Daniel Domscheit-Berg tritt aus Assanges Schatten

10. Februar 2011, 18:30
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Ein Hacker, der für Transparenz eintritt

Bisweilen - nein, eigentlich immer - verbindet man mit Wikileaks eine einzige Person: Julian Assange. Doch nun ist Daniel Domscheit-Berg aus dessen Schatten getreten und sucht selbst das Rampenlicht.

Aus idealistischen Mitstreitern sind längst erbitterte Kontrahenten geworden. Assange sei zwar "genial", konstatiert der 1978 geborene Deutsche, der drei Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet hat, gleichzeitig aber "größenwahnsinnig" und vor allem "paranoid".

Befreiungsschlag

Domscheit-Berg versucht nun einen Befreiungsschlag, und das in aller Öffentlichkeit. Dazu gehört sein Buch Inside Wikileaks, das am heutigen Freitag erscheint, aber vor allem seine Konkurrenz-Plattform Openleaks.

Der Mannheimer, der schon in jungen Jahren in der Hacker-Community Chaos Computer Club aktiv war und zeitweise auch unter dem Pseudonym Daniel Schmitt auftrat, ist mit Anke Domscheit, Microsoft-Managerin und Lobbyistin für Open Government und bessere Chancen weiblicher Führungskräfte, verheiratet. Nach dem Abschluss seines Studiums der Angewandten Informatik arbeitete er von 2005 bis 2009 beim IT-Dienstleister Electronic Data Systems als Experte für IT-Sicherheit.

"Zwei Vollzeit-Leute und ein Server

2007 lernte er Assange kennen, der ebenfalls eine Hacker-Vergangenheit hatte, und sehr schnell waren "zwei Vollzeit-Leute und ein Server" das Herzstück von Wikileaks.

Im Frühjahr 2010 landete das Team seinen ersten großen Coup: Das Video mit dem vielsagenden Titel Collateral Murder zeigte eine US-Hubschrauberbesatzung bei einem Angriff auf irakische Zivilisten.

Das Hochgefühl der globalen Schlagzeilen hielt aber nicht lang an: Informant Bradley Manning wurde verhaftet, und Domscheit-Berg zerkrachte sich mit Assange wegen dessen "autoritären Stils". Im September 2010 verließ er die Firma - je nach Lesart könnte es aber auch Assange gewesen sein, der ihn vor die Tür setzte.

Doch der Informatiker, der mit Eloquenz und exzellentem Englisch auffällt, verschwand nur kurz vom Bildschirm: Schon im Dezember gründete er Openleaks. In Österreich will er dabei mit Grünen-Politiker Peter Pilz zusammenarbeiten.

Schlammschlacht im Netz geht also weiter

Den zu erwartenden kommerziellen Erfolg seines Buches hat Domscheit-Berg allerdings Assange zu verdanken. Und dieser will schon in Kürze seine eigene Version der Geschichte erzählen. Die Schlammschlacht im Netz geht also weiter. (Gianluca Wallisch, DER STANDARD Printausgabe, 11. Februar 2011)

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    foto: dpap
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