Betonwand der Abgehobenheit

10. Februar 2011, 23:18
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Mubarak glaubt, dass hinter ihm das Chaos käme – und löst es selbst aus

Wenn dies der Versuch des ägyptischen Regimes war, den Dampf aus den Freitagsdemonstrationen zu lassen, dann zeigt es einmal mehr, auf welche Betonwand der Abgehobenheit die Protestierenden da prallen. Diesmal, so schien es, sollte das Präsent, das die Demonstranten besänftigen sollte, nicht am späten Abend eines heißen Protesttages überreicht werden, sondern bereits am Vorabend. Und es wurde auch nicht als "Zugeständnis" angekündigt - und diese Zugeständnisse sind ja immer eher bescheiden ausgefallen -, sondern als Erfüllung der Wünsche der Hunderttausenden, die seit Wochen auf die Straße gehen.

So sagte es jedenfalls der Armeegeneral Hassan al-Roweny, der sich den Demonstranten am Tahrir-Platz bereits mehrmals als Gesprächspartner zur Verfügung gestellt hatte, am Donnerstag: "Alles, was ihr wollt, wird geschehen."

Was zwischen diesen Worten lag und der Rede von Noch-Immer-Präsident Hosni Mubarak, wird man nicht so schnell erfahren. Entweder die hohen Offiziellen, die Donnerstagnachmittag dem Tahrir-Platz und der ganzen Welt den Mund nach einem Mubarak-Abgang wässrig machten, hatten etwas missverstanden - oder, wahrscheinlicher, sie wollten Mubarak auf diesen Weg zwingen und dachten, sie hätten ihn so weit. Aber er machte einmal mehr nicht mit. Auch wenn er noch so viel Macht an seinen Vize Omar Suleiman abgibt - und das hat er de facto ja getan -, solange er de iure Präsident bleibt, werden die Menschen nicht zufrieden sein.

Das allgemeine Gefühl am Donnerstagabend war gewesen, dass eintreten würde, was viele Beobachter vorhersagten: dass die ägyptische Armee letztendlich die Entscheidung treffen werde, wann es genug ist; dass sie wählen werde zwischen Land und Präsident. Ostentativ tagte die Heeresführung ohne Mubarak. Dessen Rücktritt als Chef der Armee als erster Schritt entbindet deren Mitglieder der persönlichen Gehorsamspflichten. Das ist auch psychologisch wichtig, denn es wird ganz unzweifelhaft unter den Militärs in Ägypten nicht wenige geben, die es schändlich finden, Mubarak, einen von ihnen, fallenzulassen. Nicht alle hohen ägyptischen Offiziere gehen so wie Generalstabschef Sami Enan bei den Amerikanern ein und aus und wissen, was in der Welt los ist und wie Politik funktioniert.

Aber noch ist Mubarak offenbar stark genug, um seinen Willen durchzusetzen, und der war, noch einmal mit einer Fernsehansprache jene zu überzeugen, die nichts mehr von ihm wissen wollen. Vielleicht hoffte er, dass der Effekt sich verstärken würde, der nach der Rede vor zwei Wochen, mit der er auf eine neuerliche Kandidatur verzichtete, bei manchen Ägyptern eingetreten war: Er ist ja eigentlich schon weg. Aber dieser Beschwichtigungsversuch hat diesmal noch mehr Öl ins Feuer gegossen, zu nah wähnte sich der Tahrir-Platz schon am Sieg. Mubarak glaubt in seiner Entrücktheit wahrscheinlich selbst, dass hinter ihm das Chaos käme. Dabei löst er es selbst aus.

Das heißt, dass die ägyptische Revolte an einer sehr gefährlichen Abzweigung angekommen ist. Wieder die Frage: Was wird die Armee jetzt tun? Dem Alten noch einmal den Willen lassen? Dafür vielleicht sogar auf Demonstranten schießen? Oder versuchen, es weiter auszusitzen - oder Mubarak vor dem nächsten Auftritt klarer machen, was man von ihm erwartet.  (Gudrun Harrer, STANDARD-Printausgabe, 11.02.2011)

 

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