Nackt und nah

11. Februar 2011, 18:10
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Viele fragen sich: Wie werde ich Schauspieler? Rausfinden, ob man das Zeug dazu hat, kann man am Burgtheater. Das "TheaterJahr" zeigt zwölf Auserwählten, wie hart der Beruf ist - und wie schön

Am Ende fällt kein Vorhang. Es gibt keinen Applaus, sondern nur zehn Minuten Pause. Sophie sieht gleichermaßen erhitzt und blass aus vom Spielen, als sie den Lusterboden, die Probebühne im Dachgeschoß des Burgtheaters, in Richtung Kaffeeautomat verlässt. Als Brangäne ist sie noch Geige spielend an Bord eines Holzschiffes auf Rollen gestanden, das Tristan und Isolde nach England bringt, sie trägt auch Schuld daran, dass die beiden vom Liebestrank getrunken haben, der nicht für sie bestimmt war. Jetzt ist sie erst einmal verunsichert. An diesem Montagabend wurde das neue Stück der "Jungen Burg"-Schiene zum ersten Mal in einem durchgespielt. "Da sieht man gut, was alles noch nicht geht", wird Peter Raffalt (53), Regisseur der Inszenierung und gewissermaßen Boss der jungen Truppe, die hier am Burgtheater ihr "TheaterJahr" absolvieren darf, in einer ersten Feedbackrunde sagen. Elf Tage sind es noch bis zur Premiere am 18. Februar im Vestibül des Wiener Burgtheaters.

Auch Raffalt sieht eingefallener und bartstoppeliger aus als noch im Dezember, als sich sein aktueller TheaterJahr-Jahrgang hier, wo jetzt weiße Klebebänder am Lusterboden die Ausmaße des Vestibüls markieren, zur ersten Leseprobe für Tristan und Isolde zusammenfand. Schon damals, als seine Schützlinge lustig um eine lange Tafel saßen, orange Lesemappen ausgeteilt bekamen und aus Pappbechern Kaffee tranken, ließ der Chef keinen Zweifel daran, wie anstrengend die nächsten Wochen werden würden: "Die Premiere rückt näher, ihr spielt in vier Produktionen, es kommt Weihnachten, und wenn wir Pech haben, auch eine Grippewelle. Wir werden", sagt er und macht eine strenge Pause, "sehr diszipliniert sein müssen!"

Dass so ein TheaterJahr kein Spaziergang wird, ahnten Sophie und die anderen schon zu Beginn. Sie haben es alle durch ein aufwändiges Casting geschafft und sind mittlerweile der zweite Jahrgang eines Projektes, das mit Burg-Chef Matthias Hartmann von Zürich nach Wien importiert wurde. "Junge Burg" steht als Titel über einer Schiene, die von Annette und Peter Raffalt seither geleitet wird und verschiedene Bereiche (Kindertheater, TheaterJahr, SchauSpielBar, Jugendclub) in das Burgtheater integriert. Wie es aussieht, mit Erfolg. "Dass wir hier innerhalb eines Jahres alle vier Spielstätten der Burg mitbesetzen, hätte niemand gedacht", sagt Raffalt und macht kein Hehl daraus, dass es zunächst hieß, das Burgtheater brauche so etwas nicht.

Das Interesse war umso größer. Im ersten Jahr gab es 500 Bewerbungen. "Wir hätten ein komplettes Ensemble zusammenstellen können", sagt Raffalt, so groß war der Andrang, auch von Menschen, die bereits Schauspieler waren und an die Burg wollten. Jetzt, im zweiten Jahr, wurden die Zugangsbeschränkungen modifiziert und der Fokus wieder auf diejenigen gelegt, die erst welche werden wollen, Talent haben und hier den Luxus genießen, ein Jahr ausprobieren zu können, ob sie dazu tatsächlich das Zeug haben.

Sophie-Christine Behnke (24) war eine von 120 Leuten, die im Mai 2010 zum Casting eingeladen wurden. Sie kommt aus München, hat in Wien drei Jahre Theaterwissenschaften studiert und war, wie die meisten, in Kinder- und Schülertheater und in Theaterclubs über Jahre aktiv. In drei Tagen, erinnert sie sich, hat sich die Gruppe immer wieder verkleinert, es gab Vorsprechen, sie mussten singen, tanzen, improvisieren. "Am Ende waren es noch zwölf!", sagt Sophie. Und: Sie dabei! Sophie zeigt ein schüchternes Vorzugsschülerinnenlächeln, dunkelblond, halblanges Haar, schöne Zähne, ein hübsches Gesicht. Raffalt nennt sie "hochkonzentriert und sehr musikalisch". Auf Fragen antwortet sie leise, mit einer freundlichen Ernsthaftigkeit, erst auf der (Vestibül-)Bühne entwickelt sie eine erstaunliche Präsenz, etwa im Parzival als Kundrie, in Bonnie & Clyde als Bonnie und jetzt eben in Tristan und Isolde als Brangäne. Sophie sagt, das TheaterJahr bringt sie an Grenzen, das sei frustrierend, aber auch toll. "Da fängt doch echte Arbeit erst an, oder? " Eine Frage, deren Antwort sie längst kennt.

"Wir sind keine Ausbildungsstätte", betont Raffalt, das stimmt aber nicht ganz. Die Junge Burg hat sich 43 Meter über der Erde den Lusterboden erobert, und die zwölf sind dort wie in einer Klasse täglich (außer an Sonntagen) von früh bis spät zusammen, mit sich und den anderen konfrontiert, erhalten Sprech-, Tanz- und Singunterricht bei den Profis im Haus, machen Bewegungstraining, die Probenarbeit und sind auch noch Statisten in den Kindertheater-Produktionen wie etwa im Zauberer von Oz.

Einer, der ohne die Institution TheaterJahr in seinem Leben woanders wäre, ist Simon Harlan. Der 23-jährige Schweizer absolvierte sein erstes TheaterJahr in Zürich und folgte Raffalt nach Wien für eine zweite Runde. Er weiß, dass bereits der Weg zum Schauspielschüler steinig ist.

Im Innenhof des Palais Cumberland im 14. Wiener Gemeindebezirk ist es bereits dunkel. Wegen der Ferien ist kaum was los, Simon wirkt, als wäre er der letzte verbliebene Schüler am Max-Reinhardt-Seminar. Es ist 18 Uhr, eineinhalb Stunden hat er Zeit, dann muss er bei der nächsten Probe sein, das Stück eines Jahrgangskollegen. Wer ihn im Vestibül als Parzival erlebt hat, weiß wie (körperlich) ausgeliefert die jungen Schauspieler dort ihrem meist jungen Publikum sind. "Nackt und nah fühlt man sich da", sagt Simon bei einer Melange im Lokal mit dem lustigen Namen Futterboden, wo Reinhardt-Seminaristen gerne hingehen. Gänzlich unprätentiös in Jeans und Kapuzenjacke sitzt er da. "Wenn es einen Parzival gibt, dann ist er das", hat Raffalt über Harlan gesagt und hält ihn für eine Begabung. Parzival, die Geschichte von einem, der auf die Welt zugeht, scheint maßgeschneidert. Simon, blond und blauäugig, ein Jüngling, dessen Kraft sich noch nicht ganz entfaltet hat.

Anstrengend wie Therapie

Im vergangenen Jahr hat er immer wieder an Schauspielschulen vorgesprochen - München, Berlin, Zürich, Leipzig, Wien -, aber es nie geschafft. "Was ist mit dem?", hat sich Matthias Hartmann erkundigt und das Angebot gemacht, ihn als Eleve an die Burg zu holen. Mit der Sicherheit, dort sein zu können, wo viele hinwollen, hat er die Aufnahmeprüfung ans Reinhard-Seminar im Juni im zweiten Anlauf geschafft.

Theater ist anstrengend, "wie Therapie", sagt Simon, "weil alles auf den Tisch kommt!" Er ist froh, in einer WG ohne Theatermenschen gelandet zu sein. Es bleibt ohnehin nicht viel Freizeit neben Reinhardt-Seminar und Burg, wo er weiter den Parzival gibt. Die Leute aus dem zweiten Jahrgang haben teilweise die Rollen schnell von jenen übernommen, die schon weitergezogen sind auf ihrem Weg zur Schauspielerei.

Für Simon fühlen sich die rarer gewordenen Burgtheater-Abende wie kleine TheaterJahr-Revivals an, wenn er mit den Kollegen nach einer Vorstellung in der Burg-Kantine abhängt oder einmal im Monat die SchauSpielBar besucht.

Wenn man mit Sophie bei Heinz, dem authentischen Burg-Kantinenwirt, eine Melange bestellt, kann man das gut nachvollziehen. Das Gefühl, hier im Haus ein und aus zu gehen, beim Portier begrüßt zu werden, schlicht mittendrin zu sein, sei großartig. Während Sophie zwischen ein paar bekannten Burg-Kollegen sitzt, eine erste Zigarette raucht und von ihrem Vorsprechen vergangenen Mittwoch in Berlin erzählt, organisieren ihre Kollegen gerade den nächsten Abend in der SchauSpielBar. Diese Einrichtung, organisiert und moderiert von den zwölf, ist mittlerweile so ein Publikumserfolg, dass sie beim letzten Mal 200 Leute wegschicken mussten, weil nur 250 Besucher ins Kasino am Schwarzenbergplatz passen. Das Konzept ist simpel: Eine offene Bühne für jeden, der Lust hat für zehn Minuten etwas darzubieten: Bands, Autorenlesungen, Theaterszenen, Tanzperformances etc.

Von den Kasino-Abenden erzählt Sophie mit Begeisterung. Beim Thema Vorsprechen wirkt sie hingegen besorgter. Im Juni ist das TheaterJahr ja wieder vorbei. "Genau!", stöhnt sie. Letzte Woche in Berlin hat es für sie nicht geklappt. Im Juni wird sie es am Reinhardt-Seminar wieder versuchen, an anderen Schulen auch. Zwei Kollegen haben es in Berlin in die zweite Runde geschafft. Isolde und Marjodo (im echten Leben: Elisa Plüss und Mathias Dachler) fliegen zwei Tage noch einmal hin. Die Proben müssen einstweilen ohne sie stattfinden.

Nach und nach trudelt der gesamte Jahrgang in der Kantine ein, quetscht sich zu Sophie um den Tisch. Zigaretten werden geschnorrt, Spritzer getrunken, Neuigkeiten ausgetauscht: Verena (Altenberger) macht die nächste SchauSpielBar-Moderation. Mathias geht es mit seiner Grippe noch nicht besser, vorsprechen wird er trotzdem. Das Omelette schmeckt heute scheiße. Sind das erste Star-Allüren? Ach ja, ein Kollege ist gerade aus dem TheaterJahr ausgeschieden, er ist jetzt Regieassistent bei Andrea Breth in Berlin. Und Tristan bzw. Pablo Konrad y Ruopp hat bei Michel Laubs Burgporträts im März einen kleinen Auftritt auf der großen Bühne. Es ist jetzt nach 19 Uhr. "Haben wir heute nichts mehr zu tun?", fragt Julian (Mau), in Tristan und Isolde König Marke, theatralisch ungläubig in die Runde. "Das gibt es doch nicht!" Entspanntes Lachen.

Über den Köpfen der Junge- Burg-Menschen schwebt ein Monitor, der die große Bühne des Burgtheaters zeigt. Auf der wird gerade das Bühnenbild für Faust II aufgebaut. Durch den Haus-Lautsprecher ertönen Anweisungen an die Schauspieler für ihren Auftritt. Wer weiß, vielleicht wird eines Tages einer von ihnen aufgerufen - und da rausgehen.  (Mia Eidlhuber/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.2.2011)

Die Premiere von "Tristan und Isolde" findet am 18. 2., 19 Uhr, im Vestibül statt.

  • Menschen auf dem Weg ins Schauspieler-Leben: Sophie-Christine Behnke ...
    foto: burgtheater

    Menschen auf dem Weg ins Schauspieler-Leben: Sophie-Christine Behnke ...

  • ... und 
Simon Harlan in "Parzival / Short Cut".
    foto: burgtheater

    ... und Simon Harlan in "Parzival / Short Cut".

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