Glaube an selbstregulierenden Markt verhinderte frühe Problemerkennung
Wien - Im Sommer 2008 strahlte der Internationale Währungsfonds (IWF) noch viel Optimismus aus: "Die USA haben eine harte Landung verhindern können" , "das Schlimmste liegt bereits hinter uns" , "die Risiken fürs Finanzsystem haben nachgelassen" , beruhigten führende IWF-Manager. Zu dieser Zeit war der US-Häusermarkt in schweren Turbulenzen, im September begann mit dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers die größte Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit.
Am Mittwoch hat das Independent Evaluation Office, die eigenständige Kontrollbehörde des IWF, ihren umfassenden Bericht über die Rolle des Fonds auf dem Weg in die Krise vorgestellt. Auf 60 Seiten wird dokumentiert wie führende IWF-Manager und Experten zu völligen Fehleinschätzungen gelangt sind. Niemand hätte die Krise vorhersehen können, doch der IWF habe selbst elementarste Risiken nicht erkannt.
Besonders bitter für den 1944 gegründeten Währungsfonds, der Risiken für Finanz- und Wirtschaftssystemen beurteilen soll, lesen sich die Passagen über Einschätzung zum US-Häusermarkt.
Die laufende Verschlechterung bei der Qualität der Hypothekarkredite beunruhigte den IWF kaum. Argumentiert wurde das mit "historisch niedrigen" Ausfallsraten bei US-Kreditnehmern und damit, dass "selbst ein Rückgang der Häuserpreise wahrscheinlich nur begrenzte Auswirkungen auf das Finanzsystem hätte." Die US-Immobilienkrise gilt als Auslöser der Wirtschaftskrise.
Die Evaluierungsbehörde wirft dem IWF vor, die USA und Großbritannien für ihre laxe Finanzregulierung wiederholt gelobt zu haben. Mehr noch:Anderen Staaten wurde empfohlen den selben Weg einzuschlagen. Was den IWF tatsächlich beunruhigt hat, war das hohe US-Defizit und internationale Handelsungleichgewichte.
Die Gründe, warum die Risikoeinschätzungen so daneben lagen, waren vielfältig. Die Dominanz einiger großer westlicher Staaten spielte eine wesentliche Rolle. Wenn es Kritik gab, dann vor allem an Schwellenländern wie China und Indien. Bei der Einschätzung der USA und größerer EU-Länder folgte der IWF dagegen optimistischen Meinungen lokaler Aufseher. Hinzu kam, dass der Glaube an Selbstregulierungskräfte des Marktes kaum hinterfragt wurde, so der Evaluierungsreport.
"Natürlich ist der IWF von den Mainstreamökonomen aus dem angelsächsischen Raum geprägt" , sagt Johann Prader, Österreichs Vertreter beim Fonds. "Das ist aber auch eine Mitverantwortung unserer großen Mitgliedsländer, die bewusst diesen Weg gehen wollten." Prader kritisiert, dass im Report positive Dinge, wie frühe IWF-Warnungen vor Turbulenzen in Osteuropa, unerwähnt bleiben.
Strauss-Kahn gegen Sarkozy
In Frankreich mehren sich Spekulationen, IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn könnte 2012 für das Amt des Präsidenten kandidieren. Umfragen zufolge könnte er Sarkozy in einer Stichwahl schlagen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.2.2011)