Sie meiden gewisse Situationen oder überschminken ihr Gesicht: Das Leben von Erythrophobikern ist schwer eingeschränkt - Eine ernst zu nehmende Erkrankung
Erst die Hitze, dann die Röte - das "Anlaufen wie eine Tomate", wie es der Volksmund ausdrückt, ist eine ganz normale menschliche Körperfunktion. Unangenehme Situationen aber auch positive Emotionen wie Freude veranlassen die Gefäße zur Weitung und das Blutvolumen nimmt zu. Der Grund: Stress öffnet die Blutgefäße um ausreichend Sauerstoff für die Flucht vor einer etwaigen Gefahr zur Verfügung zu stellen. Die Konsequenz ist ein sichtbar roter Kopf. Willentlich steuerbar ist der Vorgang an und für sich nicht -zum Leidwesen jener, die den Gedanken daran einfach nicht mehr wegbringen.
Zum pathologischen Problem wird das Rotwerden erst dann, wenn die Angst davor überhandnimmt. Erythrophobie heißt die Störung, die eine Ausprägung der Sozialphobie ist und unter der zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden - eine geschätzte Zahl, denn die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. "Generell ist es die Sorge von anderen negativ beurteilt zu werden, der Glaube nichts wert zu sein oder die Angst sich vor anderen ungeschickt zu verhalten. Bei manchen äußert sich die Phobie eben im Erröten, genauer genommen in der Angst davor", erklärt Johannes Wancata, Sozialpsychiater am Wiener AKH, das mit einer eigenen Ambulanz für Sozialphobie auch Anlaufstelle für Betroffene ist.
Vom Unwohlsein zur Krankheit
Rotwerden ist für niemanden gerade angenehm. Aber die Tatsache, dass es von Phobikern derart belastend empfunden werde, dass sie andere Menschen oder gewisse Situationen meiden, mache letztendlich die Krankheit aus, so der Psychiater. Er kennt das ganze pathologische Spektrum: Angefangen beim Unwohlsein einen Vortrag halten zu müssen oder bei einer Firmenfeier namentlich genannt zu werden, bis hin zu einem Zustand wo sich Menschen überhaupt nicht mehr auf die Straße trauen. Plötzlich haben einzelne Aspekte des Lebens eine überproportionale Bedeutung. Betroffene können dann nur schwer die Wohnung verlassen, haben oft sehr viele Krankenstände oder verlieren sogar den Job.
Tabu, auch unter Betroffenen
Wie einschränkend das Leben mit Erythrophobie ist, weiß der Steirer Martin Peer zu Genüge - seit seinem zwölften Lebensjahr hat das Problem immer mehr Raum in seinem Leben eingenommen. Bis er anfing zu recherchieren und nach Auswegen zu suchen. Hell erleuchtete Shoppingcenter, warme Räume oder Kantinen mit vielen Menschen bereiteten ihm Grauen, obwohl er sich selbst als kommunikativen Menschen bezeichnet, sobald die Lichtverhältnisse eventuelle Röte kaschieren.
Vor rund fünf Jahren hat Peer eine eigene Internetplattform in Kooperation mit einer deutschen Website zum Thema auf die Füße gestellt. Seine Erfahrung im Austausch mit anderen Betroffenen: "Informationen einholen 'ja', darüber reden nur in anonymer Form wie einem Internetforum." Der reale Kontakt ist für viele undenkbar, dementsprechend schwierig ist sein Versuch gewesen eine entsprechende Selbsthilfegruppe zu gründen - es ist beim einmaligen Treffen geblieben.
Ärzte können helfen
Dabei werden Betroffene durchaus ernst genommen, versichert Psychiater Wancata: "Erythrophobie ist sehr wohl eine bekannte Erkrankung, die als Ausprägung der Sozialphobie auch in den großen Diagnosesystemen aufscheint. Es ist sogar etwas, mit dem man zum Arzt gehen soll." Wie bei vielen Krankheitsbildern verschwinde ein psychisches Problem meist nicht von selbst, wenn es häufiger als ein- zweimal auftritt. Auch Peer hat die Erfahrung gemacht, von Ärzten offen aufgenommen zu werden. Früher sei das anders gewesen, mit der berühmten "Bauernröte" sei das psychische Problem abgetan und gesellschaftlich überhaupt nicht als solches verstanden worden.
Das Rot verstecken und vermeiden
Manche versuchen das Erröten präventiv mit grünen Abdeckcremes zu kaschieren oder verstecken sich hinter Haaren oder Schals. Nur eine bedingt alltagstaugliche und schon gar keine langfristige Lösung - vor allem weil es den Alltag wiederum einschränkt und Cremes auch sehr teuer sein können. Peer selbst hat die Erythrophobie nach vielen anderen Versuchen momentan mit Medikamenten im Griff, sieht das aber nicht als die beste Lösung.
Erlerntes verlernen
Gute Erfolge erzielt die Psychotherapie - wobei die Verhaltenstherapie hier ein sehr ausgefeiltes Repertoire hat. "Das belegen Studien", so Wancata. Dabei gehen Betroffene - kontrolliert und vorbereitet, aber gezielt - auf Konfrontation mit Angst auslösenden Situation, sie probieren Verhaltenstechniken. Auch kognitive Techniken helfen: die Patienten lernen sich Fehlschlüssen bewusst zu werden, Situationen anders zu interpretieren. "Der grantige Blick des Chefs muss nichts mit mir zu tun haben, vielleicht hat er ein privates Problem", nennt der Psychiater ein alltagstaugliches Beispiel. Es ist ein Lernen, dass der Gesichtsausdruck nicht auf den Phobiker bezogen sein muss.
Medikamentöse Option
Vor allem bei schwereren Verläufen sind Psychopharmaka das Mittel der Wahl - und zwar zusätzlich zur Psychotherapie, wie Wancata betont: "Eine Reihe von Studien belegen, dass Antidepressiva helfen, insbesondere Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Wir wissen, dass dadurch die Angst vor dem Rotwerden im Laufe der Zeit zurückgeht." Die Medikation könne die Psychotherapie aber nicht ersetzen. Bei leichteren Formen könne Psychotherapie durchaus ausreichend sein.
Ein Problem seien allerdings Selbstmedikationen, die Patienten ohne ärztliche Aufsicht vornehmen: Weil Sozialphobien oft mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen vergesellschaftet sind, greifen Betroffene schon einmal gerne zu früher verschriebenen angstlösenden Medikamenten. Davor warnt Wancata jedoch ausdrücklich: "Sie haben einen ähnlichen Effekt wie Schmerzmittel: wirken kurzfristig, sind aber längerfristig keine Lösung und bergen die hohe Gefahr einer Abhängigkeit."
Ursachenforschung
Über die Therapie weiß die Medizin schon einiges, bei der Ursachenforschung kommen mehrere Erklärungsversuche ins Spiel: "Belastende Erlebnisse können dahinter stecken. Wir wissen auch, dass bei allen Angststörungen genetische Faktoren eine Rolle spielen können", klärt Wancata auf. Darüber wie alles zusammen hängt, sind sich die Wissenschafter nicht einig. Abseits der Theorie hat Martin Peer noch ein durchaus praktisches Anliegen: "Das Schlimmste ist, wenn Betroffene direkt darauf angesprochen werden, dass sie gerade rot werden." Das doch bitte in Zukunft zu vermeiden und den Erythrophobikern das Leben ein wenig leichter machen. (Marietta Türk, derStandard.at, 15.2.2011)