Frauen erobern, so wie man Festungen stürzt

11. Februar 2011, 18:23
22 Postings

Über Heinrich von Kleists Novelle "Die Marquise von O..."

Heinrich von Kleists "nach einer wahren Begebenheit" 1807 verfasste Novelle Die Marquise von O... gehört zu den merkwürdigsten Hervorbringungen deutscher Dichtkunst. Eine verwitwete Marquise wird zur Zeit der oberitalienischen Koalitionskriege (1792-1800) in Kampfhandlungen hineingezogen: Die unter dem Kommando ihres Vaters Lorenzo stehende Zitadelle wird von russischen Truppen überrannt.

Leider zeigt sich die hereinbrechende Soldateska kaum gesonnen, die Schutzwürdigkeit der Marquise anzuerkennen. Es bedarf daher des beherzten Einschreitens des russischen Grafen F..., eines "Obristlieutnants vom A...n Jägerkorps", die "Dame von vortrefflichem Ruf" zu retten.

Der Offizier bietet, nachdem er den Pöbel vertrieben hat, Julietta formvollendet den Arm. Er führt sie in den von den Flammen verschont gebliebenen Teil des Palastes - "wo sie auch völlig bewusstlos niedersank". Was nun folgt, gehört zu den bizarreren Begebenheiten der Novellenliteratur: "Hier - traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, dass sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück."

Nun hat sich besagter Graf beispiellos an der Ehre der ihm anvertrauten Frau vergangen. Die Marquise schaltet, wie Kleist schon eingangs berichtet hat, eine Zeitungsannonce, in der sie bekennt, "ohne ihr Wissen in andre Umstände gekommen" zu sein. Julietta erklärt sich in ihrer hochnotpeinlichen Lage bereit, den Vater des Kindes zu ehelichen.

Gewalt des Gedankenstrichs

Kleist bringt es tatsächlich fertig, das schmähliche Geschehen der Vergewaltigung einem einzigen Gedankenstrich aufzubürden. Ab nun entwickelt er ein ganz absonderliches Interesse an der Ableugnung der Tat durch das Opfer: Die handgreiflichen Folgen (Übelkeit et cetera) werden von der Widerstrebenden erst nach ärztlicher Konsultation eingeräumt. Die Eltern, von rigidem Moralbewusstsein, jedoch nahe am Wasser gebaut, wenden sich von der Schockierten brüsk ab.

Doch da hat sich der Schwängerer bei der Familie schon längst als Brautwerber eingestellt. In unziemlicher Hast hält er um Juliettas Hand an. Die verdutzten Eltern, die von der Schwangerschaft ihrer Tochter zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnen, fühlen sich von der Heftigkeit des Liebeswerbers merkwürdig berührt, da er "Damenherzen durch Anlauf, wie Festungen, zu erobern gewohnt scheine".

Alles ist Gewalt im Kleist'schen Kosmos: Als wären die Menschen zu zerbrechliche Gefäße für die Gefühle, die auf sie einstürzen, fallen sie in Ohnmacht. Sie sind von Sinnen, weil es für sie unmöglich ist, das über sie verhängte Geschick zu verstehen. Liebe, Zärtlichkeit und Nähe gedeihen in einer eigentlich unlebbaren Atmosphäre, in der die äußerste Willkür mit den Vorschreibungen des Sittengesetzes konfus durcheinandergerät. Um es mit dem rätselhaften Schlusswort der von Gott Jupiter schnöde hintergangenen Alkmene in Amphitryon zu sagen: "Ach."

Natürlich muss sich auch die Familie Lorenzos in das Unbegreifliche schicken. Der steifleinene Vater schießt zwar mit der Pistole in die Dachsparren, als er von Juliettas Schande erfährt. Aus Anlass der Versöhnung - auf die Annonce der Schwangeren wird anonym, aber offenbar zufriedenstellend geantwortet - wird der Leser Zeuge der zärtlichen Übergriffe, die der werdende Großvater der in ihrer Ehre notdürftig Wiederhergestellten allzu vertraulich angedeihen lässt.

Kleist balanciert nicht ohne Anmut auf dem Grat der literarischen Hochkomik: In seiner Novelle schält sich die unerhörte Begebenheit aus einem Herrenwitz heraus.

Seine Zeitgenossen wandten sich pikiert von dem 1808 im Phöbus abgedruckten Prosakunststück ab. In diesem wird das Unwahrscheinliche und offenkundig Widersinnige mit der Macht eines amtlichen Formularschreibens behauptet. Wenn Kleists Marquise - sei es bewusst, sei es aus schlechtem Gewissen - behauptet, dass sie nie und nimmer schwanger sein könne, dann trompetet sie, dass "eher die Gräber befruchtet" würden, als dass ihr ein solches Malheur zugestoßen sei. Der reuige Graf wird geehelicht, mit Missachtung bestraft - und sorgt schließlich für viele "kleine Russen". So "gebrechlich eingerichtet" ist nämlich die Welt.

Die Reihe mit Werken des Jahresjubilars wird unregelmäßig fortgesetzt. (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)

Share if you care.