Wie bürgerlich-liberale Revolutionen enden können

11. Februar 2011, 18:21
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Die weitgehend gewaltlosen und reformistischen Revolutionen bürgerlicher Liberaler müssen also nicht immer scheitern

Die französische Revolution von 1789 durchlief - stark verkürzt - folgende Phasen: Am Anfang stand das aufstrebende liberale Bürgertum, das mehr politische Mitsprache in der absoluten Monarchie und Feudalherrschaft wollte. Dazu kamen die Massen der ausgebeuteten Bauern. Die Entladung dieser Spannung führte jedoch zunächst zur Machtübernahme von gut organisierten Radikalen, die in einer Schreckensherrschaft rund 40.000 "Klassenfeinde" ermordeten. In diesem Chaos errichtete ein erfolgreicher, junger General, Napoleon Bonaparte, eine Militärdiktatur und krönte sich später selbst zum Kaiser aller Franzosen. Die bürgerlich-liberale Revolution endete in einer Ein-Mann-Diktatur (mit drei Millionen Toten in Europa durch Napoleons Kriege).

Die russische Revolution von 1917 begann im Februar (nach julianischem Kalender) und wurde ebenfalls von einer Elite aufgeklärter, gebildeter Bürger angeführt, auch sie zunächst in einer Koalition mit entrechteten Bauern. Im Oktober ergriffen jedoch die gut organisierten Radikalen, die Bolschewiki unter Lenin, die Macht (es war keine Revolution, sondern ein Putsch). In dieser Kaderpartei setzte sich dann der diabolische Apparatschik Stalin durch. Die bürgerlich-liberale Revolution endete in einer jahrzehntelangen Ein-Mann-Diktatur mit Millionen ermordeten "Klassenfeinden".

Pessimisten sehen ein ähnliches Schicksal für die ägyptische Revolution voraus. Was als Reformversuch des liberalen Bürgertums (in Koalition mit den verarmten Massen) begonnen hat, könnte zunächst in die Hand gut organisierter Radikaler (in diesem Fall der Muslimbrüder) geraten und dann in einer Militärdiktatur enden. Damit wäre es auch mit der Befreiung des gesamten arabisch-islamischen Kulturkreises aus Diktatur und Unmündigkeit vorbei.

Es gibt aber auch noch ein anderes Modell einer revolutionären Veränderung von weltgeschichtlicher Bedeutung: die mittel- und osteuropäische Revolution von 1989 gegen die kommunistische Diktatur. Auch hier stand am Anfang eine Allianz des aufgeklärten, intellektuellen Bürgertums mit der Masse der verarmten Arbeiter, vor allem in Polen. Dort kam auch noch der Sonderfaktor einer starken nationalen Kirche hinzu, die überdies den Papst stellte. Auch in der DDR waren die intellektuellen Anführer (Dissidenten) stark von der (protestantischen) Kirche geprägt. Die Revolution (in Polen, dann der DDR, dann der Tschechoslowakei) siegte, weil solche Volksmassen auf die Straße gingen, dass die Diktatur nicht mehr zu schießen wagte. Die demokratischen Errungenschaften dieser bürgerlich-liberal inspirierten Revolution hatten auch bis heute mehr oder weniger Bestand - nicht allerdings in den Teilstaaten der ehemaligen Sowjetunion; dort regieren wieder Autokraten.

Die weitgehend gewaltlosen und reformistischen Revolutionen bürgerlicher Liberaler müssen also nicht immer scheitern und in die Hände von disziplinierten Extremisten und/oder Autokraten fallen. Noch besteht die Hoffnung, dass auch in Ägypten (und anderen arabischen Staaten) die Voraussetzungen für ein 1989 vorhanden sind. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2011)

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