"Die eigene Person etwas zurücknehmen"

28. Februar 2011, 11:53
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Outfit beim Bewerbungsgespräch - Ingrid Chladek verrät, wie Farben wirken und warum Individualität manchmal fehl am Platz ist

Die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ruft gewöhnlich Freude und Hoffnung hervor. Je näher der Termin heranrückt, desto mehr drängt sich - vor allem für junge Menschen, die noch nicht so viel Erfahrung damit haben - die Frage auf: Was zieh' ich bloß an? Wie schon beim Lebenslauf und beim Bewerbungsfoto gibt es Regeln, an denen man sich zumindest orientieren kann. derStandard.at hat mit der Diplomierten Farb-, Stil- und Imageberaterin Ingrid Chladek gesprochen und nach den Dos und Don'ts gefragt. Sie glaubt, dass kleidungstechnisch mehr Individualität meist einfach nicht drin ist.

derStandard.at: Woher weiß man, welches Outfit beim Bewerbungsgespräch gefragt ist?

Ingrid Chladek: Grundsätzlich sollte sich der Bewerber informieren, in welchem Bereich das Unternehmen angesiedelt ist. Es hilft, sich auf der Homepage anzuschauen, was die Mitarbeiter auf den Bildern tragen. Oder man geht in der Mittagspause zum Unternehmen und sieht sich die Menschen dort an. Danach kann man sich richten. Wenn alle im Anzug oder Kostüm erscheinen, muss man auch zum Bewerbungsgespräch so gekleidet sein.

derStandard.at: Welcher Kleidungsstil passt konkret zu welcher Branche?

Chladek: Ist es eine Bank, sollte der Bewerber in klassischer Kleidung, in Businesskleidung, erscheinen. Ist es ein kleineres EDV- oder Freizeitunternehmen, dann ist ein Anzug nicht wirklich angebracht, es reichen Jeans, Sakko, Hemd, Bluse, Rock. In der Kreativ- und Modebranche kann man durchaus sehr modisch auftreten. Wobei in der Kreativbranche die vorherrschende Farbe Schwarz ist, so kleiden sich Architekten, Designer und die Wunderwuzzis der Kreativbranche.

derStandard.at: Warum gerade die Farbe Schwarz?

Chladek: Schwarz ist eine unbunte Farbe, die in den Hintergrund tritt. Das Objekt, die Kreation, soll im Vordergrund stehen. Das ist wie mit einem Chor auf der Bühne: Die Hintergrundsänger sind meist schwarz gekleidet.

derStandard.at: Egal welche Branche, welches Outfit. Was sollte man generell beachten?

Chladek: Für alle Branchen gilt: Saubere Kleidung, keine losen Fäden, keine fehlenden Knöpfe, geputzte Schuhe auf denen kein Preispickerl klebt. Die Kleidung sollte gut passen und nicht zu groß sein, das vermittelt den Eindruck, man sei einer Aufgabe nicht gewachsen. Die Hose darf auf keinen Fall zu kurz sein, da wirkt man, als sei man bereits herausgewachsen. Für Frauen gilt: dezentes Make-Up, kein Dekolleté, nicht zu viel freie Haut zeigen und im Sommer keine Hängekleidchen oder Sandalen. Letzeres gilt auch für Männer: keine Sandalen, und schon gar nicht mit Socken.

derStandard.at: Wird man als Bewerber bei all den Vorschriften nicht in seinem persönlichem Freiraum eingeschränkt?

Chladek: Es geht ja auch um einiges. Darum sollte man die eigene Person etwas zurücknehmen und Wert auf die Branchenusancen legen. Wenn man erst einmal in den Job hineingewachsen ist, sieht man nach und nach, wie viel Individualität gestattet ist. Aber: Kurze Hosen sind nun einmal Freizeitkleidung, wenn man darauf besteht, sollte man einen Outdoor-Job wählen.

Wenn man nur für das Bewerbungsgespräch einen Anzug trägt und sich darin überhaupt nicht wohl fühlt, sollte man ehrlich zu sich selbst sein und sich fragen: Kann ich das ein Leben lang tragen? Wenn man täglich mit Widerwillen ins Büro geht, weil man sich im Anzug unwohl fühlt, kann das nicht produktiv sein. Man muss sich im Vorfeld überlegen, ob man es schafft, jeden Tag Anzug oder Kostüm zu tragen. Man soll sich jedenfalls nicht für einen Job verkleiden.

derStandard.at: Sie sind nicht nur Stil- und Image-, sondern auch Farbberaterin. Welche Rolle spielt die "richtige" Farbe im Vorstellungsgespräch?

Chladek: Farben haben eine ganz große Wirkung, sowohl auf uns selbst als auch auf unser Gegenüber. Wir verbinden sie mit Gefühlen, Emotionen. Man kann mit Farben spielen, wenn zum Beispiel die eigene Person in den Hintergrund treten soll, wählt man eher matte Farben wie Grau, man wird Teil eines Unternehmens. Der Kontrast hell-dunkel, zum Beispiel grau-weiß, wirkt kompetent. Wenn man Grau durch Blau austauscht, wirkt man vertrauensvoll und intelligent. Wer eher sozial und freundlich herüberkommen möchte, weil er sich zum Beispiel im Sozialbereich bewirbt, sollte zu weichen Farben wie Pastellfarben greifen.

derStandard.at: Von welchen Farben raten Sie gänzlich ab?

Chladek: Die Farben Rot und Orange würde ich zu einer Bewerbung und auch sonst im Berufsleben eher selten tragen. Rot wirkt aggressiv, es ist die Farbe des Blutes, unser Gehirn schreit sofort: Da muss etwas passiert sein. Orange hat eine ähnliche Wirkung. Auch Rosa sollte man vermeiden, das wirkt zwar sympathisch, aber auch naiv und lieblich. Auch Schwarz sollte man - außer im Kreativbereich - vermeiden, es ist die Farbe der Feiern und Beerdigungen. Wer dagegen ganz in Weiß kommt, wirkt wie ein Bootsbesitzer, Playboy. Aber ein weißes Oberteil ist super, weil es einen guten Kontrast zu jeder anderen Farbe bildet. Natürlich gilt auch: keine zu auffälligen Muster wie Blumen und keine T-Shirts mit politischen Statements. 

derStandard.at: Aber sollte man potenziellen Mitarbeitern nicht doch etwas mehr Individualität zugestehen?

Chladek: Ich kann mir höchstens vorstellen, dass das im Kreativbereich so ist. Ansonsten glaube ich nicht daran. Mitarbeiter sind die Visitenkarte eines Unternehmens. Wenn Sie den Repräsentanten einer Firma vor sich haben und er ist schlampig gekleidet, hat Spaghetti-Flecken am Hemd, dann überlegen Sie sich zweimal, ob Sie mit der Firma ins Geschäft kommen wollen. 

Ich gebe viele Workshops in Fachhochschulen, viele Studierenden gehen dort mit Anzug und Kostüm herum, das ist für sie selbstverständlich. Ich frage oft, wie viele von ihnen sich vorstellen könnten, später im Berufsalltag so herumzulaufen. Weil die meisten das gewohnt sind, ist das für sie überhaupt kein Problem. Bei Schulen mit gemischten Zweigen, in denen ein Teil mit Anzug und Kostüm herumläuft und ein anderer in normaler Freizeit-Schulbekleidung, sieht man den Unterschied ganz krass. Diejenigen, die besser angezogen sind, werden automatisch intelligenter eingeschätzt und sie wirken höflicher. Wir haben nun einmal diese Vorurteile in uns. 

derStandard.at: Warum wird der Kleidung im Job, vor allem aber beim Bewerbungsgespräch, eine so hohe Bedeutung beigemessen? Sollte es nicht vor allem auf die Leistung ankommen?

Chladek: Es gibt eben gewisse Spielregeln, viele Unternehmen wollen durch ihre Mitarbeiter Seriosität ausstrahlen, Vertrauen erregen, zum Beispiel Investmentbanken. Um den Eindruck zu vermitteln, dass jeder Mitarbeiter diese Kompetenz hat, ist Uniformität gefragt. Die Arbeit und die Leistung des Unternehmens stehen im Vordergrund, nicht der Einzelne. (Maria Kapeller, derStandard.at, 28.2.2011)

INGRID CHLADEK ist Diplomierte Farb-, Stil- und Imageberaterin in Wien. Sie bietet unter anderem Workshops und Seminare zum Thema Business-Outfit an. Darüber hinaus ist sie Kolumnistin des Österreichischen Börsen-Kuriers und des Magazins Society.

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    Bunte Farben und schrille Outfits sind beim Bewerbungsgespräch nicht gefragt. Ausnahme: die Kreativwirtschaft.

  • Ingrid Chladek glaubt nicht so recht an Individualität
    foto: gilbert brandl

    Ingrid Chladek glaubt nicht so recht an Individualität

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