Der Innen- und der Außenminister

11. Februar 2011, 17:06
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"Kein einziger Tag" ohne den anderen: Die Österreicherin Linda Stift spürt sich in einen Zwilling hinein

Ein eineiig ungleiches Paar, das sind Paul, ein vertrackter Einzelgänger, und Paco, ein oberflächlicher Lebemann. Linda Stift entwirft in ihrem neuen Roman Kein einziger Tag ein bemerkenswert abgründiges Beispiel einer Beziehung zweier Brüder, deren Geschichte im gemeinsamen Körper begann. Die Trennung der siamesischen Zwillinge im Kindesalter gibt ihnen die Möglichkeit zur Entwicklung zu freien Individuen. Die aus der Südsteiermark stammende Schriftstellerin unternimmt mit bedachtsamer Sprache, feinem Humor und der psychologischen List einer Thriller-Autorin eine Charakterstudie aus der Sicht eines Mannes über Nähe und Distanz, Kränkung und Unterdrückung.

Der Ich-Erzähler Paul führt ein unauffälliges, aber zufriedenes Leben als Betreiber eines Ladens für Zeichenbedarf. Für ihn war die körperliche Trennung von seinem Bruder befreiend, die Narbe bedeutet für ihn Eigenständigkeit. Der Anhänglichkeit seines Bruders Paco, einem mittelmäßigen Serien-Schauspieler und fidelen Adabei, entzieht er sich mit mehrmaligem Wohnungswechsel.

Als sich der Schauspieler nach zwanzig Jahren Trennung in der Stadt, die Wien ist, aufhält, platzt er in Pauls Leben. Er beansprucht dessen Wohnung, Bett und schließlich auch noch dessen Freundin Jenny, die er mit seinen Kochkünsten begeistert. Sie und Paco werden immer vertrauter. Paul stört diese Entwicklung, er greift aber nicht ein, entfremdet sich zusehends von sich selbst, wirkt wie ein Versager, ein Zwangsneurotiker - und irgendwie doch sympathisch. Wäre da nicht das Tier, das er im Keller seines Geschäfts "hält" und das für ihn "Meditatives" ausstrahlt.

Bald wird klar, dass es sich beim Tier um einen Menschen handelt, und dem durch Keller-Verbrechen geprüften Österreicher wird es mulmig. Neben Pauls heimlich ausgeübter sadistischer Veranlagung geht sein Zwillings-Du Paco als Teilnehmer einer Reality-Show mit B- und C-Promis voll auf. Der Gewinner darf sich über eine Gratis-Schönheitsoperation freuen. Paul: "Wir lebten in einer seltsamen Blase, die erst platzte, als die Show begann."

Was passiert mit Paul? Warum schmeißt er seinen Bruder nicht wie früher einfach hinaus? Es sind auch die, teilweise klischeehaften, Fragen rund um den Zwilling als Individuum und dessen Suche nach einer eigenen Existenz, die erörtert werden.

Kann ein Zwilling an keinem einzigen Tag alleine sein? Sehen wir auch den einzelnen Teil eines Paares immer als ein Wir? Warum will Paul seine Zwillingsexistenz verbergen? Das Erzähler-Ich der in Wien lebenden Germanistin Stift, die schon 2005 in Kingpeng von einem Geschwisterpaar erzählte, doziert allerlei Fachwissen über die Zwillingsforschung oder über berühmte siamesische Zwillinge und erklärt, warum es bei Zwillingspaaren in der Regel einen Außen- und einen Innenminister gibt. Gefühlvolle Dialoge und gewitzte dramaturgische Elemente sorgen für literarische Eigenheiten und eine mysteriöse Leseunterhaltung. (Sebastian Gilli

 

 Buchpräsentation am 15. 2. um 19.30 im phil (Gumpendorfer Str. 10-12, 1060 Wien)

  • Linda Stift, "Kein einziger Tag". € 17,40 / 176 Seiten. Deuticke, Wien 2011
    foto: deuticke

    Linda Stift, "Kein einziger Tag". € 17,40 / 176 Seiten. Deuticke, Wien 2011

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