Nokias Regenerationskraft ist nicht zu unterschätzen

10. Februar 2011, 11:30
18 Postings

Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt und Nokia hat noch immer kein Produkt, das ihm nur annähernd entspricht

Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt und Nokia hat noch immer kein Produkt, das ihm nur annähernd entspricht. Vor gerade zwei Jahren hat Android die Bühne betreten, jetzt hat es Nokia die Marktführerschaft bei Smartphones abgenommen. Unglaublich.

Niedergang

Diese und ähnliche Diagnosen des stetigen Niedergangs des - immer noch - größten Handyherstellers der Welt werden von Medien und Analysten seit geraumer Zeit gestellt. Diesmal stammt sie nicht von der angeblich Apple-hörigen Journaille, sondern von unstreitbar kompetenter Stelle - Nokias neuem Chef Stephen Elop.

Die harte Selbsteinsicht findet sich in einem internen Memo, das Onlinemedien (The Register, TechCrunch, Engadget) zugespielt wurde. Elops Aussicht ist noch grimmiger als die Einsicht: Apple "gehört" de facto der High-End-Markt für Smartphones über 300 Dollar. Android ist oben eingestiegen, gewinnt jetzt das mittlere Segment und breitet sich auf Billighandys unter hundert Dollar aus. Am unteren Ende stellt der chinesische Hersteller MediaTek Chipsets für Billighandys her und raubt Nokia seine Anteile in Schwellenländern.

"Während unsere Konkurrenten unsere Marktanteile in Brand setzten, hat Nokia die großen Trends verpasst." MeeGo, das Jointventure mit Intel, sollte Nokia neu positionieren - "aber wenn wir so weitermachen, bringen wir bis Jahresende gerade ein MeeGo-Produkt auf den Markt". Symbian, Nokias Plattform, ist "nicht konkurrenzfähig" und seine Entwicklung "zu langsam". Nokias Situation sei die eines Mannes am Rande einer brennenden Ölplattform, das Meer 30 Meter unter sich - und der nur im Anblick der Flammen den Sprung wagt. "Nokia, unsere Plattform brennt", schließt Elop seinen Brief.

"Sprung von der Plattform"

So viel Dramatik hätte man dem eher grau wirkenden Ex-Microsoft-Mann aus Kanada nicht zugetraut. Aber offensichtlich stimmt Nokia Mitarbeiter und Markt auf große Umwälzungen ein, die Freitagvormittag verkündet werden sollen - drei Tage vor Beginn der Handymesse in Barcelona, der Nokia wie im Vorjahr offiziell fern bleibt.

Absehbare Eckpunkte: Austausch des Topmanagements, stärkere Präsenz im Silicon Valley, und ein wagemutiger "Sprung von der Plattform". Nokia wird sich - zunächst nur bei neuen Topmodellen - dem Android- oder Windows-Phone-7-Zug anschließen. Liest man zwischen den Zeilen eher Windows als Android, das von allen Konkurrenten außer Apple und Blackberry angeboten wird. Nokia hätte immer noch Marktmacht und den richtigen Verhandler, um Microsoft nötige Konzessionen abzuringen.

Nokias Regenerationskraft ist nicht zu unterschätzen. Radikale Kursänderungen liegen dem einstigen Papier-, Reifen-, Traktoren und TV-Produzenten in den Genen: Von all diesen Geschäften verabschiedete sich der Konzern, als Mobilfunk gerade zehn Prozent vom Umsatz ausmachte. Zwei Säulen sind Nokias strategische Stärke: Exzellente Hardware und ein ebensolcher weltweiter Verkauf. Europa, das bis auf Nokia keinen einzigen globalen Player in der digitalen Arena hat, wäre zu wünschen, dass dies gelingt.(Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 10. Februar 2011)

Der WebStandard auf Facebook

Link

Nokia

Share if you care.