren hervor. (Und warum sogenannten, es stimmt ja, der alte Platz des Austauschs von Gütern, Informationen und Meinungen hat sich ins Internet verlagert, der leibhaftige Kontakt ist überflüssig geworden.) Nicht nur die sogenannten User der Boulevardblätter sind Neidhammel, auch die der sogenannten Qualitätszeitungen. Also alle, und ich glaube nicht, dass ich, ebenfalls ein User, das Recht habe, mich selbst auszuschließen. So sind zum Beispiel die allermeisten Berufsgruppen verdächtig und zugleich beneidenswert geworden. Alle haben Privilegien, alle besitzen oder bekommen etwas, das ich nicht besitze oder das mir verwehrt wird. In erster Linie natürlich Geld. Alle: die Beamten, die Lehrer, die Bauern, die Manager, die Sozialleistungsempfänger (die Arbeitslosen) und natürlich, last, but not least, die Politiker. Die Alten, die Jungen, die Beitragszahler, die Rentenempfänger. Die Inländer, die Ausländer. Die Bevölkerung im Westen, die im Osten. Die Leute im Süden, die im Norden. Ich erinnere mich gut, wie in Italien die Desolidarisierung begann, das Auseinanderbrechen einer historisch gewordenen Gemeinschaft, und die reichen Nordregionen nicht mehr für den armen Süden zahlen wollten. Ich war damals vor Ort, im armen Süden, und wenig später begann derselbe Prozess, jedoch bedeutend gewaltsamer, in einem Nachbarland. Wo? In Jugoslawien. Dieses Land ist heute in Stücke zerrissen, und es wird sich, oberflächlich zwar, wieder einen im Rahmen der EU, die eines Tages einem ähnlichen Zerfallsprozess ausgesetzt sein könnte. Auch auf die EU lässt sich Schopenhauers Gleichnis anwenden. Ist es warm, rücken die Menschen zusammen; wird es kalt, stoßen sie einander ab.

Ich möchte ein Beispiel nennen, ein einziges unter Millionen (dank sei dem Internet). In einem Interview erzählt der österreichische Dichter Erwin Einzinger, dessen Gedichte und Prosa ich bewundere - neidlos, wie ich hoffe, aber wer weiß -, vom bisherigen Leben eines Autors, der wie so viele auf einen anderweitigen Broterwerb angewiesen war. War, weil er inzwischen in Pension gegangen ist. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Einzinger 57 Jahre alt, er hat 28 Dienstjahre als Lehrer an einer Mittelschule hinter sich gebracht. Achtundzwanzig Dienstjahre! Nicht schlecht ... Ich erinnere mich, wie ich als junger Student in der Salzburger Alpenbuchhandlung Lammzungen in Cellophan verpackt in die Hände nahm, diese krude und poetische und sprachlich exzentrische, angemessen exzentrische Bestandsaufnahme der modernen Alltagswelt, das erste Buch Erwin Einzingers, der fünf Jahre vor mir an derselben Universität wie ich studiert hatte (und von dem ich hörte, dass er irgendwo in der Provinz einen Lehrerposten antreten würde), und ich staune zum wiederholten Mal, wie sehr dieser Dichter seinen wenig spektakulären Anfängen treu geblieben ist, einer Obsession, die sich aus dem genauen Hinschauen speist und aus dem Hinhören, denn der besondere, weit ausschwingende Einzinger-Ton ist aus zahllosen Blüten und Trockenblumen der Alltagssprache der Provinz gemacht, in der er aufgewachsen und als Lehrer tätig war. All die Jahre, fast drei Jahrzehnte, hat Einzinger, der nicht nur mit Ausdauer an seinem Werk arbeitete, sondern auch Bücher von Autoren wie Robert Creely oder John Ashbery aus dem Englischen übersetzte, nicht etwa nichts getan, sondern regelrecht geschuftet. Wie lange versieht ein Lehrer in Österreich durchschnittlich seinen Dienst, bevor er in Pension geht? Dreißig, fünfunddreißig Jahre? Nicht viel mehr als Einzinger, glaube ich. Und wie viel Pension bekommt Einzinger? 1100 Euro. Tauseindeinhundert, nicht viel mehr als das, was als Existenzminimum gilt. Von vierzehn Postern, die zu dem Interview gepostet haben, finden das sechs Poster schändlich. Fast die Hälfte. In einer "Qualitätszeitung". Aus diesen Leuten spricht nichts anderes als der Neid - der grundsätzliche, reflexhafte Neid, der sie davon ausgehen lässt, dass sie selbst zu wenig bekommen.

Eine Dichterexistenz wird von Leuten verworfen, die sich nicht nur nicht die Mühe machen, Einzingers Bücher zu lesen, sondern nicht einmal die, vom Zeitungsinterview, zu dem sie posten, mehr als die Überschrift und vielleicht noch die Einleitung zu lesen. Warum posten sie dann? Erstens aus Eitelkeit; ihr Befürfnis nach Selbstgenuss wird befriedigt durch zahllose kleine Publikationen, auf die sie ein "Recht" zu haben glauben. Zweitens aus Neid, oder genauer, um ihrem Neid Ausdruck zu verschaffen: Sie brauchen ein Ventil, das Postingventil. Deshalb können wir, die wir etwas von unserer inneren Wärme abgeben wollen (obwohl auch wir die Kälte kennen), die österreichische und deutsche und europäische Seele heute so umstandslos studieren. Bis zum Überdruss, wenn wir wollen, aber das wollen wir nicht, wir klicken die Postingliste nach ein paar Blicken weg, oft bleiben Hunderte ungelesen, was die Befriedigung der Poster nicht mindert.

Gewiss, es gibt auch intelligente Poster in der Usercommunity, die sich nicht blind ihren Affekten ausliefern. Zum Beispiel diesen hier, der schreibt: "Wie weit sind wir, dass man jemanden für 1100 Euro Frühpension anpatzt?! Kümmert euch gefälligst um die großen Absahner! Die Sozialschmarotzer aus der Privatwirtschaft, die mit Millionen jonglieren, ihr ganzes verschissenes Leben nichts Kreatives zusammengebracht haben und sich freuen, wenn Wenigverdiener aufeinander einschlagen." So ähnlich würde ich das auch sagen, lieber Gemeindefreund. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)

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Kommentar posten
23 Postings
Herr Pnin
 
00
16.2.2011, 11:00
Abgesehen von Zutreffen

des Befundes, der wenig überrascht, ist es interessant - ob freiwillig oder unfreiwillig komisch - hier auf Nietzsche zu verweisen, der mit 36 seine Pension antrat, die ihm erst sein goldenes Jahrzehnt ermöglichte (nicht ganz zehn Jahre). Ob N. wirklich geisteskrank war oder einfach beschlossen hat, den Geisteskranken zu mimem, sei dahingestellt. Was entweder Federmair oder ich falsch verstanden habe: S. Stachelschweingleichnis. Die Schweine suchen die Wärme wg. der existenziellen Kälte, die sie umgibt, werden aber von den Stacheln der anderen Schweine wieder in die Einsamkeit getrieben. Vermut. stimmen beide Versionen. Ich bin vor allem neidig auf den Jan 1883, da schrieb N. in 10 Tagen den 1. Teil des Z. und auf den Kontostand von Coelho.

L. Federmair
00
16.2.2011, 22:22
Stacheln

Genauer lesen (sowohl Schopenhauer als auch Federmair). Schopenhauer bietet eine dritte Möglichkeit neben den beiden von Ihnen erinnerten. Ich habe darauf hingewiesen, daß die dritte Möglichkeit von den berufsmäßigen Textvermittlern meistens unterschlagen wird.

Herr Pnin
 
00
18.2.2011, 11:48
Väterliches Erbe

danke für den Hinweis. Ich lese zu viel parallel. Und Schopenhauer vermutlich nicht mehr (es reicht, außerdem musste ich zuletzt viel N. lesen, damit ist mein Hirn recht ausgelastet). Das "Webbleiben aus der Gesellschaft" ist S. umso leichter gefallen, als er auf die Zinsen und Zinseszinsen des väterl.Erbes zählen konnte. Den Wunsch etwas von der inneren Wärme abzugeben, hat A.S. wohl mehr und mehr aufgegeben, denn es gilt ja nicht nur die Stacheln der anderen, sondern auch die eigenen zu fürchten, die gar keine Probleme bereiten, solange einer allein ist.
Küchenpsychologie: Wie sehr ist eine verhunzte Mutter-Beziehung Motiv genug, die eigenen Befindlichkeiten durch eine Weltinterpretation aufzuwerten, zu rationalisieren ...?

Michael Mitiszek
 
00
15.2.2011, 10:00
Verschiedene Standpunkte

Was die einen als Neid abtun, wird von anderen mit Unrechtsempfinden und bürgerlicher Heuchelei erklärt. Pro Klassenbewusstein. Pro Marxismus! Erleuchtet sollen sie werden, die Ausbeuter!

witherabbitt
 
11
13.2.2011, 19:37

Gute Beobachtung, guter Text, treffendes Thema, und — obwohl es bei diesem Thema naheliegend gewesen wäre — kommt KHG Gott sei Dank nicht vor. Ob er jezt neidig ist?

Analüst
00
13.2.2011, 19:09
Wie der Schelm denkt, so ist er ...

... sagte meine selige Großmutter immer.

Demnach dürfte es wohl tatsächlich zutreffen, dass die Neider in der Gesellschaft heutzutage überhand nehmen, schallt es doch neuerdings von allen Seiten ständig, wie neiderfüllt alle (natürlich bis auf den "Neidhammel überall!" Rufer selbst) doch sind.

Ich finde das irgendwie krank, aber wahrscheinlich bin ich in Wahrheit bloß neidig :-D

manfred666
00
13.2.2011, 13:43
überrascht,...

daß mein posting eingang in ihren artikel gefunden hat, erlauben sie einige anmerkungen:
es gibt in meinem umfeld nicht wenige (pflichtschul)lehrer, die, da sie ja über ach so viel freizeit verfügen, sich nicht selten politisch, kulturpolitisch oder eben künstlerisch betätigen. viele davon sind nach 20, 25 dienstjahren ausgepowert.
einzinger ist nun ein glücksfall, dessen
"nebenerwerb" einem respekt (und nichts anderes) abnötigt. er schreibt bücher, die man selber gern geschrieben hätte.
"lammzungen in cellophan verpackt" übrigens (nicht unwitzige titeländerung der redaktion) habe ich vor kurzem auf einem bücherflohmarkt in einem niederbayerischen stift entdeckt.
erstaunlich, daß er seit diesem buch keine größere lesergemeinde hat.

L. Federmair
00
14.2.2011, 02:41

Die Verschreibung des Titels finde ich auch witzig: Verschiebung aus der Poesie in die Wirklichkeit (der Buchhandlung). Vermutlich kann nicht jeder den Witz nachvollziehen, deshalb: Der Titel ist nicht "Lammzungen", sondern "Lammzungen in Cellophan verpackt".

Tom.von.GuterStoff.com
01
13.2.2011, 13:34
"Was uns definiert, ist das Habenwollen, nicht das Sein."

und wenn wir es dann haben, dann sind wir wieder, für eine Weile, bis wir nicht mehr sind, dann kommt das nächste Habenwollen (zeitgleich mit der nächsten iPhoneversion zB.).
Machen wir unser Habenwollen eigentlich noch selber?
Ist unser Sein uns denn überhaupt noch eigen?
Wir müssen wahrscheinlich schon von "verkürzten Seinszyklen" sprechen.
Was aber den Neid selbst betrifft, glaube ich, sind wir oft neidig auf Dinge oder ein Leben oder ein Sein, das wir ja eigentlich selber gar nicht haben wollen - wir vergönnen es nur den Anderen nicht.

igor malejewitsch pustekuchen
01
13.2.2011, 12:33

Teil 2

... wenn er hört, dass die Durchschnittspension der OeNB-Pensionisten jenseits der 4000 EUR-Grenze liegt.

Wer diese Missverhältnisse zu kritisieren wagt, bekommt von den Interessenvertretern der solcherart Privilegierten sofort eins mit der Neidkeule übergezogen. Und warum? Weil sie im Grunde ihres Herzens wissen, dass diese Ungleichbehandlung zwischen geschütztem und privatem Bereich nicht mehr zu argumentieren ist. Ach wie schön ist es da, dass man die Kritiker samt und sonders als miese kleine Neider diffamieren kann!

igor malejewitsch pustekuchen
02
13.2.2011, 12:23

Stimmt, die Postings zum Einzinger-Interview sind schäbig und unter jeder Kritik. Volle Zustimmung.

Andererseits .... verkommt die Rede von der "Neidgesellschaft" (bzw. von der angeblich "typisch österreichischen Neidgesellschaft") immer mehr zur Totschlagkeule, wenn es um die Aufrechterhaltung von nicht argumentierbaren Privilegien geht.

Dem Bauarbeiter, der - 60jährig, mit lädierten Knien und ausgeleierten Gelenken - doch noch gnädigerweise in die Mini-Pension entlassen wird, muss es die Zornesröte ins Gesicht treiben, wenn er hört, dass z.B. im Wiener Magistrat reine Schreibtischarbeiter nach wie vor problemlos mit 55 in den wohlverdienten Ruhestand treten, natürlich mit einem Ruhegeld, von dem er selbst nur träumen kann. Oder ...

vergib ihnen, denn...
01
12.2.2011, 18:53
Sie meinen doch nicht im ernst

Sie schreiben: "Von vierzehn Postern, die zu dem Interview gepostet haben, finden das sechs Poster schändlich. Aus diesen Leuten spricht nichts anderes als der Neid - der grundsätzliche, reflexhafte Neid". ich musste rück-und vorlesen, dachte, ich hätte was überlesen. Aber nein, Sie meinen tatsächlich, dass die Poster unter schändlich gemeint hatten, das wäre zu viel, doch klarerweise meinten sie wohl, es wäre zu wenig. Was geht da bloß in ihnen vor, dass Sie (eingangs) alle zu Neidern machen. Ich hab da einen Spruch für Sie von Friedich heer: "Oft werden als Brandstifter bezeichnet, die Brände beobachten" was Sie Neider nennen, sind Beobachter von Gier und Neid. Sie reden der ÖVP das Wort.

lunatico
00
12.2.2011, 20:38
??

dann schauen Sie doch noch einmal ganz genau hin:
http://derstandard.at/128960832... t-lachhaft

presumption of innocence
00
12.2.2011, 18:33
Sehr gut erkannt, ich erkenne mich neidlos wieder in dieser Deutung meines Postens

man of constant sorrow
52
12.2.2011, 14:26

Neidlos anerkenne ich die Langweiligkeit dieses Artikels.

Africa
22
12.2.2011, 11:10
Lieber Leopold Federmair,

ich freue mich über deinen Beitrag und finde ihn sehr notwendig und bemerkenswert. Nicht zustimmen möchte ich dir aber im vorletzten Absatz: "Deshalb können wir,...die österreichische...Seele heute so umstandslos studieren." Ich meine dagegen, wer sich hier und anderswo als Poster betätigt, kann unmöglich für den Querschnitt unserer Gesellschaften stehen. Viel eher finden sich in diversen Foren Zwangsneurotiker und Bildungsverweigerer, haben sie da doch keine Aus-ein-andersetzung zu erwarten. Krank - nur eingebildet, wie sonst ließe sich so viel Unsinn und Dummheit erklären?! Die hier so ins Zentrum rücken, repräsentieren nur eine Randgruppe unserer Gemeinschaft. Was unsere Welt zusammenhält, sind die vielen, die liebenswerten Stillen.

L. Federmair
12
12.2.2011, 21:49

Ja, der Hinweis auf die Stillen ist gut. Jedenfalls ist zu hoffen, daß es sie in ausreichender Zahl gibt. Die übliche Praxis, anonym zu posten, halte ich übrigens für Feigheit. Die große Mehrheit der Poster sind Feiglinge, nicht repräsentativ - hoffentlich - für die Bevölkerung.

manfred666
03
13.2.2011, 13:07
"poster sind feiglinge" - graffitis

im übrigen halte ich postings bloß für häuslwand-graffitis im technologischen zeitalter: man liest sie, amüsiert oder ärgert sich, ergänzt das eine oder andere, hat aber an diesem ort meist wichtigeres zu erledigen - und kehrt auch nicht deswegen zurück.
zudem ließen sich postings leichter entfernen als eine häuslwand zu reinigen ist.

das müssen sie aber den verantwortlichen in der standard-online-redaktion klarmachen.

manfred666
02
13.2.2011, 13:05
"poster sind feiglinge" - für die anonymität

es gibt vermutlich einen zusammenhang zwischen freiem wahlrecht und freier meinungsäußerung. schmähungen in foren und wahlerfolge von rechtsextremen können sie nicht verhindern, wollen sie nicht grundbedingungen der demokratie abschaffen.
gegen schmähungen, die sie als person des öffentlichen lebens betreffen, können sie sich wehren, indem sie dumme postings einfach überbieten - danach herrscht stille.
zudem relativieren sich viele einträge durch die beschimpfungen der poster untereinander.
verstehe daher nicht ganz die angst von thurnher, menasse et al. vor den bösen "heckenschützen"-postern.
gegen schmähungen, die sie als privatperson betreffen (indem sie etwa einen leserbrief mit vollem namen zeichnen), sind sie dank google machtlos.

Der einsame Randalierer
 
02
12.2.2011, 08:02
Neid ist doch nur der Hunger nach dem, was mir nicht zusteht

Ebenso leidenschaftlich, wie der Neid von manchen als Bestandteil ihres Lebens empfunden wird, wird er von anderen genährt; es bleibt beim Spiegel. Jeder Neider braucht seine Quelle, jede Quelle braucht einen, der aus ihr schöpft.
Auch der Dichter und Denker, der sich anschickt, den "anderen", dem Leser die Verhältnisse zu erklären, bietet sich als Quelle der Neider an, hat er doch die Größe, die Worte zu finden, die andere stets suchten.

Aber ist denn Neid dem Begehren gleichzusetzen? Sich den Wohlstand des Nachbarn zu wünschen, ist nicht per se schlecht; erst wenn man wünscht, des Nachbarn Habe zu übernehmen, so dass er nichts mehr hat, dass ist dann Neid. Wenn böswillige Gier und selbstgerechte Zufriedenheit die Plätze tauschen sollen.

santa fe
 
15
11.2.2011, 19:54

richtig. hass-und neiderfüllt wehr sich die spiessergesellschaft gegen die wirtschaftls-und sozialpolitische notwendigkeit des

BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS,

denn bedingungslos heisst, man muss nicht dafür gearbeitet haben oder auch nur arbeitswillig (gewesen) sein. freiheit darf es nur für unfreie wie uns geben, die sie nie gehabt haben.

WeltEnSTurm
00
11.2.2011, 19:32

:3

felderstein
00
13.2.2011, 16:46

klar, dass die etablierten die versteckten spitzen der poster (heckenschützen finde ich übrigens eine gute metapher für sie) fürchten. denn gar nicht so selten trifft da einer wirklich den nagel auf den kopf. ein wenig anarchistische bildungsverweigerung schadet nicht. kurze, subversive befreiungsschläge gegen die staatliche kontrolle durch den zwang der permanenten weiterbildung...

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