Als die Abstraktion das Laufen lernte

9. Februar 2011, 17:19
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Eine Ausstellung im Belvedere blickt auf das Phänomen des Wiener Kinetismus und seine Vorbilder

Wien - Wer im Kunstlexikon den Begriff "Kinetismus" nachschlägt, stößt in der Regel auf eine Ausstellung mit Jean Tinguely und Victor Vasarely 1955 in Paris. Auch viele andere Väter lernten der Abstraktion das Laufen, der Wiener Kinetismus findet jedoch nie Erwähnung. Bereits vor vier Jahren arbeitete das Wien Museum die Strömung auf, die ab 1919 von der staatlichen Kunstgewerbeschule ausging. Nun liefert das Belvedere in der Ausstellung Dynamik! Kubismus / Futurismus / KINETISMUS den internationalen Kontext dieser heimischen Zwischenkriegskunst.

Die Formen zersplittern, multiple Perspektiven wechseln, der Zug kommt in Fahrt: Mit dem Bild Lokomotive steht eine 1926 gemalte Komposition der bekanntesten Wiener Kinetistin Erika Giovanna Klien am Beginn der Schau. Die parallel gezeigten Werke von Georges Braque, Frantisek Kupka oder Giacomo Balla machten schon eine Dekade früher Rhythmus und Bewegung zu Faktoren der Komposition. Im Zeitalter von Fotografie und Film begnügte sich die Malerei nicht mehr mit ihrem statischen Dasein. In der Klasse für ornamentale Formenlehre, die der progressive Lehrer Franz Cizek leitete, begeisterten sich vor allem junge Frauen für eine Kunst, die den Pulsschlag von Musik und Tanz ebenso wiedergab, wie den Takt von Großstadt und Technik.

Geometrisch zerlegter Vogel

Ein Besuch der thematisch gegliederten Ausstellung lohnt weniger wegen ihrer ausländischen Spitzenwerke, als wegen formaler Vergleiche und Bildung von Kontrasten. So kommen im Kapitel "Esoterik und Moderne" über künstlerische Spiritualität der Zeit drei Vogelbilder zusammen: Aus der regenbogenfarbigen Abstraktion des späteren Bauhäuslers Johannes Itten spricht schon dessen Farbentypenlehre, der Futurist Fortunato Depero zerlegt einen Paradiesvogel geometrisch, während Kliens Tauchender Vogel elegant fließende Kraft entfaltet.

Neben der prägenden Figur Johannes Itten stellt die Schau auch interessante Beziehungen zu konstruktivistischen Künstlern aus dem Osten wie dem Ungar Béla Uitz her. Der kinetischen Beschäftigung mit Tanz und Theater wird zwar breit Raum gegeben, aber die spärlichen Saaltexte lassen hier vieles im Dunklen. Verbindungen zum Ausdruckstanz oder zum Bühnenbild erläutert der Katalog.

Die besten Werke des Wiener Kinetismus stammen von Künstlerinnen, allein das ist bemerkenswert. Auf der Höhe von Klien, Marianne Ullmann und Elisabeth Karlinsky bewegten sich noch am ehesten Ludwig Reutterer und Otto E. Wagner. Die Schau weist vertretene Kinetisten nicht extra aus, um keinen gemeinsamen Stil zu behaupten.

Dass die Kunstrichtung bis heute mit dem Vorwurf des Epigonentums zu kämpfen hat, sollte nun ein Ende haben. Um 1920 hatte sich der revolutionäre Gestus längst erschöpft, und so entstanden vielgestaltige Interpretationen der Avantgardisten. Außerdem genügt ein Blick auf den konservativen Mainstream der österreichischen Kunst jener Zeit, um auch Nachahmungen moderner Dynamik zu würdigen. (Nicole Scheyerer, DER STANDARD - Printausgabe, 10. Februar 2011) 

 

Bis 29. 5.

  • My Ullmann: "Komposition mit zwei Akten" (um 1925).
    foto: wien museum

    My Ullmann: "Komposition mit zwei Akten" (um 1925).

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