"In fast jedem Unter­nehmen ein faules Ei"

10. Februar 2011, 19:57
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Observierten Österreichs Detektive vor Jahren vermeintliche Ehe­brecher, liegen sie nun bei Wirtschaftsdelikten auf der Lauer

Wien - Nach dem gliedererkältenden, stundenlangen Einsatz vor einem Kaffeehaus am frühen Morgen, gönnt sich Markus Schwaiger erst einmal eine Zigarre in seinem Büro im Westen Wiens. Denn diese hat bei der Arbeit ebenso wenig verloren wie eine Sonnenbrille bei bewölktem Himmel. Alles viel zu auffällig. Denn Diskretion ist Ehrensache für den in ein schlichtes graues Leiberl und Jeans gekleideten Unternehmer mit grauer Stoppelfrisur. "Der beste Detektiv ist einer, der nicht so ausschaut", sagt Schwaiger und stößt genussvoll eine kleine Rauchwolke aus.

Als der Ex-Offizier und Informatiker vor 15 Jahren zum Berufsdetektiv umsattelte, stellten Observationen untreuer Ehepartner das Gros der Aufträge. Mittlerweile überwiegen die Fälle, die sich unter dem Begriff Wirtschaftskriminalität subsummieren lassen. Auch weil in Österreich Fremdgehen kein unbedingter Scheidungsgrund mehr ist. Und weil das Laissez-faire in Unternehmen beständig fröhliche Urständ feiert.

"Wenn von Wirtschaftskriminalität die Rede ist, winken viele Unternehmen ab - nach dem Motto' bei mir ist ja nichts zu holen'", schüttelt Schwaiger verständnislos den Kopf. "Spätestens ab einer Unternehmensgröße von 30 bis 40 Mitarbeitern, kann man sicher sein, dass ein faules Ei darunter ist", zeigt ihm der detektivische Blick in die Praxis.

Doch die Sensibilität wächst, sagt Lukas Helmberger, der seit 2003 eine Detektei im ersten Wiener Gemeindebezirk führt. Besonders in wirtschaftlich schlechteren Zeiten, wenn es auf jeden Cent im Unternehmen ankommt. Dann werden Antworten auf die Fragen gestellt, wohin das viele Büromaterial fließt, das auffällig häufig beschafft werden muss. Oder, wo der Kunde abgeblieben ist, der seine Rechnungen schon so lange nicht bezahlt hat. Oder, ob der ehemalige Mitarbeiter, der sich selbständig gemacht hat, trotz Konkurrenzklausel die alte Kundendatei kräftig ausnutzt.

Unterschlagung und Diebstahl rangieren mit 67 Prozent in Österreich ganz klar auf Platz 1 der Wirtschaftsdelikte, zeigt der Global Economic Survey des Beraterhauses PricewaterhouseCoopers, der alle zwei Jahre herauskommt.

Zu einfach gemacht

Diebischen und betrügerischen Elstern werde es in vielen Unternehmen zu einfach gemacht, sucht und findet Schwaiger eine Begründung für viele Wirtschaftsdelikte. "Oder es ist einfach organisatorische Schlamperei." Wie sonst könne man es sich erklären, wenn es in einer 2000-Mann-Firma erst nach mehreren Jahren aufgefallen sei, dass jährlich 50 Notebooks aus dem Depot verschwanden? Ein Fall, den der Detektiv mittels Videoüberwachung binnen weniger Wochen löste.

Ähnlich gelagert der Fall bei einem Hersteller für Baumaterial, dem irgendwann auffiel, dass er über einen längeren Zeitraum eine Inventurdifferenz von mehr als drei Prozent hatte. Des Rätsels Lösung waren eine Gruppe Lkw-Fahrer des Unternehmens, die in einer regelmäßigen frühmorgendlichen Sonderschicht aus dem Lager abgezweigtes Material an "kostenbewusste" Abnehmer auf Baustellen verteilten.

Mitunter betätigt sich ein Detektiv auch als Kammerjäger der besonderen Art: Mehrmals im Jahr ist Schwaiger in osteuropäischen Ländern unterwegs, um dort bei Töchtern österreichischer Firmen nach Wanzen zu suchen. Konkurrenzspionage sei in Osteuropa gang und gäbe, gut die Hälfte der Niederlassungen sei verwanzt, ist er überzeugt.

Über Details seiner Erforschungs- und Überwachungsmethoden schweigt sich Schwaiger galant aus. Hier und da ein wenig "Tarnkleidung" wie Arbeitskleidung und Werkzeugkoffer, IT-Forensik, Ortungssysteme, und wenn's heiß hergeht, zeigt auch schon mal Hund Bärli (ein ausgewachsener Schäfermischling) seine Zähne. Vieles, bloß keine Sonnenbrille eben. Der Rest: Detektivgeheimnis.

Kollege Helmberger betont, dass seriöse Berufsdetektive sich an geltende Gesetze halten, schließlich seien sie ja Teil der Rechtspflege. Zudem: Nicht astrein besorgtes Material lasse sich nicht als Beweismittel vor Gericht verwerten.

Apropos Gericht: Nur wenige Fälle gelangen vor den Kadi. "Das meiste wird unter den Tisch gekehrt", stellt Schwaiger fest. Je größer das Delikt, umso mehr werde es totgeschwiegen. Und, was ihm gar nicht gefällt: "Manchmal kriegen die Bösewicht gar einen goldenen Handshake."(Karin Tschenke, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 11.2.2011)

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    Zum Handwerkszeug eines Privatermittlers gehört vieles, nur keine Sonnenbrille: Der beste Detektiv ist einer, der (trotz Fernglas) nicht so ausschaut.

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