"Die Plomben sind noch alle drinnen"

10. Februar 2011, 12:18
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Super-G-Weltmeister Innerhofer distanziert auch im ersten Abfahrtstraining die Konkurrenz, die die Präparierung der Kandahar kritisiert. Kostelic tut sie seinem Rücken nicht mehr an

"Ich hab ihn vor dem Super-G beim Einfahren gesehen und gleich das Gefühl gehabt, dass er er Rückenschmerzen hat. Dann wird seine Entscheidung wohl eine gute seins", sagt Benjamin Raich über den Rückzieher von Ivica Kostelic. Der gegenwärtige Chef im Zirkus, dem der Gesamtweltcup nur noch theoretisch zu nehmen ist, hatte nach der Bronzefahrt genug von der harten und rumpeligen Kandahar-Piste, verließ Garmisch-Partenkirchen und begab sich nach Kroatien. Um am Adriastrand frisch zu werden für die zweite WM-Woche, für Riesenslalom und Slalom, die am Gudiberg gegeben werden.

Mit Carlo Janka verzichtet ein weiterer Top-Läufer auf einen Start bei Super-Kombi und Abfahrt. Der Schweizer kämpft laut Angaben des nationalen Verbandes möglicherweise mit den Spätfolgen eines Virusinfekts. Nach dem zweiten Abfahrtstraining reiste der Gesamt-Weltcupsieger des Vorjahres in seine Heimat, um sich dort auf den Riesentorlauf vorzubereiten.

In der Kombi (Montag) wäre Kostelic Topfavorit gewesen, in der Abfahrt am Samstag eher nicht. Für die wurde am Donnerstag erstmals geübt, und die Herrschaften wurden ziemlich durchgerüttelt. Auch Raich, der das Freitagstraining und die Abfahrt auslässt. Ob es für ihn, der ja ebenfalls immer wieder von seinem Rücken gequält wird, eine Option sei, auf die Kandahar zu pfeifen und sich auf die technischen Disziplinen zu konzentrieren? "Ich fühl mich gut. Natürlich hab auch ich meinen Rücken nie hundertprozentig im Griff. Aber ich will die Kombi fahren, ich will was reißen", sagt der Pitztaler, der bereits 13 Medaillen bei Großereignissen gewonnen hat, 2005 Kombi-Weltmeister wurde.

"Wenn man einmal mit der Piste nicht ganz einverstanden ist, wenn man was riskieren muss, einen Rückzieher macht, dann sollte man kein Rennläufer werden. Aber die Piste ist ein Wahnsinn", merkte Raich schon auch an. "Sogar unten, wo es nur gradaus geht, musst du schauen, dass du die Ski irgendwie in der Richtung derhaltest."

Und das tat Italiens Christof Innerhofer mit Abstand am besten. Der Super-G-Weltmeister aus dem Pustertal distanzierte Norwegens Aksel Lund Svindal, den Abfahrtsweltmeister 2007 in Aare, um mehr als eine Sekunde. Michael Walchhofer, anno 2003 in St. Moritz der bisher letzte österreichische Abfahrtsweltmeister, war als Elfter um 2,70 Sekunden länger auf der Kandahar unterwegs. "Wenn der Innerhofer", sagte der Walchhofer, "auch im Rennen alles richtig macht, wird es schwer. Er fährt richtig gut, das muss man ihm lassen. Aber vielleicht wird er ja noch nervös."

Walchhofer hatte seine Probleme: "Ganz schön schneidig. Aber man hat das wohl nicht so eingeschätzt. Es war warm angesagt, also hat man es sicherheitshalber hart genug gemacht. Ich möchte niemanden einen Vorwurf machen." Das tat übrigens Kostelic auch nicht, aber er will sich diese Piste, die Schmerzen, einfach nicht mehr antun. Walchhofer (35) fährt seine letzte Saison, seine letzte WM. Und was spürte er im Ziel? "Es schüttelt, der Kopf wackelt noch immer. Aber die Plomben sind noch alle drinnen", berichtete der Zauchenseer. Der Schweizer Didier Cuche, Vierter im Training, zur Präparierung: "Schwachsinn."

Klaus Kröll, der als Zwölfter mehr als drei Sekunden länger durchgerüttelt wurde als Innerhofer, war auch nicht sehr erbaut. "Ich war teilweise überfordert, es war für mich mehr ein Besichtigen. Und unten raus ist es unnötig gefährlich. Man kann nicht einmal gescheit in der Hocke fahren, weil man die Ski auf die Kanten stellen muss, dass es sie nicht verschlägt."

Hannes Reichelt, der sich tags zuvor auf der Kandahar mit Super-G-Silber beglückt hatte, ließ im Training ein Tor aus. "Heute hat es nicht so viel Spaß gemacht. Es schlägt, es verlangt einem alles ab", sagte der Radstädter, der mit dem Pongauer Joachim Puchner (fast fünf Sekunden hinter Innerhofer) um einen Abfahrtsstartplatz kämpft.

Romed Baumann, der wie Walchhofer und Kröll gesetzt ist: "Die Zieleinfahrt ist unruhig wie die Sau, eine Waschrumpel, sehr anspruchsvoll. Ich habe vermutet, dass es in der Abfahrt mit dem längeren Ski leichter ist als im Super-G, das war aber nicht so."

Nur einer ist mit sich und der Kandahar im Reinen. "Ich mag es, wenn es hart und unruhig ist", tat Innerhofer kund. "Hoffentlich bleibt es so." Am Freitag soll es zuziehen, die Niederschlagswahrscheinlichkeit am Samstag liegt bei 39 Prozent. (Benno Zelsacher aus Garmisch-Partenkirchen, Freitag, 11. Februar 2011)

Ergebnis 1. Abfahrtstraining Herren:

1. Christof Innerhofer ITA 2:00,71
2. Aksel Lund Svindal NOR +1,05
3. Dominik Paris ITA +1,69
4. Dider Cuche SUI +1,82
5. Ondrej Bank CZE +1,88
6. Peter Fill ITA +2,04
7. Eric Guay CAN +2,20
8. Andrej Jerman SLO +2,44
9. Bode Miller USA +2,49
10. Adrien Theaux FRA +2,52
11. Michael Walchhofer AUT +2,70
12. Klaus Kröll AUt +3,23
13. Hannes Reichelt AUT +3,28
19. Benjamin Raich AUT +3,47
23. Romed Baumann AUT +3,98
29. Joachim Puchner AUT +4,86
45. Björn Sieber AUT +7,47

  • Michael Walchhofers Start in den ersten Trainingslauf für seine fünfte und definitiv letzte WM-Abfahrt.
    foto: epa/stephan jansen

    Michael Walchhofers Start in den ersten Trainingslauf für seine fünfte und definitiv letzte WM-Abfahrt.

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    Romed Baumann, im Ziel mit vier Sekunden Rückstand.

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