Wenn Aff’ und Mensch auf Hirsch- und Hasenjagd gehen

9. Februar 2011, 18:39
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Vergleichende Studien über Kooperation zeigen, dass Unterschiede zwischen Primaten nicht so groß sind

Es ist eigentlich ein sehr einfaches Spiel. Unter Wissenschaftern spricht man meist vom "Assurance Game" , zu deutsch auch "Hirschjagd" genannt. Zwei Spieler haben die Wahl: Entweder sie spielen eine "Hase" -Karte und bekommen dafür vom Spielleiter einen kleinen Preis, oder sie legen einen "Hirsch" vor und erhalten einen höheren Gewinn, allerdings nur, wenn der Gegenspieler gleichzeitig ebenfalls diese Karte spielt. Sonst geht der "Hirschjäger" leer aus, der "Hasenjäger" hat immerhin noch seine geringe Beute. Mit der Hase-Karte gewinnt man also auf jeden Fall einen kleinen Preis und hat die Chance, den Anderen leer ausgehen zu sehen - wenn der nämlich auf Hirsch und damit auf Kooperation setzt.

Die Hirschjagd gilt als Klassiker der Kooperationsforschung. Vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Spielern bringt beiden den größten Erfolg. Dieses Grundprinzip ist leicht und schnell zu verstehen - denkt man. Aber so einfach ist es offenbar nicht immer.

US-Verhaltensforscher haben das Spiel erstmalig für eine vergleichende Untersuchung von Entscheidungsprozessen bei drei unterschiedlichen Spezies angewandt: Kapuzineräffchen, Schimpansen und Homo sapiens, der angeblich so haushoch überlegene Mensch. Die Ergebnisse bestätigen das Erwartete, beinhalten aber auch eine große Überraschung.

Viele Verhaltensstudien, sagen Experten, sind zu stark am Menschen orientiert. Wäre es nicht sinnvoller, möglichst gleiche Ausgangspositionen zu bieten?

Dementsprechend passten die Wissenschafter das Spiel zuerst den Affen an und adaptierten es dann geringfügig für menschliche Versuchsteilnehmer. Letztere bekamen im Spielverlauf als Belohnung kleine Geldbeträge überreicht, Kapuzineräffchen und Schimpansen dafür eine Leckerei. Die Wahl, ob man Hirsch oder Hase spielte, trafen alle drei Arten mittels farbiger Chips. Um die Chancengleichheit zu wahren, bekamen die Menschen zu Versuchsbeginn nur eine minimale mündliche Erklärung. Alles andere sollten sie selbst herausfinden.

Ertragsreichste Strategie

Bei der späteren Auswertung der Ergebnisse zeigte sich, dass Homo sapiens zwar im Durchschnitt die besten Resultate erlangte, doch das galt nicht für alle Teilnehmer. Acht von 26 Spielerpaaren gelang es überhaupt nicht, die optimale Hirsch-Hirsch-Strategie zu spielen, und nur fünf entdeckten diese Chance nach kurzer Zeit. Unter den Schimpansen konnten zwei von 18 Zweierteams ihren Spielerfolg so maximieren, und auch bei den Kapuzineräffchen gelang einem von sechs Paaren die Wahl der ertragreichsten Strategie. Details wurden vom Fachblatt PNAS online publiziert.

Für die Erstautorin Sarah Brosnan von der Georgia State University in Atlanta sind die Ergebnisse ein Hinweis auf die mögliche Existenz eines "evolutionären Kontinuums" in Entscheidungsprozessen. Die Fähigkeit, eine optimale Kooperationsstrategie zu erkennen und umzusetzen, sei demnach im Kern bereits bei den gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen angelegt gewesen und bei unserer Spezies am stärksten ausgeprägt. Individuell gibt es bei allen drei Arten offenbar große Unterschiede. Die Versuche geben keinen Aufschluss über die Entscheidungsprozesse an sich, erklärt Sarah Brosnan im Gespräch. "Es ist also möglich, dass Menschen und andere Primaten ähnliche Ergebnisse erzielen, dafür aber sehr unterschiedliche kognitive Fähigkeiten nutzen." (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 10.02.2011)

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    Der Hirsch als Gewinn? Eine Frage der Kooperation.

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