Tourismus liegt brach

11. Februar 2011, 15:22
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Hunderte Nil-Kreuzfahrtschiffe stehen still - "Gefährlich ist es nicht, aber das Angebot entspricht nicht mehr dem, was wir gebucht hatten"

Luxor/Marsa Alam/Wien - Ägyptens Tourismus liegt seit dem Ausbruch der Protestwelle brach, mitten in der Hauptsaison stornieren Zehntausende Urlauber ihre Reisen, Touristenhochburgen wie Luxor und Marsa Alam gleichen Geisterstädten. In dem 80-Millionen-Einwohner-Land Ägypten sind sechs Millionen Menschen direkt im Tourismus beschäftigt, indirekt, über Shops, Restaurants, Zulieferer etc., sollen es bis zu 20 Millionen Menschen sein. Für das österreichische Außenministerium ist die Reisewarnung für ganz Ägypten gerechtfertigt, erklärt Sprecher Peter Launsky-Tieffenthal. "Die Sicherheitslage ist angespannt und eine Eskalation ist im Bereich des Möglichen."

"Die Situation für Touristen ist in den Urlaubsregionen sehr sicher", erzählt Claudia D., Gästebetreuerin aus Deutschland auf einem Nil-Kreuzfahrtschiff, das seit zehn Tagen vor Luxor steht. Man verfolge auf dem Schiff internationale Medienberichte im Minutentakt. "Vieles wurde nicht richtig wiedergegeben oder weggelassen. Wir sind ständig in Kontakt mit dem Tourismusministerium, der Polizei und mit Kollegen in anderen Urlaubsgebieten hier in Ägypten und es ist nicht ein Tourist zu Schaden gekommen." Niemand könne wirklich nachvollziehen, warum zum Beispiel für April gebuchte Kreuzfahrten jetzt schon storniert würden. Auch die Versorgung funktioniere in Luxor noch problemlos, Besichtigungen in den Tempeln seien ebenso möglich.

"Ich war schockiert als ich hörte, dass in österreichischen Medien davon berichtet wurde, dass Schiffe überfallen und ausgebrannt wurden. Zu keiner Zeit wurden Touristen in den Urlaubsregionen angegriffen, sie waren auch zu keiner Zeit gefährdet. Es wurden keine Schiffe oder Hotels angezündet, keine Touristen attackiert oder getötet", so Claudia D.

317 Kreuzfahrtschiffe sind in der Hochsaison normalerweise auf dem Nil unterwegs, derzeit stehen alle still. Rund 75 Menschen sind auf einem Schiff beschäftigt, häufig sind sie Alleinverdiener und versorgen ihre gesamte Familie. Manche wurden bereits gekündigt, andere auf Urlaub geschickt. "Die ägyptischen Regierung hat für jene, die gekündigt wurden, eine neue Stelle eingerichtet, so ähnlich wie bei uns das Arbeitslosenamt, und es wurde Druck auf die Arbeitgeber gemacht, die Kündigungen ausgesprochen haben, diese zurückzunehmen. Auf jeden Fall wird gekündigten Angestellten ein Teil ihres Gehaltes von der ägyptischen Behörde zur Überbrückung rückerstattet", sagt Claudia D.

Die Gästebetreuerin hält die Reisewarnung für die Urlaubsregionen und die Nil-Kreuzfahrten nicht für gerechtfertigt. "Auf die Sicherheit der Touristen wird auch in Nicht-Krisenzeiten ein besonderes Augenmerk gerichtet, und der Tourismus ist kein Ziel der Proteste", sagt sie.

Auch Marsa Alam am Roten Meer ist wie leer gefegt. "Wir waren am Ende unserer Reise sechs Touristen im Hotel, und dieses bietet laut Hotelangaben Platz für 1.200 Personen", berichtet der Schweizer Urlauber Markus R., der am gestrigen Donnerstagabend von Marsa Alam zurückgekehrt ist. Dort werde der Flughafen nun zur Gänze geschlossen, wie ihm Hotelmitarbeiter berichteten. "Gefährlich ist es für Touristen nicht, aber das Angebot entspricht nicht mehr dem, was wir gebucht hatten. Bars, Shops etc. sind geschlossen, der Pool wird nicht mehr beheizt, die Essensauswahl ist bescheiden", so Markus R.

Die meisten Hotels in Marsa Alam haben bereits komplett ihren Betrieb eingestellt. Ebenso in Luxor, Assuan, Hurghada, und Sharm el-Sheikh. Der Hotelbetreiber in Marsa Alam meinte, man könne frühestens in ein paar Monaten wieder mit Normalbetrieb rechnen.

Außenministeriums-Sprecher Peter Launsky-Tieffenthal weist darauf hin, dass zwar, obwohl bisher kein Tourist zu Schaden gekommen sei, die Lage in Ägypten unvorhersehbar sei, daher bleibt die Reisewarnung aufrecht. Informationen über die dortige Situation bezieht das Außenministerium aus mehreren Quellen, wie Journalisten, internationalen Botschaften, dort ansässigen Industriebetrieben oder Touristen - man mache sich anhand der unterschiedlichen Meinungen ein Bild über die Lage in Ägypten.

Launsky-Tieffenthal betont, dass eine Reisewarnung keine Voraussetzung für ein Storno von Ägypten-Reisen sein muss. Und auch umgekehrt, Reisen nach Ägypten könnten auch ohne ausgesprochene Reisewarnung storniert werden, heißt es vom Verein für Konsumenteninformationen (VKI). "Auch wenn keine Reisewarnung gilt, aber ein erhöhtes Risiko besteht, ist ein kostenloser Rücktritt möglich", so Peter Kolba, Rechtsexperte vom VKI.

Fast jeder vierte Ägypter soll indirekt abhängig vom Tourismus sein. 9,5 Milliarden Euro wurden 2010 von knapp 15 Millionen Touristen eingenommen. Ein deutscher Touristenführer in Luxor erzählt, das Geld der Ägypter die vom Tourismus leben, reiche noch maximal für zwei Wochen. "Die Ägypter sind kein Volk, das sich Geld zur Seite legt." (APA)

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