Der tiefe Fall der stattlichen Herren

9. Februar 2011, 18:00
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Erst Misshandlungen von Nach­wuchsringern, dann Kontakte zur Mafia und illegale Wetten und nun Kampfabsprachen - der nächste Skandal im Traditionssport Sumo stürzt Japan in eine Sinnkrise.

Tokio - Japans Traditionssport Sumo, der Ringkampf mehr als stattlicher Herren, steckt in seiner tiefsten Krise. Die Sumo-Vereinigung hat erstmals seit 1946 ein Turnier, das Haru-Basho im März in Osaka, abgesagt. Denn zum ersten Mal gibt es unwiderlegbare Beweise für Kampfabsprachen.

Zum Verhängnis wurden den Übeltätern die Tücken der neuen Informationstechnik. Anstatt telefonisch abzusprechen, wer zuerst im Ring aus gestampftem Lehm zu Boden gehen soll, schrieben sie sich per Handy Mails.

Zwar wurden die inkriminierenden Nachrichten gelöscht, doch die Polizei konnte sie auf Handys rekonstruieren, die im Rahmen von Ermittlungen zur Verwicklung von Ringern in illegale Baseballwetten konfisziert worden waren. Vergangene Woche wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Zumindest 13 aktive und ehemalige Ringer haben Siege für jeweils zumindest 1800 Euro verschachert. Experten sprechen von der Spitze eines Eisbergs.

Nicht nur Hakuho, als Mönchbatyn Dawaadschargal in der Mongolei geboren und der derzeit mit Abstand beste Sumotori, ist erschüttert. "Das reißt mir ein Loch ins Herz, macht mich krank", sagte der 25-Jährige.

Existenz von Kampfabsprachen ein offenes Geheimnis

Die öffentliche Entrüstung ist groß. Schließlich handelt es sich um den vierten Skandal innert vier Jahren. 2007 hatten Ringer einen jungen Kollegen gleichsam zu Tode trainiert. 2009 enthüllte die Polizei Verbindungen zwischen Ringern und der Yakuza, der japanischen Mafia. Im Vorjahr flogen die Baseballwetten auf. Doch diesmal geht es um Schlimmeres, um "Vertrauensbruch", wie Ministerpräsident Naoto Kan sagte.

Im Schatten der Schreine der Naturreligion Shinto entstanden, hat sich Sumo für viele Japaner zum Sinnbild ihrer Kultur entwickelt. Dementsprechend hart reagiert die Regierung. Klärt die Sumo-Vereinigung den Skandal nicht auf, droht sie die Gemeinnützigkeit zu verlieren. Der Sport stünde finanziell vor dem Aus.

Die Existenz von Kampfabsprachen ist aber seit langem ein offenes Geheimnis. Wiederholt haben Ex-Ringer Schiebungen gestanden. US-Volkswirt Steven Levitt erbrachte in seinem Buch "Freakonomics" sogar einen Indizienbeweis. In 80 Prozent der Kämpfe, in denen ein Ringer am letzten Tag eines Turniers einen Sieg brauchte, gewann er auch. Oft verlor er im Gegenzug im nächsten Turnier gegen den gleichen Ringer, um seine Schuld abzuzahlen.

Gute und schlechte Preisabsprachen

Doch die Sumo-Vereinigung dementierte jedes Mal wider besseren Wissens. Und die Öffentlichkeit gab sich lange damit zufrieden. Für viele Japaner verkörpern die Schiebungen im Sumo den alten Gesellschaftsvertrag, den sozialen Ausgleich durch Mauschelei. Über Jahrzehnte waren Preisabsprachen ("Dango") besonders in der Bauindustrie voll akzeptiert. Nach Aussage des Politikers Shizuka Kamei wurde zwischen gutem und schlechtem Dango unterschieden. Jenes verteile öffentliche Aufträge so, das alle Firmen überleben können, dieses diene der übermäßigen Bereicherung.

Noch heute zieht die Polizei eine feine Linie. Die Kampfabsprachen seien nicht illegal, weil sie nicht mit illegalen Wetten der Yakuza in Verbindung stehen würden. Ironischerweise trifft Sumo ein Kollateralschaden des Kampfes zwischen der Polizei und der Yamaguchi-Gruppe.

Mitglieder mit Live-Grüßen an inhaftierten Boss

2009 begann ein Feldzug gegen diesen mit 40.000 Gangstern größten Verbrechenskonzern Japans. Er hatte Polizisten bedroht und frech gegen Absprachen verstoßen, sich im Hintergrund zu halten. Über Kontakte in die Sumo-Welt sicherten sich Bandenmitglieder bei einem Turnier Plätze in den vorderen Reihen und winkten ihrem inhaftierten Boss live im TV zu. "Das war eine Ohrfeige für die Polizei", sagt Yakuza-Experte Jake Adelstein. Ohne diesen Zwischenfall könnten die Sumo-Ringer wahrscheinlich unbehelligt weiter ihre Kämpfe aushandeln. (Martin Kölling, DER STANDARD Printausgabe, 10.2.2011)

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    Hakuho, der mongolische Superstar unter den Sumotoris, braucht keine Absprachen im Ring. Seine Gegner fallen auch so in schöner Regelmäßigkeit. Unregelmäßigkeiten machen Hakuho krank.

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