"Musik macht geografische Grenzen überflüssig!"

11. Februar 2011, 18:39
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Bei der Staatsopernpremiere von Mozarts "Figaro" (16. 2.) gibt Erwin Schrott den Grafen

Aus diesem Anlass stand der Bassbariton Daniel Ender Rede und Antwort - auch zu Gattin Anna Netrebko.

Standard: Herr Schrott, Mozart ist von Anfang an im Zentrum Ihres Repertoires gestanden. Glauben Sie eigentlich, dass Sie ihn als Lateinamerikaner anders sehen als jemand aus Europa - oder ist er für Sie schlicht und einfach universell?

Schrott: Natürlich liebe ich Mozart, aber universell ist nicht nur seine Musik, sondern die Musik an und für sich. Opernsänger kommen ja aus allen Teilen der Welt. Und meistens singen wir nicht in unserer Muttersprache. Musik ist die einzige Sprache, die man nicht lernen muss, um sie zu verstehen. Das gilt nicht nur für die Oper, sondern für jede Musik. Alles, was man tun muss, ist zuzuhören, und die Musik wird sofort ein Teil von dir, egal wo du herkommst und wo die Musik herkommt. Musik macht geografische Grenzen überflüssig und überwindet die Zeit. Ein Musikstück, das heute gut ist, wird auch noch in 200 Jahren gut sein.

Standard: Zurück zu Mozart: Wie sehen Sie den Grafen Almaviva, den Sie bei der Figaro-Premiere an der Staatsoper verkörpern?

Schrott: Er ist ein verwöhntes Riesenbaby, das glaubt, alles bekommen zu können - nur aufgrund seiner sozialen Position. Weil das natürlich nicht funktioniert, ist er leicht reizbar und aufbrausend. Er kann zwar auch charmant und angenehm sein, manchmal sogar lächerlich unbeholfen, aber seine eifersüchtige Seite gewinnt allzu oft die Oberhand: Er ist nicht nur eifersüchtig und besitzergreifend in Bezug auf die Gräfin, sondern auf alles und jeden, als ob ihm das Glück anderer Menschen etwas wegnehmen würde. Dabei ist er unfähig, die Liebe wahrzunehmen, die ihn umgibt, nämlich die der Gräfin. Er verhält sich wegen seiner Eifersucht wie ein wildes Tier und scheint sich erst am Ende wieder in einen Menschen zu verwandeln, als er erkennt, dass er seine Frau verlieren könnte und sie um Vergebung bittet. Allerdings weiß man dabei nicht, ob er sich wirklich geändert hat.

Standard: Wie ist es, den Grafen zu spielen, nachdem Sie seinen Gegenpart Figaro verkörpert haben?

Schrott: Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich den Part von Figaro singe und dann merke, dass ich diesmal ja den Grafen darstellen soll. Im Ernst: Sie sind ja sehr verschieden. Figaro ist ein blutvoller, herzensguter Mensch, der nur mit seiner Susanna glücklich werden will, während der Graf, der eigentlich mit seiner Frau glücklich sein sollte, schon alles hat, aber das nicht erkennt und nie zufrieden ist. Er strebt nicht nach Glück, sondern immer nach mehr, was auch immer das heißt.

Standard: Am Anfang Ihrer Karriere ging alles sehr schnell. Gab es dabei eigentlich auch Hürden?

Schrott: Von außen hat es vielleicht schnell und einfach ausgesehen, aber Hürden gibt es für jeden. Ausschlaggebend ist, wie man mit Problemen umgeht. Man kann sie verdrängen, aber davon gehen sie nicht weg. Oder man kann versuchen, sie zu lösen. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Aber wenn man es nicht einmal versucht, die Dinge in den Griff zu bekommen, kann man sich nicht weiterentwickeln.

Standard: Stört es Sie, dass in den Medien immer wieder Ihr gutes Aussehen angesprochen wird?

Schrott: Vertrackte Frage. Wenn ich sagen würde, das sei mir gleichgültig, müsste ich lügen, aber wenn ich sagen würde, das sei mir sehr wichtig, auch! Ich schätze, es stört mich dann, wenn mein Aussehen das Einzige ist, das wahrgenommen wird, aber ich kann nicht leugnen, dass es mir schmeichelt, wenn Leute sagen, dass ich gut gesungen und auch noch gut ausgesehen habe. Es wäre gelogen zu sagen, dass das gute Aussehen der Karriere nicht geholfen hätte, aber es wäre auch falsch zu sagen, dass das für den Erfolg als Sänger ausreicht - das ist offensichtlich nicht wahr! Es hängt also vom Zusammenhang ab, in dem diese Äußerlichkeiten thematisiert werden.

Standard: Wie schaffen Sie es eigentlich, Ihre Karriere und Ihr Privatleben auseinanderzuhalten?

Schrott: Das ist schon deshalb schwierig, weil man als Opernsänger keinen Nine-to-five-Job hat, und das hat nicht nur mit den Arbeitszeiten zu tun. Ich weiß, dass es ein Glück ist, eine Arbeit zu haben, die man liebt, genauso, wie ich weiß, dass ich am Ende einer Aufführung nur noch nach Hause möchte, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Das ist schwer, wenn wir wegen unserer Terminpläne getrennt sind, aber wenn wir es schaffen, zur selben Zeit am selben Ort zu sein, ist das eine große Freude. Ich schätze, das ist genauso wie bei jeder Familie.

Standard: Als Sie 2007 mit Anna Netrebko "Don Giovanni" in Covent Garden gesungen haben, sagten Sie, sie sei "a wonderful girl, so smart". Was würden Sie heute über Ihre jetzige Frau sagen?

Schrott: A wonderful girl, so smart. Mein erster Eindruck war absolut richtig. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)

 

  • Bassbariton Schrott über Privates: "Als Opernsänger hat man keinen Nine-to-five-Job. Am Ende einer Aufführung will ich nur noch zu meiner Familie."
Erwin Schrott, geboren 1972 in Montevideo, gewann 1998 den Operalia-Wettbewerb. Im Jahr darauf sang er erstmals an der Wiener Staatsoper.
    foto: decca/weber

    Bassbariton Schrott über Privates: "Als Opernsänger hat man keinen Nine-to-five-Job. Am Ende einer Aufführung will ich nur noch zu meiner Familie."

    Erwin Schrott, geboren 1972 in Montevideo, gewann 1998 den Operalia-Wettbewerb. Im Jahr darauf sang er erstmals an der Wiener Staatsoper.

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