Das Wörterbuch: Hogra

13. Februar 2011, 20:53
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Was ist Algerien nur für ein Land, in dem ein Wort wie Hogra entstehen kann? Die Vokabel, die Algeriens Jugend ständig im Mund führt, und sonst in der Region nirgends gebraucht wird, bedeutet so viel wie "Missachtung, Erniedrigung durch die Mächtigen". Wenn sie wie heute demonstrieren, Parolen sprühen oder wie im Januar Barrikaden bauen und rebellieren, dann geht es immer um die Hogra, die Lebensumstände, die in krassem Widerspruch zum Erdöl- und Erdgasreichtum des nordafrikanischen Landes stehen. Und es geht um die Repression unter der Algeriens Jugend aufgewachsen ist.

Unruhen sind an der Tagesordnung. Ob um Lebensmittelpreise, Vergabe von Sozialwohnungen, die Identitätsfrage der Berber in der Kabylei oder Einfach nur um den Abstieg eines Fußballvereins in die zweite Liga im westalgerischen Oran geht, alles bietet einen willkommenen Anlass gegen das verhasste System - die Hogra - zu rebellieren. Eine tiefe Frustration macht sich immer wieder gewaltsam Luft.

Die Unter-35-Jährigen stellen zwei Drittel der Bevölkerung. Zukunftsperspektiven gibt es keine. Es fehlt an Jobs. Die Betroffenen hängen auf der Straße rum, an irgendeine Mauer gelehnt. "Hidistes" - eine Mischung aus dem dialektal-arabischen Wort für Mauer und der französischen Grammatik - nennen sie sich. Noch so ein Wort, das es nur in Algerien gibt.

Auch um die kleinen Fluchten der Jugend ist es schlecht bestellt. In Algerien ist die Gesellschaft strengen, moralischen Regeln unterworfen. Alkoholkonsum kann zu übler Bekanntschaft mit der Polizei führen. Knutschen oder Händchenhalten ebenso. Viele Kinos und Freizeiteinrichtungen fielen in den 1990ern islamistischen Attacken zum Opfer. Nur wenige habe wieder geöffnet.

Viele dieser jungen Erwachsenen leben mit den Eltern und Geschwistern in einer völlig überbelegten Wohnung. "Ich schlafe auf der Küchenablage", gestand mir ein junger Mann in Algiers Stadtteil Bab El Oued. "In einer solchen Situation wirst du nie eine Frau kennenlernen", fügt er neidisch hinzu, als ich ihm von meiner Familie erzählte.

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    foto: reiner wandler
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