Terroristen rekrutierten Jugendliche

11. Februar 2011, 18:31
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Die Spur führt nach dem Anschlag auf dem Moskauer Flughafen zu Jugendlichen aus dem Dorf Ali-Jurt

Dort kam es vor vier Jahren bei einer Anti-Terror-Operation zu mehreren schweren Verletzungen von Menschenrechten.

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Jachja Jewlojew hatte gerade sein Morgengebet beendet, als die Maskierten in sein Haus eindrangen. Mit gezogener Waffe holten sie Jewlojews Frau aus dem Badezimmer und schrien: "Auf den Boden! Wer hat geschossen? Ihr bringt unsere Leute um." Zehn Minuten traktierten die Unbekannten Jewlojew mit Schlägen in die Nieren, bevor sie von ihm abließen und die Nachbarschaft unsicher machten. An jenem 28. Juli 2007 wurden bei einer Antiterror-Operation im Dorf Ali-Jurt in der Kaukasusrepublik Inguschetien mehr als 27 Menschen - vom Teenager bis zum Greis - so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden mussten.

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial sammelte Augenzeugenberichte und bezeichnete die Sonderoperation als "grausame Strafaktion" , die viele Einwohner traumatisierte.

Wenige Tage zuvor hatte in der inguschetischen Hauptstadt Magas ein Anschlag auf ein Verwaltungsgebäude des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB stattgefunden.

Gut möglich, dass dieser Rachefeldzug des FSB in Ali-Jurt den Funken des Hasses beim damals 16-jährigen Magomed Jewlojew entzündete. Vier Jahre später sprengte sich Jewlojew in der Ankunftshalle des internationalen Moskauer Flughafens Domodedowo in die Luft und riss 36 Menschen mit in den Tod.

"Er war nicht sehr gesellig. Die Nachbarn können über ihn nichts Schlechtes sagen. Er war ein einfacher Bursche" , beschreibt der inguschetische Präsident Junus-Bek Jewkurow den Attentäter. Laut russischen Medien verfügte Jewlojew über keinen Schulabschluss, weil sein Russisch zu schlecht war. Vom Militärdienst wurde der Jugendliche befreit, da er aufgrund einer frühen Kopfverletzung untauglich war.

Den endgültigen Entschluss, sich den Islamisten, die für ein von Russland unabhängiges kaukasisches Emirat kämpfen, anzuschließen, dürfte Jewlojew laut der Zeitung Kommersant im Sommer 2010 gefällt haben: Bei einem Antiterror-Einsatz im vergangenen August nahmen Sonderdienste einen Mercedes unter Beschuss. Beide Männer kamen ums Leben. Sie hätten im Kofferraum eine Zwölf-Kilogramm-Bombe gefunden, begründeten die Behörden ihre Vorgangsweise.

Unter den Toten befand sich auch der Ehemann der 22-jährigen Fatima Jewlojew, der Schwester des späteren Attentäters. Zwei Wochen nach dem Tod des Schwagers verließ Magomed sein Dorf, um - wie er sagte - in der Region Krasnodar nach Arbeit zu suchen. Tatsächlich dürfte sich der Jugendliche allerdings den Untergrundkämpfern angeschlossen haben.

Als Mittelsmann dürfte der 18-jährige Baschir Chamchojew gedient haben, dessen Aufgabe es ist, Jugendliche für die Islamisten zu rekrutieren. Er soll gute Kontakte zum Terroristenchef und selbsternannten Emir des Kaukasus, Doku Umarow, haben.

Chamchojew, der 16-jährige Bruder und die 22-jährige Schwester des Attentäters sind bereits verhaftet worden. Die Ermittler erhoffen sich Erkenntnisse über das Terrornetz von Umarow. (Verena Diethelm aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2011)

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    Beim Selbstmordanschlag am Moskauer Flughafen Domodedowo kamen 36 Menschen, darunter auch zwei Österreicher, ums Leben.

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