Entblößte Realpolitik

9. Februar 2011, 18:38
4 Postings

Michèle Alliot-Marie hatte Pech - Von Stefan Brändle

Michèle Alliot-Marie hatte Pech. Ausgerechnet als in Tunesien die „Jasminrevolution" begann, kurvte die französische Außenministerin im Privatjet eines reichen Ben-Ali-Bekannten durchs Wüstenland. Übel spielte die Zeitgeschichte auch Premier François Fillon mit: Er folgte einer privaten Einladung des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak zu einer Tempel- und Nilreise, kurz bevor in Kairo der Funke des Aufstands zündete.

Pech ist es, weil sich vor einem halben Jahr noch niemand über solche Reisen ins „Diktatorenland" aufgeregt hätte. Der frühere marokkanische König Hassan II. bewirtete die halbe „classe politique" Frankreichs, Sozialisten eingeschlossen, in seinen Palästen und Herrschaftsvillen. Zu Fillons Verteidigung meinen nun Elysée-Berater, Frankreich öffne seine Loire-Schlösser, TGV-Züge und Mittelmeer-Residenzen auch ausländischen Staatsgästen. Welchen, verschweigen sie allerdings - wahrscheinlich, weil es die gleichen Machthaber des ehemaligen Kolonialreichs sind, bei denen Fillon und Alliot-Marie Ferien machten.

Diese kleinen Dienste von und für Diktatoren sind aber nur Teil eines Ganzen. Der Ägypter Mubarak war der „bevorzugte Partner" Frankreichs, ja des Westens, und der Tunesier Ben Ali war ihr Bollwerk gegen den Islamismus. Realpolitik nennt man das. Sie ist genauso diskret wie die ministerielle Ferienpraxis - und von den nordafrikanischen Revolutionen nun genauso bloßgestellt. Pech für die Realpolitiker. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2011)

Share if you care.