Gegen den Wirtschafts-Mainstream

14. Februar 2011, 10:12
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Mit "Markt und Macht" versucht Autor Norbert Häring die "Lehrbuchökonomie" zu entzaubern

"Geld ist Macht" besagt eine Volksweisheit. Mehr Geld ist demnach auch mehr Macht. Dass die Macht dann auch nicht bei allen gleich verteilt ist, ist auch kein Geheimnis. Und dass der Weg von Macht zu Machtmissbrauch nicht besonders weit sein muss, auch nicht. Genau das ist es, was Norbert Häring in seinem Buch "Markt und Macht. Was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten, aber bisher nicht erfahren sollten" anprangert.

Der deutsche Ökonom und Wirtschaftsjournalist Häring versucht - gespickt mit zahlreichen Studienergebnissen - den "ökonomischen Mainstream" zu entzaubern. Hier dominierten nämlich der "vollkommene Wettbewerb, effiziente Finanzmärkte, vollständige Information, repräsentative Wirtschaftssubjekte und das ewige Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage". Die Realität sehe aber anders aus, weder gebe es den perfekt funktionierenden Markt, noch verfügten alle Teilnehmer über dieselben Informationen. Ganz im Gegenteil würden Vormachtstellungen ausgespielt und zum eigenen Vorteil genutzt. 

In dem in sechs Kapitel gegliederten Buch zeigt Häring, wo die Macht sitzt. Dabei fängt er da an, wo die meiste gebündelt ist: bei den Finanzinstituten. Er greift dabei nicht nur die Geldschöpfung der Banken an und plädiert für das 100-Prozent-Geld (100-Prozent-Deckung von Giralgeld, Anm.), Häring seziert auch die Verflechtungen zwischen Finanz und Politik und die Praxis der Analysten. Als nächstes bekommen die Manager ihr Fett weg. Besonders bei der Frage nach der Vergütung verortet der Autor die Macht und deren Missbrauch. Die restlichen vier - wesentlich kürzeren - Kapitel beschäftigen sich mit der Marktmacht, der Macht bei der Arbeit, der Ökonomie der Mächtigen und der Staatsmacht.

"Markt und Macht" bietet zwar keine bahnbrechenden Neuigkeiten und auch keinen absoluten Ausweg an, aber Häring schafft es, zahlreiche aktuelle Studien zu bündeln, die die gängige Lehrbuchökonomie mehr als nur in Frage stellen. Macht als einen zentralen Mitspieler im wirtschaftlichen Gefüge schlichtweg zu ignorieren und an der Theorie der vollkommenen, sich selbst regulierenden Märkte ohne Wenn und Aber festzuhalten, hat spätestens seit der letzten Finanzkrise einiges an Glaubwürdigkeit verloren. Häring liefert mit dem Konvolut an empirisch belegbaren Gegenmeinungen zumindest einen umfassenden Grundstein zum Weg einer Neuorientierung in den Wirtschaftswissenschaften. (Daniela Rom, derStandard.at, 14.2.2011)

Norbert Häring, Markt und Macht. Was Sie schon immer über die Wirtschaft wissen wollten, aber bisher nicht erfahren sollten, 292 S., Verlag: Schäffer-Poeschel, September 2010.

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    foto: verlag
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