Traumarbeit, Komponierarbeit

11. Februar 2011, 18:29
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Komponist Friedrich Cerha feiert am 17. Februar seinen 85. Geburtstag

Wien - Es mag ja für komponierende Geister jener Trubel lästig sein, der um ihre runden Geburtstage herum ausbricht und sie um jene lärmlose Zeit bringt, die wohl nötig ist, um Werke zu vollenden. Friedrich Cerha, der am 17. 2. seinen 85. Geburtstag feiert, hat seinerzeit (im Jubel um seinen 80er) als von Interesse ein wenig Geplagter das Phänomen der Jubiläen (es war auch Mozartjahr) sogar ein wenig erforscht und herausgefunden, dass solch Rituale erst im 20. Jahrhundert wirklich Mode wurden.

Nun hat die Hektik natürlich auch eine glückvolle Seite: Wovon verstorbene Tonsetzer nichts mehr haben, von diesen Jubiläen nämlich, bedeutet für lebende Komponisten immerhin eine wundersam wirksame Werbung. Und besonders Vertreter der anspruchsvollen Komponierkunst bringt die Feierphase dann womöglich (für kurze Zeit) nahe an die Verwirklichung des ewigen, noch immer nicht verwirklichten Traumes der Moderne - selbstverständlicher Teil des Repertoires, des Konzertalltags zu sein.

Es war natürlich früher, besonders nach dem Krieg - und nach den Worten Cerhas besonders in Wien - alles viel schlimmer, was die Möglichkeiten anbelangte, neue Werke zu hören. Dass es mit der Zeit besser wurde, womöglich, dass es heute das Festival Wien Modern gibt (das in seiner 2011- Version Cerhas magisches Opus Spiegel I - VII integral aufführen wird) und auch das Klangforum Wien, das hat auch damit zu tun, dass Cerha Ende der 50er-Jahre zusammen mit dem Komponierkollegen Kurt Schwertsik das Ensemble "die reihe" gegründet hat. Der Name, der von György Ligeti ersonnen wurde, sollte verdeutlichen, dass man vorhatte, neue Musik eben kontinuierlich zu präsentieren.

Reihe mit Tumulten

Man tat es, aber nicht immer störungsfrei: Bei der Aufführung von John Cages Klavierkonzert etwa gab es Pfeiforgien und Handgreiflichkeiten zwischen aufgeschlossenen bildenden Künstlern und randalierenden Leuten, die dann aus dem Saal befördert wurden. "Ein Kritiker hat geschrieben, er habe geglaubt, dass man solche Dinge nur mit der Straßenbahnlinie 47 erreichen könne. Das war die Linie, die damals nach Steinhof geführt hat", so Cerha.

Keine Ahnung, ob ihm auch solche Tumulterlebnisse bis in den Schlaf hinein gefolgt sind. Musik jedenfalls tat es, Cerha spricht von "musikalischen Obsessionen", die seine Nachtruhe zierten. Für den Einfall sei dann aber "jener Zustand unmittelbar vor dem Aufwachen wichtig, jene Phase, in der man weder ganz da ist noch wirklich schläft. Da klärt sich vieles, was am Vorabend oder in der Nacht noch ein Problem war."

Lösungen haben sich im Laufe des Komponierlebens im Bereich des Neoklassizismus, der Zweiten Wiener Schule und der Klangflächen-Komposition (Spiegel-Zyklus) ergeben, später auch bei der Auseinandersetzung mit Folklorismen und bei Rückreisen zu diversen historischen Idiomen, wie beim Violinkonzert des 1926 in Wien Geborenen.

Und wer weiß, vielleicht half besagte Traumarbeit auch bei der Vervollständigung von Alban Bergs Lulu, die Cerha über Nacht (Pierre Boulez dirigierte die Uraufführung 1979 in Paris) Weltruhm bescherte. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)

17. 2.: Geburtstagskonzert im Konzerthaus (19.30); 17. 2.: "Die Lange Nacht des Friedrich Cerha" auf Ö1 (ab 23.00); 13. 2.: Dokumentation "Friedrich Cerha - So möchte ich auch fliegen können" (ORF 2, 9.30); 3. bis 27. 3.: Salzburger Biennale mit Cerha-Schwerpunkt.

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    Friedrich Cerha wird im Konzerthaus gefeiert.

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