Die gestörte Wahrnehmung des Hosni Mubarak

11. Februar 2011, 18:25
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Der ägyptische Diktator hatte offenbar jeden Bezug zur gesellschaftlichen Realität seines Landes verloren - von Thomas L. Friedman

Aufzeichnungen eines US-Korrespondenten von den Ereignissen auf dem Tahrir-Platz rund um Mubaraks offenkundig letzte Rede an die Nation.

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Als ich Donnerstag nachts die Rede Präsident Hosni Mubaraks an sein Land mitverfolgte, in der er ausführte, warum er sich nicht von Ausländern aus seinem Amt drängen lassen würde, kam Scham in mir hoch und Sorge um Ägypten. Die Blindheit dieses Mannes gegenüber den Vorgängen in seinem Land ist unfassbar - und die Reaktionen waren eindeutig: Mehrere hunderttausend Ägypter auf dem Tahrir-Platz schwenkten ihre Schuhe über ihren Köpfen - und hätten sie ihm gewiss um die Ohren geschleudert, wäre er in Reichweite gewesen - und skandierten "Raus mit dir, raus mit dir" .

Akt der Verhöhnung

Die Worte, die Mubarak und Suleiman an die für Demokratie demonstrierenden Massen gerichtet haben, hätten in der Tat verhöhnender nicht sein können: "Vertraut uns. Wir übernehmen ab nun die Agenda der Reform. Ihr könnt nun alle nach Hause gehen, zurück an die Arbeit, und aufhören, euch von diesen ausländischen TV-Stationen (gemeint ist Al-Jazeera) aufwiegeln zu lassen. Und lasst auch nicht zu, dass dieser Typ namens Obama uns stolzen Ägyptern diktiert, was wir zu tun hätten."

Diese Aussagen sind völlig realitätsfremd. Tatsächlich ist die ägyptische Demokratie-Bewegung all das, was ihr Mubarak abspricht: hausgemacht, unermüdlich und genuin ägyptisch. Dereinst werden Historiker über die tragenden Kräfte dieser Bewegung schreiben, heute genügen die kleinen Geschichten, denen man am Tahrir-Platz begegnet, um zu begreifen, warum der Umbruch unaufhaltbar ist.

Ich habe dort einen Vormittag lang eine Gruppe junger ägyptischer Studenten beobachtet und fotografiert, wie sie, ausgerüstet mit Gummihandschuhen, den Müll mit beiden Händen packten und in mitgebrachte Plastiksäcke stopften, um den Platz sauber zu halten. Das beeindruckte mich, wo ich doch mehr als einmal in meinen Glossen den Aphorismus "Noch nie hat in der Weltgeschichte jemand ein Mietauto gewaschen" zitiert hatte. Ich spielte damit darauf an, dass auch noch niemand ein "geborgtes" Land gewaschen hatte - in dem Sinn, in dem Araber im vergangenen Jahrhundert ihr Land nur "geborgt" hatten von Königen, Diktatoren und Kolonialmächten. Natürlich hatten sie kein Bedürfnis, dieses Land zu reinigen.

Nun, die Ägypter haben zu borgen aufgehört, zumindest am Tahrir-Platz, wo am Donnerstag ein Schild hing: "Tahrir - der einzige freie Platz in Ägypten" . Also ging ich zu einem der jungen Leute vom Reinigungsdienst - Karim Turiki (23), der in einem Kosmetiksalon arbeitet - und fragte ihn: "Warum hast du dich freiwillig dazu gemeldet?" Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen in gebrochenem Englisch: "Das ist mein Boden. Das ist mein Land. Das ist meine Heimat. Ich werde ganz Ägypten reinigen, wenn Mubarak geht." Besitztum ist eine schöne Sache.

Als ich den Mülltrupp verließ, lief ich einer Gruppe von drei augenscheinlich wohlhabenden Männern in die Arme, die mich ansprachen. Einer von ihnen, Ahmed Awn (31), legte dar, dass seine Geschäfte gutgehen und unter dem Turmult leiden würden, er aber hier stünde, weil es hier um viel mehr gehe als um Geld. Vor dem Aufstand, sagte er, "war ich nicht stolz darauf, Ägypter zu sein" .

Heute, angesichts dessen, was hier gemacht wird auf den Tahrir, "kann ich wieder stolz sagen: Ich bin ein Ägypter." Gedemütigt und erniedrigt zu sein ist eine der mächtigsten menschlichen Empfindungen, die Demütigung zu überwinden ebenso. Das spielt eine entscheidenden Rolle bei den Vorgängen am Tahrir-Platz.

Als ich schließlich den Platz verließ, sprach mich ein elegant gekleideter Mann auf der Nil-Brücke an - ein Times-Leser, der in Saudi-Arabien arbeitet. Er war mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Söhnen unterwegs. "Möge es sich in Ihrem Gedächtnis einbrennen" , meinte er zu mir - "die Autokratie darf niemals zurückkehren."

Das sind also die Menschen, denen Mubarak vorwirft, sich allein von Ausländern aufwiegeln zu lassen.

Wahr ist, dass die Tahrir-Bewegung der wahrhaftigste und humanste Kampf um Würde und Freiheit ist, den ich je erlebt habe ... (DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2011)

Thomas Friedman ist Nahost-Experte und Starkolumnist der "New York Times", die diesen hier in leicht gekürzter Form wiedergegebenen Beitrag erstpubliziert hat. Übersetzung: Elisabeth Loibl.

 

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