Vor zehn Jahren wurden die Genom-Daten des Menschen veröffentlicht

11. Februar 2011, 19:16
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Dem Erfolg ging ein langer Konkurrenzkampf voraus

Washington/London/Tokio/Paris/Berlin - Die Menschheit stand an einem entscheidenden Punkt in ihrem Wissen über sich selbst: Am 12. Februar 2001 publizierten die führenden internationalen Wissenschaftszeitschriften "Nature" (London) und "Science" (Washington) die Detail-Informationen über die Sequenzierung der menschlichen Erbsubstanz (Desoxyribonukleinsäure - DNA). Die Publikationen füllten Hunderte Seiten samt der Darstellung in Datenbanken. Gleichzeitig fanden Pressekonferenzen in Washington, London, Paris, Tokio und Berlin statt. Dem Erfolg war ein rund zehn Jahre langer Konkurrenzkampf zwischen akademischer Wissenschaft und privater Forschung voraus gegangen.

Die Daten in "Science" stammten vom US-Gen-Entschlüsseler Craig Venter mit seinem Unternehmen Celera Genomics. "Nature" publizierte die Informationen aus dem mit öffentlichen Geldern finanzierten weltweiten Human Genome Project (HGP) des "International Human Genome Sequencing Consortium" mit der Human Genome Organisation (HUGO) als Träger. Allein beim HGP-Projekt arbeiteten 20 Wissenschaftergruppen aus den USA, Großbritannien, Japan, Frankreich, Deutschland und China zusammen.

Konkurrenzkampf

Es war ein Kampf auf Biegen und Brechen zwischen den Kontrahenten gewesen: Zwischen Venter und dem internationalen Konsortium herrschte von Anfang an beinharte Konkurrenz. Selbst knapp vor der Sequenzierung von 90 Prozent der menschlichen DNA wollten die beiden Mitbewerber um den Ruhm nicht kooperieren. Es ging um die Verwertungsrechte. Auch der damalige US-Präsident Bill Clinton, Großbritanniens Premierminister Tony Blair und die deutsche Regierung setzten sich für die Freigabe der Sequenzierdaten der menschlichen DNA ein.

Eine Art von Zusammenarbeit gab es jedoch zum Schluss des Konkurrenzkampfes doch noch: "Nature" und "Science" - die beiden wichtigsten Wissenschaftspublikationen der Welt - hatten sich wenigstens auf die gleichzeitige Veröffentlichung der Daten der beiden Genom-Projekte geeinigt.

Als Chef des nationalen US-Human Genome Research Institute (NHGRI) spielte Francis Collins ehemals eine entscheidende Rolle bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms. In einem Interview mit der FAZ bestätigte der nunmehrige Leiter der National Institutes of Health (NIH), dass demnächst Genomanalysen in zwei Stunden möglich werden.

Schere zwischen Wissen und Therapie

Für Markus Hengstschläger, Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik an der MedUni Wien, war die Sequenzierung des menschlichen Genoms ohne Zweifel ein großer Fortschritt. Doch es gibt auch ein großes "Aber", so der Experte: "Die Schere zwischen dem, was wir in den Genen lesen können und dem, was wir gegen Krankheiten tun können, ist eigentlich weiter aufgegangen."

Hengstschläger: "In den vergangenen zehn Jahren der 'postgenomischen Ära' hat sich herausgestellt, dass die Sache doch aufwendiger ist als wir es gedacht haben. Wir sind in der Klärung von Ursachen für Erkrankungen voran gekommen. Aber die Patienten fragen jetzt: 'Was bringt mir das in der Therapie?' Wir sind in einer Übergangsphase. Die Fortschritte für Patienten gehen einfach nicht so schnell, wie man sich das gedacht hat. In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird es darauf ankommen, aus dem Wissen über die Gene eben neue Prophylaxe- und Behandlungsmöglichkeiten zu machen."

Insgesamt habe sich der technische Fortschritt nur noch beschleunigt, so der Experte: "Mit den Sequenziermaschinen der nächsten Generation hat man das Genom eines einzelnen Menschen über Nacht analysiert. Ein Gerät kostet 400.000 Euro. Aber ich halte das Sequenzieren des Genoms einer einzelnen Person nur dann für sinnvoll, wenn sich dadurch ein Gewinn in Prophylaxe oder Therapie ergibt. Und da hinken wir eben nach."

Hengstschläger nannte ein Beispiel aus eigener Forschung: "Wir haben vor mehreren Jahren die genetische Ursache für die seltene Erkrankung 'Tuberöse Sklerose' geklärt. Jetzt, nach rund zehn Jahren, gibt es die ersten klinischen Studien mit sogenannten mTOR-Inhibitoren zur Behandlung der Krankheit. Das braucht eben seine Zeit." (APA/red)

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    Der 12. Februar 2001: Das menschliche Genom ist sequenziert. Die Ergebnisse werden bei Pressekonferenzen bekannt gegeben: Hier im Bild Robert Waterston vom Washington University Genome Sequencing Center ...

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    ... und Craig Venter von Celera Genomics.

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