Psychologin: "Getrennter Unterricht bringt nicht unbedingt Vorteile"

10. Februar 2011, 11:54
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Christiane Spiel bezweifelt, dass monoedukativer Unterricht Benachteiligungen von Frauen im Bildungsbereich beseitigt

Der getrennte Unterricht von Burschen und Mädchen bringt letzteren nicht unbedingt Vorteile, meint die Bildungspsychologin Christiane Spiel: "Es gibt keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Monoedukation die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen im Bildungsbereich löst", so Spiel. Weder könne man eindeutig sagen, dass sich durch getrennten Unterricht das Selbstwertgefühl der Mädchen steigert noch lasse sich ein nachhaltiger Leistungsanstieg feststellen. Zwar seien in den vergangenen Jahren Studien zum Ergebnis gekommen, dass Monoedukation Mädchen Vorteile bringe, so Spiel. Allerdings müssten sämtliche dieser Befunde mit Vorsicht betrachtet werden, da viele Studien mit methodischen Fehlern behaftet seien. "In diesem Bereich ist es ganz schwierig, methodisch saubere Studien zu machen."

So würden durch Monoedukation vor allem Schülerinnen bzw. Eltern mit einem bestimmten Sozialstatus angesprochen - rechne man diesen heraus, zeigten sich häufig keine Effekte, so Spiel. Außerdem ließen sich manche Vorteile monoedukativen Unterrichts bereits zum Teil durch Erwartungshaltungen im Vorfeld erklären, Lehrer würden auch je nach Geschlechterzusammensetzung in der Klasse anders unterrichten. Nachanalysen von PISA-Daten für Länder, die sowohl koedukativen als auch monoedukativen Unterricht anbieten, hätten gezeigt, dass etwaige Geschlechterunterschiede bei Berücksichtigung des Sozialstatusses fast völlig verschwinden.

Niedrigeres Lohnniveau für Absolventinnen

Umgekehrt gebe es Hinweise darauf, dass der Abschluss an einer monoedukativen Schule für Mädchen als weniger wertvoll erachtet werde, betont Spiel. Das schlage sich in einem niedrigeren Lohnniveau der Absolventinnen nieder. Viel zu wenig Beachtung finde auch der Umstand, dass sich nicht in allen koedukativen Klassen geschlechtsspezifische Unterschiede finden. Für Spiel ist die Forderung nach getrenntem Unterricht zu einfach: "Man meint, dass man ein gesellschaftliches Problem - die objektive Benachteiligung von Frauen - lösen kann, indem man an einer einzigen Schraube dreht und man sich damit sonst nicht mehr auseinandersetzen muss."

Auch andere Genderstereotype will Spiel hinterfragen: So lägen etwa zur zweiten oft erhobenen Forderung "Mehr männliche Lehrer an Volksschulen" kaum empirische Studien vor. Es gebe aber Hinweise, dass die Leistung der Schüler bzw. Schülerinnen nicht mit dem Geschlecht ihrer Lehrer zusammenhänge - so seien etwa in Österreich in der Volksschule, wo der Lehrerinnenanteil am höchsten ist, die Notendifferenzen zwischen Burschen und Mädchen am geringsten.

Beseitigung von Genderstereotypen

Die Bildungspsychologin plädiert für eine "reflexive Koedukation" zur Beseitigung von Genderstereotypen. So gehe es darum, Selbstregulation und Lernmotivation zu fördern und jeweils den einzelnen Schüler bzw. die einzelne Schülerin in den Mittelpunkt zu stellen. Fehler sollten in diesem Zusammenhang als Lerngelegenheiten und nicht Bedrohungen im sozialen Vergleich verstanden werden. Die Lehrer wiederum müssten sich als Coaches sehen und nicht primär als Bewerter von Leistungen. Außerdem schlägt Spiel vor, Interessen und Vorwissen von Schülerinnen und Schülern durch Lehrmaterialien bzw. im Unterricht zu berücksichtigen und Lehrkräfte über Ursachen von Geschlechtsunterschieden aufzuklären.

Außerdem sollte man, so Spiel, der Vielfalt der Kinder etwa punkto Geschlecht, Migrationshintergrund oder sozialer Herkunft eine entsprechende Vielfalt an Lehrkräften gegenüberstellen. Damit könnte die Schule ihrer Sozialisationsaufgabe besser nachkommen. Derzeit konzentriere sich die Schule zu stark auf das Verteilen von Berechtigungen, also etwa Noten. Auch die Notengebung müsse diskutiert werden: So sollten etwa statt sozialer Bewertungsmaßstäbe (= Vergleich der Leistung eines Kindes mit den Leistungen der anderen Kinder in der Klasse) vermehrt individuelle Maßstäbe herangezogen werden (Vergleich mit früheren Leistungen des Kindes) und damit Lernerfolge besser sichtbar gemacht werden. Möglich wäre eventuell auch die zusätzliche Bewertung fächerübergreifender Bildungsziele wie sozialer Kompetenzen oder Arbeitshaltungen bzw. von Kreativität. (APA)

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    Der getrennte Unterricht von Burschen und Mädchen bringt letzteren nicht unbedingt Vorteile, meint die Bildungspsychologin Christiane Spiel.

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