Vom Hippie zum Besitzstandswahrer

11. Februar 2011, 10:14
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Idealismus und Forschergeist wird den Nachwuchsforschern an unseren Unis ausgetrieben - Auch einige Professoren beteiligen sich daran

Die Misere der heimischen Universitäten und am Forschungsstandort Österreich an den mangelnden finanziellen Mitteln allein festzumachen, greift viel zu kurz. Die Hochschulen müssen sich auch mit gravierenden systemimmanenten Fehlern herumschlagen: Für den wissenschaftliche Nachwuchs, der an den Unis mehr oder weniger gut ausgebildet wird, gibt es langfristig betrachtet kaum Verwendung. Nach der Dissertation oder dem Forschungsaufenthalt im Ausland bekommt man nur mit sehr viel Glück und guten Verbindungen eine Post-Doc-Stelle. In den wenigsten Fällen sind diese Stellen unbefristet. Viele versuchen noch mit Stipendien, schlecht bezahlten Lehraufträgen und mit befristeteter Projektmitarbeit im akademischen Fahrwasser zu verbleiben. Wer kann, rettet sich ins Ausland.

Natürlich, hierzulande gibt es sehr viele engagierte Professoren, die den Nachwuchs fördern.  Aber es gibt auch solche, die den Systemfehler aufrecht halten. Denn der wissenschaftliche Nachwuchs, hochmotiviert und beflügelt von der Vorstellung auch einmal Professor zu werden, lässt sich hervorragend ausbeuten. Zum Betreuen von Diplomarbeiten, zum Ghostwriting für Papers und Aufsätze, Skripten und Rezensionen. In überlasteten Studienrichtungen sehen viele Professoren auch keinen anderen Ausweg, als ihre "Untergebenen" permanent heranzuziehen. Dennoch: Gerade innerhalb der Universitäten genießen Professoren eine Vormachtstellung. Wer, wenn nicht sie könnte sich für ein faireres System einsetzen? Viele von ihnen waren einmal in der 68er-Bewegung engagiert - sie kämpften für eine gerechtere Welt. So manche/r  von ihnen ist jetzt, nach dem Marsch durch die Institutionen, zum Besitzstandswahrer mutiert.

Das junge intellektuelle Potenzial wird hierzulande mit Füßen getreten. Das ist nicht nur für die so gerne zitierte "Wissensgesellschaft" insgesamt problematisch, sondern auch für die sogenannte Erwerbsbiografie jedes einzelnen Nachwuchswissenschafters. Hochspezialisiert, nicht selten mit mehreren Titeln dekoriert, finden sie im fortgeschrittenen Alter oft auch in der Privatwirtschaft keinen adäquaten Job mehr. Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen als potenzieller Brötchengeber für diese Leute werden vom Wissenschaftsministerium systematisch dezimiert.

Idealismus, Forschergeist und Begeisterung für die Wissenschaft werden so ausgetrieben. Wer unter diesen Bedingungen tatsächlich eine akademische Karriere verfolgt, muss also verdammt mutig, verdammt idealistisch oder verdammt reich sein. (Katrin Burgstaller, 11. Feber 2011)

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