"Das waren keine Chorknaben"

9. Februar 2011, 17:45
6 Postings

Donald Rumsfeld gibt in seinen Memoiren den Oberlehrer

Viel Gutes hat er nicht zu sagen über seine Kollegen. Condoleezza Rice? "Eine Akademikerin, und Sie wissen ja, Akademiker mögen lange Besprechungen." Immer die Suche nach dem Konsens, das gehe ihm auf den Nerv.

Colin Powell? Ein schwacher Manager, der seinen Laden nicht im Griff hatte, weshalb es nur so tröpfelte durch die Informationslecks des State Departments. "Bei mir gab es das nicht", fügt Donald Rumsfeld hinzu. Und dass sich selbst hartgesottene Generäle über seine barsche Art beschwerten, will er auch im Nachhinein nicht auf sich sitzen lassen. "Ach, die armen Leute, verängstigt soll ich sie haben. Hören Sie bloß auf damit. Das waren doch keine Chorknaben."

Rummy, wie ihn nur noch seine Freunde nennen, von 2001 bis 2006 US-Verteidigungsminister, danach in der Versenkung verschwunden, meldet sich angriffslustig zurück. Eilt von Fernsehstudio zu Fernsehstudio, um die Werbetrommel für seine Memoiren zu rühren. Auf 815 Seiten hat er sein Leben Revue passieren lassen, und wenigstens der Titel verrät einen Hauch von Humor.

"Known and Unknown" spielt an auf die arrogante Art, mit der Rumsfeld jenen Journalisten abbürstete, der zu bezweifeln wagte, dass es Verbindungen zwischen Saddam Hussein und Al-Kaida gab. Da sprach er in der Pose des Oberlehrers von den bekannten Bekannten, von Dingen, "wo wir wissen, dass wir es wissen", den bekannten Unbekannten, "wo wir wissen, dass wir es nicht wissen", und den unbekannten Unbekannten, "wo wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen". Heute klingt er nicht viel anders, nichts lässt auf Lerneffekte oder gar späte Demut schließen. Fehler? Der 78-Jährige kann sie höchstens dort erkennen, wo die Bürokratie nicht so reibungslos funktionierte, wie er es sich wünschte.

Warum der Irak aus dem Ruder lief? Zu viele Hände auf dem Lenkrad. Paul Bremer zum Beispiel, George W. Bushs Statthalter in Bagdad, habe sich nur profilieren wollen, indem er über eigene Kanäle mit dem Weißen Haus kommunizierte, vorbei an ihm, dem Pentagon-Chef. Die irakischen Massenvernichtungswaffen eine Kriegslüge? Ach was, alle hätten doch daran geglaubt, der britische, französische und deutsche Geheimdienst genauso wie die CIA.

Colin Powell, der Ex-Außenminister, bedauert inzwischen, dass er im Sicherheitsrat windige Indizien zu einer Beweiskette über das Waffenarsenal Saddam Husseins umdichtete. Rumsfeld watscht ihn dafür ab wie einer, der nicht verstehen kann, dass jemand aus der Reihe tanzt, wenn ihm das Gewissen schlägt. Powell sei von niemandem übertölpelt worden, auch im kleinen Kreis habe er keinen Widerspruch angemeldet.

Wer auf Nachdenklichkeit gehofft hatte, sieht sich enttäuscht. Maureen Dowd, die spitzeste Feder der New York Times, bringt es ironisch auf den Punkt: "So viel zu tadeln. Und so wenig Platz." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 10.2.2011)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ex-Chef des US-Pentagon: Rumsfeld.

Share if you care.