"Schick doch einen davon auch zu mir"

9. Februar 2011, 17:07
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Walzerkönig André Rieu gastierte in Wien

Wien - Es gibt Japaner, die bei uns berühmt geworden sind, weil sie jodeln. Wir erinnern uns an den Klarinettenmuckl-Jodler von Takeo Ischi. Andere Leute berichten, dass Bademeister David Hasselhoff und Skirennfahrerin Elisabeth Görgl singen: "I've been looking for freedom." Ja, klar. Und: "Between heaven and hell." Die Eröffnung der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen. Dieser Stil muss sich erst durchsetzen.

Alfons Haider wird bei Dancing Stars übrigens mit einem Mann tanzen. Die Durchquerung der Eiger-Nordwand mit einem Mountainbike wurde bis dato nicht geschafft. Dagmar Koller spricht sich im ORF gegen Schönheitsoperationen aus. Die ehemalige Schönheitschirurgengattin Isabella Meus wollte laut Wolfgang Fellner schon im Dezember 2008 ihren alten Busen zurück.

Ach ja, mein Schweinsbratenrezept mit Kraut, Radi und Knödeln ist in meiner Welt weltberühmt.

Womit wir bei der griechischen Muse Polyhymnia und der Kunst des Leierspiels wären. Polyhymnia danken wir - jetzt einmal so im Schnelldurchlauf - den krassen Chor-Style Papst Gregors sowie Bach, Beethoven, Beatles, Bay City Rollers, David Hasselhoff und Baywatch. Ja, auch der Wiener Walzer ist hier vorne mit dabei.

Stargeiger André Rieu, dessen Name bei Google interessanterweise gleich vom Start weg in Verbindung mit Johannistriebmitteln zur Stärkung männlicher Steherqualitäten auftaucht, kommt in der Wiener Stadthalle diesbezüglich sehr, sehr spät zum Punkt. Gemeint ist: im historischen Sinn.

In jener Stadt, in der der 61-jährige Niederländer seit seinen Anfängen die bis an die Schmerzgrenze zu Sisi-Kitsch gehende musikalische Heimat vermutet, in dieser "schönsten Stadt der Welt" mit dem "besten Publikum der Welt", hat der Mann an der Stradivari-Geige sein Lebensglück gefunden. Es besteht aus Gold und muss zumindest während zweier Hälften des Jahres auf "der ganzen Welt" leibhaftig mit der Geduld eines täglich immer wieder aufs Neue "besten Publikums, das wir je hatten" aufgewogen werden.

André Rieus ebenfalls zwei Reisebusse Platz benötigendes Orchester interpretiert sich mit tapfer zum Dauerlächeln hochgezogenen Mundwinkeln im Zeichen der guten Laune durch den Schlittschuh-Walzer. Es sülzt sich vor dem auf Leinwand geworfenen Hintergrund des Schlosses Schönbrunn durch Wien, Wien, nur Du allein. Beim Schneewalzer fällt im Saal Kunstschnee. Und wir verirren uns am Weißen Rössl am Wolfgangsee vorbei zu ortsunüblicheren Durchhalteparolen aus zuletzt in Berlin untergegangenen Zeiten.

Das Wolgalied von Franz Lehar ist eigentlich nur in der abgemildert verschlagerten Fassung von Roy Black erträglich. Heut' ist der schönste Tag in meinem Leben von Joseph Schmidt stellt angesichts dessen tragischer Biografie ein Missverständnis dar, dem man nicht unbedingt aufsitzen müsste.

Das Publikum in der ausverkauften Wiener Stadthalle ist begeistert. Die Leute erlauben es André Rieu nicht, kein Genie zu sein. Sie summen in dieser zweistündigen Oldboyband-Show für ein Alter, in das wir alle selbst in reifen Jahren nie kommen möchten, nicht nur die gut geschmiert bei Zimmerlautstärke ablaufenden Walzer mit. Es sitzen auch Profis im Saal, die die Zwischenansagen mitsprechen. Liturgie.

Das führt uns zum Kirchenjahr. Die Heilige Messe sagt: Gut, dass ihr alle da seid. Let's party. Es ist aber auch nicht schlimm, wenn ihr einmal nicht mehr da sein werdet. Weil ihr die Location hinüber ins Land gewechselt habt, das sich "Sichfügen" nennt. "Hast du dort oben vergessen auf mich? Es sehnt doch mein Herz auch nach Liebe sich. Du hast im Himmel viel Engel bei dir, schick doch einen davon auch zu mir." Rieu spielt dazu Geige. Knallharter Typ. (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 10. Februar 2011)

  • Walzerkönig André Rieu.
    foto: epa/achim scheidemann

    Walzerkönig André Rieu.

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