"Dass Demokratie nicht funktioniert, ist Blödsinn"

10. Februar 2011, 19:14
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Die Macht des Präsidenten zu beschränken werde die größte Herausforderung, sagte der ägyptische Regisseur Yousri Nasrallah zu Julia Herrnböck

Standard: Was erwarten sich die Demonstranten?

Nasrallah: Wir wollen in erster Linie eine neue Verfassung. Und der Ausnahmezustand muss beendet werden. Viele Leute verlangen, dass der Informationsminister rausfliegt. Dieses Amt dürfte es überhaupt gar nicht erst geben.

Standard: Weiß die breite Masse von den tausenden verschwunden Menschen der letzten Wochen?

Nasrallah: Ja, wir wissen das. Das ist unser Alltag. Dass Wael Ghonim, einer der Blogger, freigelassen wurde und im Fernsehen von seinen Erlebnissen berichtete, hat die Leute auf die Straße gebracht.

Standard: Wie finden Sie die Gespräche mit den Muslimbrüdern?

Nasrallah: Die Verhandlungen müssen geschehen, parallel mit den Demonstrationen. Sie repräsentieren eine Fraktion in der ägyptischen Gesellschaft und wurden von der Regierung instrumentalisiert als "das Böse". Ich finde es gesünder, mit ihnen als politische Gegner zu verhandeln, anstelle einer dunklen, mysteriösen Macht, die herum schwebt.

Standard: Kommt Mohamed ElBaradei als Übergangspräsident für Sie infrage?

Nasrallah: Es gäbe viele Kandidaten. Das Hauptproblem ist es, zu einer Verfassung zu kommen, die die Macht eines Präsidenten beschränkt. Im Moment hat er eine mit 130 Artikeln geschützte Vollmacht. In einem Rechtsstaat ist es ziemlich egal, wer regiert.

Standard: Wie ist die Situation für Künstler und Intellektuelle?

Nasrallah: Die Zensur spielt eine große Rolle. Drehgenehmigungen zu bekommen, ist eine Qual. Früher bekamen wir die für den ganzen Film, jetzt muss man jeden Tag eine neue Genehmigung beantragen. Das ist willkürlich.

Standard: Läuft da viel über Schmiergeld?

Nasrallah: Ja, das ist eine Sache, die sehr von der Korruption abhängt.

Standard: Ändert sich das Bild der Frau durch den Umbruch?

Nasrallah: Der große Schock ist schon gekommen. Unverschleierte wie verschleierte Frauen - sie alle stehen am Tahrir-Platz.

Standard: War das eine Facebook-Revolution?

Nasrallah: Ja. Facebook hat die Kommunikation einfacher und schneller gemacht. Aber da hat vieles mitgespielt: Etwa, dass die Parlamentswahlen vor ein paar Monaten ganz unverschämt gefälscht wurden und die Opposition keine Sitze bekommen hat.

Standard: Wünschen Sie sich mehr Druck von außen?

Nasrallah: Je weniger, desto besser. Der Verdacht, dass Demokratien in arabischen Ländern nicht funktionieren, ist Blödsinn. (Julia Herrnböck, STANDARD-Printausgabe, 11.02.2011)

Yousri Nasrallah (61) studierte in Kairo Politikwissenschaft und Wirtschaft, bevor er sich dem Filmgeschäft zuwandte. Der Regisseur, als koptischer Christ geboren, thematisiert in seinen Filmen Nationalismus und Terrorismus.

  • Regisseur Yousri Nasrallah: "Ja, das war eine Facebook-Revolution."
    foto: miguel angel molina

    Regisseur Yousri Nasrallah: "Ja, das war eine Facebook-Revolution."

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