Erythrophobie

Die krankhafte Furcht vor dem "Rot"

Marietta Türk, 14. Februar 2011, 14:42
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    foto: ap / lee jin-man

    Erythrophobiker würden sich in belastenden Situationen am liebsten hinter einer Maske verstecken

Sie meiden gewisse Situationen oder überschminken ihr Gesicht: Das Leben von Erythrophobikern ist schwer eingeschränkt - Eine ernst zu nehmende Erkrankung

Erst die Hitze, dann die Röte - das "Anlaufen wie eine Tomate", wie es der Volksmund ausdrückt, ist eine ganz normale menschliche Körperfunktion. Unangenehme Situationen aber auch positive Emotionen wie Freude veranlassen die Gefäße zur Weitung und das Blutvolumen nimmt zu. Der Grund: Stress öffnet die Blutgefäße um ausreichend Sauerstoff für die Flucht vor einer etwaigen Gefahr zur Verfügung zu stellen. Die Konsequenz ist ein sichtbar roter Kopf. Willentlich steuerbar ist der Vorgang an und für sich nicht -zum Leidwesen jener, die den Gedanken daran einfach nicht mehr wegbringen. 

Zum pathologischen Problem wird das Rotwerden erst dann, wenn die Angst davor überhandnimmt. Erythrophobie heißt die Störung, die eine Ausprägung der Sozialphobie ist und unter der zwei bis drei Prozent der Bevölkerung leiden - eine geschätzte Zahl, denn die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. "Generell ist es die Sorge von anderen negativ beurteilt zu werden, der Glaube nichts wert zu sein oder die Angst sich vor anderen ungeschickt zu verhalten. Bei manchen äußert sich die Phobie eben im Erröten, genauer genommen in der Angst davor", erklärt Johannes Wancata, Sozialpsychiater am Wiener AKH, das mit einer eigenen Ambulanz für Sozialphobie auch Anlaufstelle für Betroffene ist. 

Vom Unwohlsein zur Krankheit

Rotwerden ist für niemanden gerade angenehm. Aber die Tatsache, dass es von Phobikern derart belastend empfunden werde, dass sie andere Menschen oder gewisse Situationen meiden, mache letztendlich die Krankheit aus, so der Psychiater. Er kennt das ganze pathologische Spektrum: Angefangen beim Unwohlsein einen Vortrag halten zu müssen oder bei einer Firmenfeier namentlich genannt zu werden, bis hin zu einem Zustand wo sich Menschen überhaupt nicht mehr auf die Straße trauen. Plötzlich haben einzelne Aspekte des Lebens eine überproportionale Bedeutung. Betroffene können dann nur schwer die Wohnung verlassen, haben oft sehr viele Krankenstände oder verlieren sogar den Job.

Tabu, auch unter Betroffenen

Wie einschränkend das Leben mit Erythrophobie ist, weiß der Steirer Martin Peer zu Genüge - seit seinem zwölften Lebensjahr hat das Problem immer mehr Raum in seinem Leben eingenommen. Bis er anfing zu recherchieren und nach Auswegen zu suchen. Hell erleuchtete Shoppingcenter, warme Räume oder Kantinen mit vielen Menschen bereiteten ihm Grauen, obwohl er sich selbst als kommunikativen Menschen bezeichnet, sobald die Lichtverhältnisse eventuelle Röte kaschieren.

Vor rund fünf Jahren hat Peer eine eigene Internetplattform in Kooperation mit einer deutschen Website zum Thema auf die Füße gestellt. Seine Erfahrung im Austausch mit anderen Betroffenen: "Informationen einholen 'ja', darüber reden nur in anonymer Form wie einem Internetforum." Der reale Kontakt ist für viele undenkbar, dementsprechend schwierig ist sein Versuch gewesen eine entsprechende Selbsthilfegruppe zu gründen - es ist beim einmaligen Treffen geblieben.

Ärzte können helfen

Dabei werden Betroffene durchaus ernst genommen, versichert Psychiater Wancata: "Erythrophobie ist sehr wohl eine bekannte Erkrankung, die als Ausprägung der Sozialphobie auch in den großen Diagnosesystemen aufscheint. Es ist sogar etwas, mit dem man zum Arzt gehen soll." Wie bei vielen Krankheitsbildern verschwinde ein psychisches Problem meist nicht von selbst, wenn es häufiger als ein- zweimal auftritt. Auch Peer hat die Erfahrung gemacht, von Ärzten offen aufgenommen zu werden. Früher sei das anders gewesen, mit der berühmten "Bauernröte" sei das psychische Problem abgetan und gesellschaftlich überhaupt nicht als solches verstanden worden.

Das Rot verstecken und vermeiden

Manche versuchen das Erröten präventiv mit grünen Abdeckcremes zu kaschieren oder verstecken sich hinter Haaren oder Schals. Nur eine bedingt alltagstaugliche und schon gar keine langfristige Lösung - vor allem weil es den Alltag wiederum einschränkt und Cremes auch sehr teuer sein können. Peer selbst hat die Erythrophobie nach vielen anderen Versuchen momentan mit Medikamenten im Griff, sieht das aber nicht als die beste Lösung. 

Erlerntes verlernen

Gute Erfolge erzielt die Psychotherapie - wobei die Verhaltenstherapie hier ein sehr ausgefeiltes Repertoire hat. "Das belegen Studien", so Wancata. Dabei gehen Betroffene - kontrolliert und vorbereitet, aber gezielt - auf Konfrontation mit Angst auslösenden Situation, sie probieren Verhaltenstechniken. Auch kognitive Techniken helfen: die Patienten lernen sich Fehlschlüssen bewusst zu werden, Situationen anders zu interpretieren. "Der grantige Blick des Chefs muss nichts mit mir zu tun haben, vielleicht hat er ein privates Problem", nennt der Psychiater ein alltagstaugliches Beispiel. Es ist ein Lernen, dass der Gesichtsausdruck nicht auf den Phobiker bezogen sein muss.

Medikamentöse Option

Vor allem bei schwereren Verläufen sind Psychopharmaka das Mittel der Wahl - und zwar zusätzlich zur Psychotherapie, wie Wancata betont: "Eine Reihe von Studien belegen, dass Antidepressiva helfen, insbesondere Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Wir wissen, dass dadurch die Angst vor dem Rotwerden im Laufe der Zeit zurückgeht." Die Medikation könne die Psychotherapie aber nicht ersetzen. Bei leichteren Formen könne Psychotherapie durchaus ausreichend sein.

Ein Problem seien allerdings Selbstmedikationen, die Patienten ohne ärztliche Aufsicht vornehmen: Weil Sozialphobien oft mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen vergesellschaftet sind, greifen Betroffene schon einmal gerne zu früher verschriebenen angstlösenden Medikamenten. Davor warnt Wancata jedoch ausdrücklich: "Sie haben einen ähnlichen Effekt wie Schmerzmittel: wirken kurzfristig, sind aber längerfristig keine Lösung und bergen die hohe Gefahr einer Abhängigkeit."

Ursachenforschung

Über die Therapie weiß die Medizin schon einiges, bei der Ursachenforschung kommen mehrere Erklärungsversuche ins Spiel: "Belastende Erlebnisse können dahinter stecken. Wir wissen auch, dass bei allen Angststörungen genetische Faktoren eine Rolle spielen können", klärt Wancata auf. Darüber wie alles zusammen hängt, sind sich die Wissenschafter nicht einig. Abseits der Theorie hat Martin Peer noch ein durchaus praktisches Anliegen: "Das Schlimmste ist, wenn Betroffene direkt darauf angesprochen werden, dass sie gerade rot werden." Das doch bitte in Zukunft zu vermeiden und den Erythrophobikern das Leben ein wenig leichter machen. (Marietta Türk, derStandard.at, 15.2.2011)

Kommentar posten
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Carinaräumtauf
01
17.2.2011, 00:15

Es ist schon ziemlich lächerlich wie sich die Leute hier gegeseitig fertigmachen, nur weil ihnen die Kommentare der andere nicht passen. Sind das hier erwachsene Menschen oder ist das hier der Kindergarten?

adler auge
11
17.2.2011, 11:14
ja, ich war sehr erstaunt über die Meldung auf mein

Posting, und auch darüber dass ich mich hinreissen ließ, darauf zu antworten.

NickKnarrkarton
00
16.2.2011, 23:14

Erstaunlich, was alles als Krankheit definiert werden muß, damit ein paar Psychologen Geld verdienen können ...
Zum Problem wird es primär dadurch, weil Psychologen und PTs behaupten, daß es eines ist.

AntonPostBote
00
21.3.2011, 11:47
Und wer soll sonst...

ein "Problem" zu einer "Krankheit" machen dürfen wenn nicht die Menschen, die sich damit beschäftigen und auskennen? Das Volk durch eine Volksabstimmung? Oder Sie?

adler auge
11
16.2.2011, 14:38
Paradoxe Intervention (oder Intention) nach Frankl

könnte da helfen. Mir hat's geholfen. Also, z.B. vor einem Vortrag sich einreden, dass man rot werden will mit allen Mitteln, dann bleibt die Röte aus. Ich hab's vorher nicht geglaubt, aber die Verzweiflung war groß, und es funktionierte, ich blieb blass!
Außerdem helfen TCM-Kräuter, es handelt sich hierbei um ein Ungleichgewicht im Leber-Meridian (das Yang/die Hitze schießt rauf), mit stärkenden u. kühlenden Kräutern aus der chinesischen Medizin geht das dauerhaft weg.

Got Your Noes!
01
17.2.2011, 23:01

der erste absatz klang noch ganz in ordnung.

Neuer Nick neues Glück
10
16.2.2011, 18:26

Spätestens mit dem Yang-Gesülze und dem Leber-Medidian hat du dann dein ganzes Posting disqualifiziert.

adler auge
11
16.2.2011, 19:36
Ha! Du meinst Viktor E. Frankl ist glaubwürdiger als

eine Medizin, die tausende Jahre alt ist und als erste Medizin der Welt universitär gelehrt wurde? Du Armer hast dich wohl selbst disqualifiziert....

Got Your Noes!
00
17.2.2011, 23:03

nun, nur alt heißt nicht richtig. man macht es ständig, aber hier sei auf das geozentrische weltbild verwiesen...

adler auge
10
17.2.2011, 23:16
ne, das ist eh klar, dass alt nicht automatisch richtig ist,

hab mich nur hinreissen lassen... die Leute vergessen halt (oder wissen es nicht), dass auch die chinesische Medizin eine an Universitäten gelehrte Medizin ist und sich einfach nur über die unterschiedlichen Theorien und Therapieansätze von unserer unterscheidet. Hauptsache, es funktioniert dann in der Praxis, egal ob westliche Anschauung oder fernöstliche oder eine andere...

Neuer Nick neues Glück
10
16.2.2011, 20:26

Die haben nicht mal einen Blutkreislauf entdeckt. Ganz tolle Medizin, wirklich wahr.

adler auge
11
16.2.2011, 20:42
Ich denke, nach diesem Posting erübrigt sich

jede weitere Diskussion über chinesische Medizin. Vielleicht bildest dich ein bissl weiter in der Zwischenzeit. Und tschüss.

Neuer Nick neues Glück
10
16.2.2011, 21:19

Weil es stimmt, was ich schreibe?
Und versuch mir bitte nicht, den BS von Xue als Blutkreislauf zu verkaufen...

Birgit 68
01
17.2.2011, 12:19
Zum Thema Homöopathie, Placebo und Schulmedizin

habe ich gerade von folgender, höchst interessanten Überleitung in DerStandard, 17.Februar 2011, 11:36 gelesen:
"Erwartung an Therapie bestimmt Heilung
Negative Erwartung und Angst vor Schmerzen heben den Effekt eines Medikamentes auf - Expertin erhofft sich Hilfe für chronische Schmerzpatienten"

Als Expertin zeichnet hier Ulrike Bingel, Neurologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), also eine Schulmedizinerin.

-Wozu braucht man da noch Wirkstoffe?

Got Your Noes!
00
17.2.2011, 23:06

angst, als sehr starkes gefühl, sorgt auch für eine starke ausschüttung von körpereigenen stresshormonen. dass diese die wirkung eines medikaments beeinflussen oder sogar aufheben können hat nichts, aber auch nichts mit der herbeigeschwurbelten wirkung homöopathischen nichts zu tun. wenn sie schon gänzlich auf placebo und nocebo vertrauen wollen, dann könnens auch lakritz-zuckerln essen, es müssen keinen tropen und globuli sein.

Birgit 68
00
18.2.2011, 09:06
O.k.,

Angst ist bei chronischen Schmerzpatienten aber nicht der Grund für das Versagen der Analgetika.

Da könnte ich genauso gut Angst davor haben, dass die Schwerkraft plötzlich nicht mehr dazu in der Lage ist, die Atmosphäre zu halten, und wir ersticken, oder, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt!

Das ist keine normale Angst mehr, sondern ein psychisches Leiden. Meinen Sie wirklich, dass alle chronischen Schmerzpatienten ein psychisches Leiden haben?

Got Your Noes!
00
18.2.2011, 10:52

habe ich nicht behauptet. und der artikel auch nicht. ich habe lediglich eine logische erklärung (wie sie auch gelehrt wird) für das versagen von schmerzmedikationen geliefert.

Birgit 68
00
18.2.2011, 11:13
Ja, und ich habe sie hiermit wiederlegt, Ihre logische Erklärung!

Es ist also tatsächlich nicht die Angst, die die Analgetika unwirksam macht, sondern die negative Erwartungshaltung, wie es ja auch in dem von mir zitierten Artikel steht.

Also, wie schon gesagt: Wozu brauchen wir da noch Wirkstoffe?

Got Your Noes!
00
19.2.2011, 12:11

bitte, wo?
angst vor nebenwirkungen, zu langsamer wirkung, falschdiagnose...es ist egal wovor angst, es werden immer hormone ausgeschüttet.

aber herzlichen glückwunnsch zur...widerlegung...wo sie auch sein mag.

Birgit 68
00
19.2.2011, 18:15

Angst vor nebenwirkungen, zu langsamer wirkung, falschdiagnose,...?
Aber dann würde ja kein einziges Medikement eine Studie überstehen können, wo es doch nur darum geht, eben diese Faktoren zu studieren?

Wenn Sie nicht mehr wissen, was Sie gepostet haben, dann werden Sie auch nicht mitkriegen können, wenn ich Sie widerlege. Das ist klar. Aber das ist eigentlich nicht mein Problem.

Got Your Noes!
00
20.2.2011, 11:10

sie denken wie immer in alles oder nichts begriffen. placebo und nocebo macht immer einen TEIL aus, nie die ganze studie.

Birgit 68
00
20.2.2011, 14:18
Hier fehlt noch ein Posting von mir!

Aber vielleicht wird es ja noch nachgereicht!

Birgit 68
00
20.2.2011, 13:57

Da haben wir uns wohl in eine unnötige Diskussion verstrickt, und zwar dann, wenn "Angst" und "Negative Erwartungshaltung" bloß zwei verschiedene Bezeichnungen für ein und denselben Parameter auf der Seite des Patienten sind, der die Wirkung eines Medikaments negativ beeinflusst.

Es handelt sich hierbei um einen negativen Blindwert, der nicht mittels Placebo ermittelt werden kann, da dieses ja den positiven Blindwert liefert.
Sie haben Recht! Placebo und Nocebo alleine können immer nur einen Teil einer Studie ausmachen. Aber wie löst man dann das Problem mit dem negativen Blindwert, der ja eigentlich zum Ergebnis addiert werden muss? Wie wird der ermittelt?

adler auge
00
17.2.2011, 23:20
naja, nur wirken Lakritzzuckerl nicht bei Tieren, aber

Bachblüten oder Homöopathie schon..., selbstverständlich kann es sich hierbei auch um den Placebo-Effekt der Tierbesitzer handeln (ihr Glaube daran), aber warum funktioniert es auch bei Tieren, wo die Besitzer nicht daran glauben?
Bachblüten wie Oak oder Elm (sie stärken das Selbstvertrauen) wirken übrigens auch bei Erythrophobie, sogar, wenn man NICHT daran glaubt...

Thank God I'm A Country Boy
00

spät aber doch: Selbstredend wirken Placebos auch bei Tieren oder Kindern.. Hervorragend sogar, ist seit Jahr(zehnt)en belegt.

Was habt ihr Esos eigentlich gegen den Placeboeffekt? Graust euch so vor dem Wort, dass ihr zwar felsenfest davon überzeugt seid, dass er bei eurer favorisierten Esomethode sicher keine Rolle spielt, aber trotzdem nicht die geringste Ahnung habt, was genau der Placeboeffekt ist/kann? Es reicht die wikiSeite über Placebos zu lesen, um deine mit unglaublich arroganter Selbstüberschätzung geschrieben Thesen als Unsinn zu entlarven.

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