Widerstrebend auf den neu aufgezäumten Westerngaul

9. Februar 2011, 17:00
124 Postings

Das Filmfestival Berlinale lockt heuer nicht nur mit Leistungsbeweisen des deutschen Filmschaffens

Im US-Western "True Grit" der Brüder Coen pflastern Leichen und Flaschen den Weg der Gerechten in den Kinohimmel.

***

Noch hat die Berlinale nicht richtig angefangen, aber beim Blick ins Programm scheint es, als wäre man entschlossen, mit dieser Ausgabe endgültig eine Generationsablöse zu vollziehen: Am kommenden Wochenende demonstrieren mit Werner Herzog und Wim Wenders wohl zwei Veteranen des Neuen Deutschen Films, dass sie trotz größter Verschiedenheit immer noch die Möglichkeiten des Kinos ausloten und erweitern - allerdings tun sie dies außer Konkurrenz.

Als deutsche Bären-Kandidaten hat Berlinale-Leiter Dieter Kosslick dafür den Dokumentaristen Andres Veiel (Blackbox BRD) mit seinem Spielfilmdebüt Wer wenn nicht wir nominiert - sowie Ulrich Köhler, als Chronist vermeintlich banaler Alltäglichkeit bekanntgeworden, mit seinem dritten Spielfilm Schlafkrankheit.

Die beiden sind repräsentativ für den Altersschnitt der diesjährigen, schlanken Wettbewerbsauswahl. Offenbar ist Berlin im Wettstreit mit den Mitbewerbern aus Cannes und Venedig um die bereits arrivierten, relevanten Namen des gegenwärtigen Weltkinos endgültig unterlegen. Stattdessen stehen etliche Erst- und Zweitfilme (unter anderem von Miranda July und Seyfi Teoman) auf dem Programm sowie Arbeiten von Regisseuren, die in Berlin bereits einmal ausgezeichnet wurden: der US-Amerikaner Joshua Marston (Maria voll der Gnade, 2004) etwa oder Asghar Fahadi (Darbareye Elly, 2009).

Auch der Eröffnungsfilm ist keine Welturaufführung: Wenn am heutigen Donnerstagabend die Saallichter im Berlinale-Palast ausgehen, dann erscheint das allerfriedlichste Bild auf der Leinwand - nur um in einer eleganten, zügigen Bewegung ein Verbrechen zu offenbaren. Die Coen-Brüder haben mit True Grit ihren ersten Western inszeniert. Der Film, der am 25. Februar auch in Österreich startet, basiert auf einem Roman, der wiederum bereits einmal die Vorlage für ein Alterswerk von John Wayne abgegeben hat. Nun wuchtet sich Jeff Bridges äußerst widerstrebend auf seinen Gaul, um im Sold und in Begleitung der naseweisen 14-jährigen Mattie Ross (Hailee Steinfeld) den Mörder ihres Vaters zu jagen.

Neben Leichen pflastern bald auch (leere) Flaschen ihren Weg, der durch sorgfältig gecastete, unwirtliche Wald-, Fels- und Staublandschaften führt. Die eigentliche Attraktion ist weniger die Standardhandlung als vielmehr das Sammelsurium an Figuren: Matt Damon (mit buchstäblich fragwürdiger Haartracht), Josh Brolin (mit sprichwörtlich vollen Hosen) und jede Menge ungewaschener Kleinstdarsteller in damaliger Funktionskleidung, vom Bärenkopf-Käppi bis zu Schaffell-Wadenwärmern, machen so manche Textlänge vergessen.

Nicht vergessen wird hingegen, dass im Gremium der Bären-Vergeber, dem heuer Isabella Rossellini vorsteht, ein Sitz leer bleiben muss, weil der designierte Juror Jafar Panahi im Iran wegen angeblicher "Propaganda gegen das System" mit Haftstrafe, Berufs- und Reiseverbot belegt wurde. Ihm sind unter dem Motto "Jafar Panahi - Filmmaker of The World" eine Reihe von Berlinale-Sonderveranstaltungen gewidmet. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 10. Februar 2011)

  • Jeff Bridges in den verwahrlosten Landschaften der Pelze, Biber und 
Banditen: "True Grit" von den Coen-Brüdern.
    foto: paramount pictures

    Jeff Bridges in den verwahrlosten Landschaften der Pelze, Biber und Banditen: "True Grit" von den Coen-Brüdern.

Share if you care.