Gullit in Grosny frenetisch gefeiert

9. Februar 2011, 19:02
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Niederländer soll Terek Grosny in den Europacup führen - Engagement der Legende im Kaukasus höchst umstritten

Grosny - Ruud Gullit ist bei seinem Dienstantritt als neuer Trainer des russischen Erstligisten Terek Grosny frenetisch gefeiert worden. Hunderte Klub-Anhänger begrüßten den Kapitän der niederländischen Europameister-Mannschaft von 1988 bei seiner Ankunft in der Hauptstadt der Kaukasus-Republik Tschetschenien und führten traditionelle kaukasische Tänze auf.

Der 48-Jährige, der einen 18 Monate laufenden Vertrag unterschrieben hat, trug einen Schal in den Farben Tschetscheniens und besichtigte nach seiner Ankunft gemeinsam mit dem als totalitär geltenden Präsidenten Ramsan Kadyrow die vom Krieg der vergangenen Jahre gezeichnete Stadt.

Die Sicherheitslage in Grosny ist nach wie vor angespannt. Am Dienstag und Mittwoch gab es mehrere Anschläge, bei denen russische Soldaten verletzt wurden. Schon vor seiner Ankunft hatte Gullit erklärt, dass er nur für die Heimspiele nach Grosny kommen werde. Die Arbeit mit der Mannschaft soll auf einem Trainingsgelände 200 Kilometer westlich von Grosny stattfinden.

Der 1958 gegründete Klub war aufgrund der beiden Kriege zwischen islamischen Separatisten und der russischen Zentralregierung nach 15 Jahren Abwesenheit erst 2008 wieder nach Grosny zurückgekehrt. Terek holte in seiner Geschichte einmal den russischen Pokal und beendete die vergangene Saison auf dem zwölften Tabellenplatz. Gullit soll den Verein, der laut russischen Experten über eine junge und talentierte Mannschaft verfügt, nach dem Willen der Verantwortlichen in den Europacup führen.

Für Gullit ist Grosny die sechste Station als Coach. Zuletzt trainierte er von 2007 bis 2008 den US-Klub Los Angeles Galaxy.

Hintergrund

Was hat Ruud Gullit geritten, einen Vertrag in Tschetschenien zu unterschreiben ist nicht bekannt. Der Präsident der tschetschenischen Teilrepublik Ramsan Kadyrow ist bei Terek Grosny Gullits neuer Chef. "Ramsan, wir sind stolz auf dich", steht in ganz Tschetschenien auf riesigen Plakaten. Das niederländische Außenministerium bildet sich über Ramsan Kadyrow eine ganz andere Meinung: Der Präsident der kleinen Republik im Nordkaukasus sei ein totalitärer Politiker, der Kritiker foltern und sogar ermorden lasse. Im Prinzip wäre das für die Niederlande so interessant wie ein Bus, der in Süd-Vietnam ein Rad verliert - wäre nicht das nationale Fußball-Idol Ruud Gullit der neuer Trainer.

In den Blogs der niederländischen Tageszeitungen geht es deshalb rund. Gullit, Europameister von 1988, mache es "nur fürs Geld, für nichts anderes", schimpft ein Leser, einer spottet: "Braucht er das Geld, um seine Kinderschar zu unterhalten?" Die sechs Kinder des früheren Starspielers ließen sich locker mit Gullits Grundgehalt versorgen: 3,7 Millionen Euro für 18 Monate.

Terek Grosny, also Kadyrow, lässt sich das positive Image des einst üppig rastabelockten Sympathieträgers einiges kosten. "Gullit ist ein rosa Bändchen, um den Ruf Kadyrows zu verbessern", glaubt die russische Zeitung Sport-Express. Wieso gibt sich ein Ruud Gullit also für dieses "Projekt" her? Ist es Unwissen, Geldnot, Geltungsdrang?

Die meisten Kommentatoren zweifeln an Gullits Glaubwürdigkeit. Denn der 48-Jährige bewundert Nelson Mandela, ist von Königin Beatrix zum "Ritter des Ordens von Oranje-Nassau" ernannt worden. Das passt nicht zusammen, daher ist man sich sicher, Gullit werde es keine eineinhalb Jahre in Grosny aushalten; in einer Stadt, die in zwei Kriegen in den 90er Jahren beinah vollständig zerstört wurde.

Doch Gullit, die "schwarze Tulpe", spricht nur über Sportliches. "Ich kann nicht versprechen, innerhalb einer Saison eine Mannschaft hervorzuzaubern, die die russische Landesmeisterschaft gewinnen kann", sagte er. Es folgte ein Satz, der ihm in der Heimat auch keinen Applaus einbringt: "Vom Niveau her ist diese Liga sicher stärker als die niederländische." Die Vorsaison hat Grosny als 12. beendet.

Die niederländischen Medien sind sich einig, dass Gullit und seine Frau Estelle, eine Nichte von Johan Cruyff, in Grosny nicht ihr glamouröses Leben fortsetzen können - auch, weil Ramsan Kadyrow den wahren Islam propagiert. Und Kadyrow ist nun mal Gullits neuer Chef.  Seit 2010 lässt er sich "Oberhaupt" nennen, nicht mehr schnöde Präsident. Personenkult in der Politik. Ruud Gullit stehen interessante Monate bevor. (sid)

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    Das "Oberhaupt" (L) und der "Ritter des Ordens von Oranje-Nassau".

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