In Paris endet die Liebe nie

11. Februar 2011, 17:07
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Der Schweizer Alex Capus hat mit "Léon und Louise" einen zarten Roman mit zarten Mängeln über lebenslange Liebe geschrieben

68 Jahre. Eine Fahrradklingel, die in den Sarg gelegt wird. Und eine große Liebe. Eine Liebe, die 1918 im Städtchen Saint-Luc-sur-Marne in der Normandie beginnt und 1986 endet, mit dem Tod Léons, dem Louise eine Klingel mitgibt.

Mit Léon und Louise hat der im schweizerischen Olten lebende Alex Capus ein eindrückliches Paar geschaffen. Beide, kurz nach 1900 geboren, begegnen sich während des Ersten Weltkriegs, verlieben sich, verlieren sich nach einem Fliegerangriff aus den Augen, Léon hält sie für tot. Zehn Jahre später begegnen sie sich zufällig in Paris wieder, er ist inzwischen verheiratet, Vater, Polizeichemiker, sie Sekretärin und eine starke, selbstbewusste und selbstbewusst liebende Frau.

Der Zweite Weltkrieg entzweit sie erneut, durchtrennt aber die Liebesbande nicht. Erst in den Sechzigerjahren, nach dem Tod von Léons Ehefrau, kommen sie ganz zusammen, heiraten aber nie. Capus, der sich in den vergangenen Jahren stark in der Kommunalpolitik seiner Heimatstadt engagierte, deren Geschehnisse er auch in Kolumnen glossierte, erzählt von einer ganz außerordentlichen Liebe in Paris. Einer Liebe voll Zärtlichkeit und Sehnsucht, von Gefühlen, die nie vergehen und halten, auch wenn sich Léon und Louise jahrelang nicht sehen.

In den letzten Jahren hat der studierte Historiker, der als Journalist tätig war, mit seinen Büchern Himmelsstürmer und Patriarchen bewiesen, dass die Scheidung in Romanciers auf der einen Genre-Seite und Sachbuchautoren auf der anderen eine künstliche ist. In vielen seiner Bücher spielt die Historie eine Rolle, in Munzinger Pascha von 1997 wie in seinem Afrika-Roman Eine Frage der Zeit, der zehn Jahre später erschien. Auch sein neues Buch ist in gelebter, überlieferter Realität verankert, Capus' eigener Großvater war Polizeichemiker in Paris.

Wie lassen sich aber die sprachlichen Schnitzer und imaginativen Schwierigkeiten erklären bei einem Autor, der schon zehn Bücher veröffentlicht hat? Die Neigung zu oberflächlicher Gemeinplatzträchtigkeit setzt schon mit der Auftaktszene ein, der Aufbahrung Léons in Notre-Dame. Sie mutet an, als habe ein Student eines Literaturinstituts, im norddeutschen Hildesheim oder im schweizerischen Biel, wo so etwas wie Diplom-Dichter ausgebildet werden, die Szenerie mit unerfahrener Hand aus einem Lehrbuch abgepaust.

Da fällt "buntes Sonnenlicht" - buntes Sonnenlicht? - auf den natürlich "offenen Sarg", im Chorumgang kniet der unvermeidliche "Kapuzinermönch", und im linken Seitenschiff als überraschungsfreier Kontrapunkt "stand ein Maurer auf einem Gerüst". Nach all dem Visuellen fehlt etwas, eine akustische Komponente - die umgehend geliefert wird: Der Handwerker macht nämlich "mit seiner Kelle schabende Geräusche". Der Mangel an Logik und an Wahrscheinlichkeit wird hier nur noch überboten durch die verblüffend stupende Ballung gut abgehangener Klischees.

Ein anderes Beispiel: eine Passage 20 Seiten später, die erste Schilderung des Meeres bei Honfleur. Der Sand ist, welch' Surprise, gelb, das Meer "war grün und wurde zum Himmel hin blau". Welche weiteren Farben fehlen noch auf der Natur-Palette, die sich harmonisch einfügen würden und keinerlei Knalleffekte auslösten? Vielleicht Rot, Weiß, Schwarz. Und was folgt im weiteren Verlauf des durch Semikola punktierten langen Bandwurmsatzes? Kinder, die rote Badeanzüge tragen, Mütter mit weißen Röcken und, zur Abrundung der Alterspyramide, selbstredend alte Männer in schwarzen Jacken. So wird Atmosphäre suggeriert, aber nicht geschaffen.

Vieles bleibt hier Kulisse, ist - wie ähnlich bei Capus' Landsmann Martin Suter zu beobachten - pseudorealistische Behauptung, leblos und flach. Capus' Sprache ist an beunruhigend vielen Stellen konventionell, uninspiriert und merkwürdig ambitionslos. Eine weitere Schwäche ist, dass er Figuren, die nicht von explizitem Interesse imprägniert sind, in Neues hinübertreiben lässt, wobei die Grenze vom Wahrscheinlichen zum Gleichgültigen fließend ist.

Dass Léons Frau, die während der Okkupation Frankreichs sorgsam und ängstlich kontrollbeflissen ist, sich gleich nach Kriegsende wahren Fressorgien hingibt und sich in ein vegetatives Wesen verwandelt, das nur noch essen, schlafen, in der Sonne sitzen will, ist nicht recht nachvollziehbar.

Dafür ist Alex Capus dort überzeugend, wo er sich auf die mitreißende Herzensdynamik, auf das emotionale Beziehungs- und Liebesgeflecht zwischen Léon und Louise einlässt. Hierfür vermag er eindringliche Bilder zu finden. So heißt es an einer Stelle, dass Léon sein Leben mit seiner Ehefrau neben sich und mit seiner Geliebten in Kopf und Herz verbringt.

Die flirrende Auflösung, den lebensheiteren Rausch gibt es erst am Ende des Romans. Léon und Louise gehen an Bord seines Bootes, verstauen die Vorräte in der Kabine und starten den Motor: "Dann machten sie die Leinen los, legten ab und fuhren aus dem Hafenbecken hinaus auf die Seine und flussabwärts dem Ozean entgegen." (Alexander Kluy

 

Alex Capus, "Léon und Louise". € 20,50 / 320 Seiten. Hanser, München 2011

  • Überzeugt dort, wo er sich auf die mitreißende Herzensdynamik zwischen Léon und Louise einlässt: Alex Capus.
    foto: marko lipus

    Überzeugt dort, wo er sich auf die mitreißende Herzensdynamik zwischen Léon und Louise einlässt: Alex Capus.

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