Was die Welt überhaupt noch zusammenhält?

    11. Februar 2011, 18:49
    23 Postings

    Wir leben mehr denn je in einer Neidgesellschaft - Von Leopold Federmair

     Was unsere Gemeinsamkeit definiert, ist unsere gegenseitige Abgrenzung, unser Egoismus. Was uns definiert, ist das Habenwollen, nicht das Sein. Eine Kritik des Neids.

    Die zehn Gebote waren mir unheimlich. Als Verbote formuliert, waren sie eher Drohung als Leitfaden. Unter einigen konnte ich mir gar nichts Rechtes vorstellen. Lügen und stehlen war klar, das durfte man nicht; töten, das gab es nur in den Karl-May-Büchern; und die Eltern ehren, wer tat das nicht? Was Unkeuschheit bedeutete, wurde mir nach und nach klar, aber die Unheimlichkeit blieb. Verwirrt hörte ich, wie mein Onkel, der Pfarrer von Adlwang, beteuerte, Notlügen seien erlaubt. Einmal behauptete er sogar, wenn jemand seine Brieftasche auf dem Tisch liegen lasse, dürfe er sich nicht wundern, wenn ein Geldschein fehle: die nachlässige Person, die dem Dieb eine Gelegenheit biete, sei der eigentliche Übeltäter, dem Dieb könne man verzeihen.

    Die letzten beiden Sünden des Dekalogs wurden uns im Religionsunterricht nicht erklärt, aber auswendig lernen mussten wir doch alle. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Gab es denn Leute, die im Haus des Nachbarn wohnen wollten? Ich war mit meinem Haus ganz zufrieden, wäre nie auf den Gedanken gekommen zu übersiedeln. Das Wort "übersiedeln" kam erst spät in meinen Wortschatz. Und die Weiber, das waren die Frauen, die erwachsenen Frauen ... Die Frau war also etwas wie ein Haus, ein Auto oder ein Möbelstück? Begehren, das war, wenn man etwas unbedingt haben wollte; ich glaube, so weit verstand ich das Wort.

    Wenn die Meinung, die die anderen von mir haben, so gut ist, dass sie, die anderen, keine Möglichkeit sehen, so gut oder schön oder wohlhabend wie ich zu werden, laufe ich Gefahr, ihren Neid zu erregen: sagt Nietzsche. Die Hauptsünden hängen zusammen, sie bilden ein System, wie auch die Affekte ein System bilden. Im Grunde verhält es sich mit dem allzu Eitlen so wie mit der Schlampe, die ihre Brieftasche auf dem Wohnzimmertisch liegen lässt: Er stellt seinen Reichtum zur Schau. Mit ihm kann sich niemand mehr vergleichen, er steht über allen anderen, letzten Endes gefährdet er das System der wechselseitigen Spiegelungen.

    Der Neid, von dem Nietzsche spricht, ist jedoch ein verzweifelter, insofern der Neidige nicht hoffen kann, selbst in den Besitz des Reichtums (der Schön- oder Gutheit) des tollen Hechts zu gelangen, oder in den Besitz eines Reichtums, der dem des allzu Eitlen gleichkommt. Sich spiegeln - wir sind hier schon bei der Rückspiegelung, oder genauer: Es ist ein dauerndes Hin und Her, wir sind immer schon mitten im Spiegelspiel - heißt, sich vergleichen und verglichen werden. Normale Eitelkeit hat den Neid im Schlepptau, während extreme, allzu selbstbezogene, übermäßig selbstgewisse Eitelkeit das Subjekt allen gesellschaftlichen Zusammenhängen entreißt: Mir ist egal, was ihr von mir denkt.

    Ja, neidlos blickt er: und ihr ehrt ihn drum?
    Er blickt sich nicht nach euren Ehren um;
    Er hat des Adlers Auge für die Ferne,
    Er sieht euch nicht! - er sieht nur Sterne, Sterne.

    Dieses Gedichtchen gehört zum Vorspiel von Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft, und man darf die Sätze wohl auf ihn selbst beziehen: Ecce homo. Der arme, eitle, vereinsamende, unermüdlich dem Wahnsinn entgegengehende Dichter-Denker hat sich in seinem Denken und Schreiben von den Menschen seiner Gegenwart entfernt, er denkt nicht den gegenwärtigen, sondern den kommenden Menschen und kommuniziert mit einigen anderen, die längst verstorben sind. Dünne Luft, Höhenluft. Keine Spiegel. Im Grunde hat er erreicht, was sein Lehrer Schopenhauer in eingängiger Form - die Gesellschaft als Kinderspiel - in seinem Stachelschwein-Gleichnis skizziert und empfohlen hatte: "Wer jedoch viel eigene, innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen." Dieser letzte Satz, eigentlich die Moral der Geschichte, wird beim Zitieren und Auslegen meistens weggelassen. Wahrscheinlich glaubt man, er sei für Kinder unverträglich. Der Bruch des Gesellschaftsvertrags ist für Kinder (und erwachsene Spieler) unverträglich.

    Wie dem auch sei, wer nur noch Augen für das Weltall - oder die Geschichte - hat, der muss viel Kälte vertragen können. Normalsterbliche können das, indem sie sich warm anziehen; Ausnahmemenschen haben viel innere Wärme. Ein heimliches Feuer, das unverdrossen brennt, auch wenn die anderen es gar nicht bemerken. Die Ausnahmemenschen brauchen niemandem etwas zu neiden. Sie kommen gar nicht auf diesen Gedanken, weil sie die Mitmenschen allenfalls als Statisten, als Landschaftsteil wahrnehmen. Statisch, die anderen, die Zurückbleibenden. Nicht dynamisch wie ich, die Ausnahme.

    Die Wahrheit ist, dass wir mehr denn je in einer Neidgesellschaft leben. Was unsere Gemeinsamkeit definiert, ist unsere gegenseitige Abgrenzung, unser Egoismus. Was uns definiert, ist das Habenwollen, nicht das Sein. Durch das Internet kann heute jeder, ohne sich irgendwelche Umstände zu machen, die Seelenverfassung des Durchschnittsbürgers studieren; besonders die Seelenverfassung des männlichen Durchschnittsbürgers - die Frauen scheinen ihr Mitteilungsbedürfnis weiterhin auf traditionelle, "privatere" Weise zu befriedigen.

    Verdächtig und beneidenswert

    Eine der Haupteigenschaften dieser Mehrheitsseele ist der Neid. Das geht aus tausenden von sogenannten Foren hervor. (Und warum sogenannten, es stimmt ja, der alte Platz des Austauschs von Gütern, Informationen und Meinungen hat sich ins Internet verlagert, der leibhaftige Kontakt ist überflüssig geworden.) Nicht nur die sogenannten User der Boulevardblätter sind Neidhammel, auch die der sogenannten Qualitätszeitungen. Also alle, und ich glaube nicht, dass ich, ebenfalls ein User, das Recht habe, mich selbst auszuschließen. So sind zum Beispiel die allermeisten Berufsgruppen verdächtig und zugleich beneidenswert geworden. Alle haben Privilegien, alle besitzen oder bekommen etwas, das ich nicht besitze oder das mir verwehrt wird. In erster Linie natürlich Geld. Alle: die Beamten, die Lehrer, die Bauern, die Manager, die Sozialleistungsempfänger (die Arbeitslosen) und natürlich, last, but not least, die Politiker. Die Alten, die Jungen, die Beitragszahler, die Rentenempfänger. Die Inländer, die Ausländer. Die Bevölkerung im Westen, die im Osten. Die Leute im Süden, die im Norden. Ich erinnere mich gut, wie in Italien die Desolidarisierung begann, das Auseinanderbrechen einer historisch gewordenen Gemeinschaft, und die reichen Nordregionen nicht mehr für den armen Süden zahlen wollten. Ich war damals vor Ort, im armen Süden, und wenig später begann derselbe Prozess, jedoch bedeutend gewaltsamer, in einem Nachbarland. Wo? In Jugoslawien. Dieses Land ist heute in Stücke zerrissen, und es wird sich, oberflächlich zwar, wieder einen im Rahmen der EU, die eines Tages einem ähnlichen Zerfallsprozess ausgesetzt sein könnte. Auch auf die EU lässt sich Schopenhauers Gleichnis anwenden. Ist es warm, rücken die Menschen zusammen; wird es kalt, stoßen sie einander ab.

    Ich möchte ein Beispiel nennen, ein einziges unter Millionen (dank sei dem Internet). In einem Interview erzählt der österreichische Dichter Erwin Einzinger, dessen Gedichte und Prosa ich bewundere - neidlos, wie ich hoffe, aber wer weiß -, vom bisherigen Leben eines Autors, der wie so viele auf einen anderweitigen Broterwerb angewiesen war. War, weil er inzwischen in Pension gegangen ist. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Einzinger 57 Jahre alt, er hat 28 Dienstjahre als Lehrer an einer Mittelschule hinter sich gebracht. Achtundzwanzig Dienstjahre! Nicht schlecht ... Ich erinnere mich, wie ich als junger Student in der Salzburger Alpenbuchhandlung Lammzungen in Cellophan verpackt in die Hände nahm, diese krude und poetische und sprachlich exzentrische, angemessen exzentrische Bestandsaufnahme der modernen Alltagswelt, das erste Buch Erwin Einzingers, der fünf Jahre vor mir an derselben Universität wie ich studiert hatte (und von dem ich hörte, dass er irgendwo in der Provinz einen Lehrerposten antreten würde), und ich staune zum wiederholten Mal, wie sehr dieser Dichter seinen wenig spektakulären Anfängen treu geblieben ist, einer Obsession, die sich aus dem genauen Hinschauen speist und aus dem Hinhören, denn der besondere, weit ausschwingende Einzinger-Ton ist aus zahllosen Blüten und Trockenblumen der Alltagssprache der Provinz gemacht, in der er aufgewachsen und als Lehrer tätig war. All die Jahre, fast drei Jahrzehnte, hat Einzinger, der nicht nur mit Ausdauer an seinem Werk arbeitete, sondern auch Bücher von Autoren wie Robert Creely oder John Ashbery aus dem Englischen übersetzte, nicht etwa nichts getan, sondern regelrecht geschuftet. Wie lange versieht ein Lehrer in Österreich durchschnittlich seinen Dienst, bevor er in Pension geht? Dreißig, fünfunddreißig Jahre? Nicht viel mehr als Einzinger, glaube ich. Und wie viel Pension bekommt Einzinger? 1100 Euro. Tauseindeinhundert, nicht viel mehr als das, was als Existenzminimum gilt. Von vierzehn Postern, die zu dem Interview gepostet haben, finden das sechs Poster schändlich. Fast die Hälfte. In einer "Qualitätszeitung". Aus diesen Leuten spricht nichts anderes als der Neid - der grundsätzliche, reflexhafte Neid, der sie davon ausgehen lässt, dass sie selbst zu wenig bekommen.

    Eine Dichterexistenz wird von Leuten verworfen, die sich nicht nur nicht die Mühe machen, Einzingers Bücher zu lesen, sondern nicht einmal die, vom Zeitungsinterview, zu dem sie posten, mehr als die Überschrift und vielleicht noch die Einleitung zu lesen. Warum posten sie dann? Erstens aus Eitelkeit; ihr Befürfnis nach Selbstgenuss wird befriedigt durch zahllose kleine Publikationen, auf die sie ein "Recht" zu haben glauben. Zweitens aus Neid, oder genauer, um ihrem Neid Ausdruck zu verschaffen: Sie brauchen ein Ventil, das Postingventil. Deshalb können wir, die wir etwas von unserer inneren Wärme abgeben wollen (obwohl auch wir die Kälte kennen), die österreichische und deutsche und europäische Seele heute so umstandslos studieren. Bis zum Überdruss, wenn wir wollen, aber das wollen wir nicht, wir klicken die Postingliste nach ein paar Blicken weg, oft bleiben Hunderte ungelesen, was die Befriedigung der Poster nicht mindert.

    Gewiss, es gibt auch intelligente Poster in der Usercommunity, die sich nicht blind ihren Affekten ausliefern. Zum Beispiel diesen hier, der schreibt: "Wie weit sind wir, dass man jemanden für 1100 Euro Frühpension anpatzt?! Kümmert euch gefälligst um die großen Absahner! Die Sozialschmarotzer aus der Privatwirtschaft, die mit Millionen jonglieren, ihr ganzes verschissenes Leben nichts Kreatives zusammengebracht haben und sich freuen, wenn Wenigverdiener aufeinander einschlagen." So ähnlich würde ich das auch sagen, lieber Gemeindefreund. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Über den Autor:
      Leopold Federmair, geb. 1957 in Wels/OÖ, ist ein österreichischer Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte Publizistik, Germanistik und Geschichte an der Universität Salzburg. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller u. a. in Wien. Von ihm erschienen u. a. "Ein Fisch geht an Land" (2006), "Formen der Unruhe. Essays zur Literatur" (Klever Verlag, 2008), "Ein Büro in La Boca" (Otto Müller Verlag, 2009), "Erinnerung an das, was wir nicht waren" (Otto Müller Verlag, 2010) und "Buenos Aires, Wort und Fleisch. Essays" (Klever Verlag Wien, 2010).

    Share if you care.