Minderheit zwischen allen Stühlen

9. Februar 2011, 16:10
6 Postings

Verhaftungen, Polizeiwillkür und Missachtung ihrer Rechte bringt die Beduinen im Norden des Sinai gegen das Mubarak-Regime auf

Die Minderheit der Beduinen im Norden des Sinai ist seit Jahrzehnten der Polizeiwillkür und Verhaftungswellen des Mubarak-Regimes ausgesetzt. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und die Perspektiven fehlen. Einzige Einnahmequelle war lange Zeit der Schmuggel. 

Schmuggeln ohne Alternative

Aus dem und in den angrenzenden Gazastreifen wurden durch Tunnels Menschen, Waffen und andere Güter über die ägyptische Grenze gebracht. Seit einigen Jahren soll nun eine Stahlmauer, die auch tief in den Boden eingelassen ist, die Schmuggelaktivitäten unterbinden. Ganz dicht ist die Grenze aber weiterhin nicht. Aber den Beduinen versiegte damit eine weitere - wenn auch illegale - Einnahmequelle ohne dass von Seiten der Regierung Alternativen aufgezeigt wurden. Die Unzufriedenheit der Minderheit mit dem Regime in Kairo nahm weiter zu. 

1.000 in Gefängnissen

Die Beduinen in Ägypten sind in einem Teufelskreis gefangen. Die Situation eskalierte schon zwischen 2004 und 2006: Die Suche nach den Verursachern mehrere Anschläge auf israelischem Staatsgebiet führte zu den Beduinen. Eine Verhaftungswelle folgte und die Regierung ließ 3.000 Beduinen ins Gefängnis werfen. „Es gab schon Indizien, die in die Richtung der Beduinen zeigten, aber damals geriet eine ganze Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht", sagt Ulrich Delius, Afrikareferent der Gesellschaft für Bedrohte Völker (GfbV) mit Sitz in Göttingen, im Gespräch mit derStandard.at. Immer noch sind mehr als 1.000 in Gefangenschaft. Über die Prozesse ist, wenn es diese überhaupt gab, wenig bekannt.

Die Beduinen wurden so immer mehr in einen Konflikt in einer - durch die Nähe zum Gazastreifen - ohnehin sicherheitstechnisch sensiblen Zone hineingezogen. Delius: „Sie sitzen zwischen allen Stühlen."

Gefahr der Radikalisierung

Beim Anschlag auf eine Gaspipeline, die Israel und Jordanien belieferte, waren am vergangenen Samstag auch Beduinen als mögliche Täter genannt worden. Das wäre möglich, sagt Delius, schließlich gab es schon Anschläge auf Pipelines, die von Beduinen verübt worden waren. Allerdings würde der aktuelle Anschlag eine andere Handschrift tragen. „Viele könnten Interesse daran haben diese Pipeline zu unterbrechen", erklärt Delius. „Jeder, der Interesse an der Destabilisierung des Landes hat". 

Delius versteht nicht warum die ägyptischen Behörden nicht begriffen haben, dass Frieden und Sicherheit im Sinai und mit Israel leichter mit Unterstützung der Beduinen zu erreichen sind: „Gegen sie zu regieren ist so einer Situation langfristig irrwitzig." Wenn die Forderungen der Beduinen weiterhin ignoriert werden, bestehe die Gefahr einer Radikalisierung. (mka, derStandard.at, 9.2.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Nach Informationen der Gesellschaft für bedrohte Völker leben insgesamt 600.000 Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Während sich die Beduinen im Süden der Halbinsel mit der Polizei arrangiert haben und zum Teil vom Tourismus profitieren, gibt es im Norden seit Jahren Spannungen zwischen der Minderheit und dem Mubarak-Regime.

Share if you care.