Merkel verliert ihren europäischen Finanzjoker

11. Februar 2011, 18:28
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Mit dem Abgang von Axel Weber verkompliziert sich das Rennen um den Chefposten der Europäischen Zentralbank

Mit dem Abgang von Axel Weber verkompliziert sich das Rennen um den Chefposten der Europäischen Zentralbank. Ohne Weber wird die Befriedigung französischer Interessen im EZB-Männerklub schwerer.

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Berlin/Wien - Vor zwei Tagen waren es nur Gerüchte, nun ist es fix. Axel Weber, Chef der Deutschen Bundesbank, wird definitiv nicht Nachfolger des Franzosen Jean-Claude Trichet an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch das ist noch nicht alles. Weber verlässt die Bundesbank bereits am 30. April und nicht, wie geplant, 2012.

Schadensbegrenzung

Diese überraschende Volte spielte sich am Freitagnachmittag im Berliner Kanzleramt ab. Nachdem Kanzlerin Angela Merkel Gerüchte zugetragen wurden, Weber interessiere sich mehr für den Chefsessel der Deutschen Bank, bat sie ihn umgehend zum Gespräch, bei dem auch Finanzminister Wolfgang Schäuble anwesend war. Ihr gemeinsames Ziel: Schadensbegrenzung. Es geht schließlich um einen der wichtigsten Posten in der Eurozone. Zwar hatten Merkel und Schäuble Weber noch nicht offiziell für den EZB-Posten nominiert, doch inoffiziell galt er als ihr Kandidat. Für die Spitze der Bundesbank soll nun rasch ein neuer Chef gefunden werden, Merkel will ihn kommende Woche präsentieren. Als Favorit gilt Jens Weidmann, Merkels oberster Wirtschaftsberater im Kanzleramt.

Mit dem Abgang Webers verkompliziert sich das Rennen um die Trichet-Nachfolge wesentlich.

Das große Strippenziehen in seinem Namen begann bereits vor einem Jahr. Damals wurde mit Unterstützung Berlins der Portugiese Vitor Constancio auf den Posten des EZB-Vizechefs gehievt. Das galt als Vorentscheidung bei der Trichet-Nachfolge, dessen Vertrag am 31. Oktober 2011 ausläuft.

Frankreichs Befindlichkeiten

Laut Machtgefüge in Europa sind zwei Südeuropäer an der Spitze der EZB aber politisch nicht vorstellbar. Webers einziger offizieller Gegenkandidat war Italiens Notenbankchef Mario Draghi. Draghi, ein scharfer Kritiker der italienischen Wirtschaftspolitik, ist ein anerkannter Banker. Aber eben auch ein Südländer: Mit der Nominierung Constancios schienen seine Chance dahin.

Weber hätte zudem einen Postentausch zugunsten der Franzosen ermöglicht. Trichet ist der einzige Franzose im sechsköpfigen EZB-Direktorium. Das Direktorium und die 17 Chefs der Zentralbanken des Euroraums bilden das wichtigste Entscheidungsorgan der Zentralbank in Frankfurt.

Undenkbar also, dass im Direktorium nach Trichet kein Franzose mehr sitzen sollte. Für die Lösung des Problems war Weber perfekt: Im EZB-Direktorium sitzt mit Jürgen Stark ein Deutscher. Wäre Weber an die EZB-Spitze gewechselt, hätte Stark für ihn in die Bundesbank nachrücken können. Ein Franzose wäre auf Stark gefolgt.

Kampf an mehreren Fronten

Diese Überlegungen sind jetzt hinfällig. Als aussichtsreichster Ersatzkandidat Berlins im EZB-Rennen gilt derzeit Klaus Regling, Chef des Euro-Rettungsschirms. Aber auch Alternativen werden wahrscheinlicher, wie der Kandidat aus einem kleineren Euroland. Immer wieder fällt dabei der Name des finnischen Zentralbankchefs Erkki Liikanen. Allerdings wäre mit seiner Ernennung das Problem der Franzosen nicht gelöst.

Die EZB kämpft aber auch an anderen Fronten. Die Führung der Zentralbank droht nämlich schon bald endgültig zum reinen Männerklub zu werden. Derzeit ist die Österreicherin Gertrude Tumpel-Gugerell die einzige Frau im Direktorium, auch alle Notenbankchefs sind Männer. Tumpel-Gugerells Amtszeit endet im Mai.

Im Rennen um ihre Nachfolge sind der Belgier Peter Praet und die Slowakin Elena Kohutikova. In EZB-Kreisen gilt Praet als klarer Favorit, und auch bei einer inoffiziellen Anhörung im EU-Parlament - das bei EZB-Personalien nicht mitentscheiden kann - sprachen sich alle Parteien für den Belgier aus. (Birgit Baumann, András Szigetvari, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.2.2011)

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    Wohin es geht, weiß derzeit nur seine Krawatte: Noch-Bundesbankchef Axel Weber tritt im April zurück.

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