Verrinnende Strahlkraft

11. Februar 2011, 18:16
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Weder die Kreisky-Wochen noch die Thomas-Bernhard-Tage konnten die Karl-Heinz-Grasser-Monate auch nur vorübergehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen

Weder die Kreisky-Wochen noch die Thomas-Bernhard-Tage konnten die Karl-Heinz-Grasser-Monate auch nur vorübergehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängen. Nach dem Stadium der journalistischen Unschuldsvermutung sind wir in das der selbstdeklarierten Unschuldsfeststellung gelangt, untermauert mit Ausfällen gegen eine nicht näher definierte "politische Jagdgesellschaft" und parfümiert mit den Einfällen einer ins Erotomanische tendierenden Kritikerin der "abscheulichen Neidgesellschaft". Initiiert von deren Anhimmelungsschreiben und dessen Verlesung durch den Angehimmelten im Fernsehen könnte nun ein neues Stadium anbrechen - das späte Erwachen ehemaliger Fans, die angesichts der immer intensiver kursierenden Unschuldsvermutungen von Korruption, Amtsmissbrauch und Steuerhinterziehung um den einst schönsten Finanzminister aller Zeiten in späte Distanz flüchten. In seiner Situation müsse man sich öffentliche Auftritte gut überlegen, meinte in den "Salzburger Nachrichten" etwa Heidi Glück, PR-Beraterin von Wolfgang Schüssel in einer Zeit, als der von ihr Beratene noch einen Narren an der Null mit dem Defizit gefressen hatte. "Die Kommunikation ist nicht stimmig mit Grassers Auftreten. Wenn es ihm so schlecht geht, wie er sagt, dann kann man nicht grinsend von einer Seitenblickeparty zur nächsten hüpfen." Die Warnung kommt insofern ein wenig spät, als Grassers Kommunikation nie stimmig mit seinem Auftreten war, nur fällt das heute beträchtlich mehr Leuten auf, was aber weniger mit den Seitenblickepartys zu tun hat als mit anderen Aktivitäten.

Gut, aber leider auch spät, kommt Frau Glücks Rat: Für seine Glaubwürdigkeit wäre wichtig, sich klarer von den ebenfalls von der Justiz verfolgten Lobbyisten Walter Meischberger, Peter Hochegger und Ernst-Karl Plech abzugrenzen. Das wird nach den Telefonplaudereien mit dem Trauzeugen und allem, was sonst zutage kommt, nicht ganz leicht sein, wenn er nicht noch den letzten Rest an Glaubwürdigkeit verspielen will. Was wäre Grasser und der Republik erspart geblieben, hätte Schüssel auf Distanz zu diesen Lobbyisten gedrängt, als die Buwog noch nicht privatisiert war!

Schwerer tat sich ein nostalgischer Bernhard Görg in seinem Distanzierungsbrief im "Falter". Ich kann und will Ihren großen Beitrag zum fulminanten Wahlsieg der ÖVP 2002 nicht vergessen. Und auch nicht das Loblied, das ich lange auf Ihre politische Strahlkraft gesungen habe. Sie schien mir größer zu sein als die simple Addition von Telegenität und rhetorischem Talent. Doch dann war es gerade die politische Strahlkraft, die Görg misstrauisch machte: Trotzdem war ich heilfroh, dass aus dem Plan, Sie zum Frontmann der ÖVP zu machen, nichts geworden ist. Zuerst stramm FPÖ, dann stramm parteifrei und zu guter Letzt stramm ÖVP, das war mir zu viel an Wendigkeit.

Da wollte Görg noch immer nicht wahrhaben, dass Grasser vor allem stramm Grasser ist. Mit Grassers Ticketupgrading hatte er kein Problem, aber dann sind Sie Ihren Jägern zu Hilfe gekommen. Und nicht nur denen, da hat auch in meinem Bekanntenkreis - fast durchwegs Grasser-Fans - eine KHG-Götterdämmerung eingesetzt. Und warum? Einfach dadurch, dass Sie zur falschen Zeit beim falschen Mann angeheuert haben: Meinl. Stronach hatte ihn nicht gestört, aber Meinl - und der auch noch zur falschen Zeit!

Was haben Görgs Bekannte nur gegen Meinl? Die Buwog-Affäre war dann schon ein "gefühlter" Volltreffer. Auch bei mir. In seinem Umfeld jahrelang nichtsnutzige Schmarotzer zu dulden, dafür gibt es keine Entschuldigung. Hätte Görg an Grasser Anstoß genommen als der noch stramm FPÖ war, wäre ihm diese Enttäuschung über den Umgang mit nichtsnutzigen Schmarotzern erspart geblieben. Aber da war halt diese Strahlkraft. Interessanterweise scheint die Pflanze namens "politischer Sex-Appeal" in Österreich nur auf FPÖ-Recken zu gedeihen! - und wer da nicht widersteht, ist leicht verloren. Doch jetzt die Steuerhinterziehung. Die ist schon ganz schlimm.

Man darf gespannt sein, welche Bekenntnisse schwarzer Seelen, sich in Grasser geirrt zu haben, dem von Bernhard Görg folgen werden. Interessant wäre Andreas Khol, bekennender Bewunderer des rhetorischen Talents, dann aber gegen Grasser stramm ÖVP. Nur Schüssel hält Grasser im Schweigen die Treue. Er hat ihm schließlich zum fulminanten Wahlsieg 2002 verholfen, was sollen da Kleinigkeiten? (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.2011)

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