"Ich war der einzige Senegalese in Österreich"

9. Februar 2011, 15:14
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Hyacinthe Pierre Sadji erzählt von seiner Ankunft in Wien Ende der sechziger Jahre und den ersten Eindrücken in der neuen Heimat

Seit über 40 Jahren lebt der aus Dakar stammende Senegalese in Österreich. Seinen ersten Vornamen wissen die wenigsten, für seine Freunde und Bekannten heißt Hyacinthe Pierre Sadji einfach "Pierre". Er hat zwei Kinder, ist mittlerweile zweifacher Großvater und lebt seit der Trennung von seiner Frau vor vier Jahren in einer kleinen, gemütlichen Wohnung im 15. Wiener Gemeindebezirk. Mit daStandard.at spricht er über die ersten Jahre nach seiner Ankunft in Wien.

daStandard.at: Wann sind Sie nach Österreich gekommen?

Hyacinthe Pierre Sadji: Das war 1969. Ich war 21 Jahre alt und habe über die österreichische Botschaft in Dakar ein Stipendium bekommen. Mein Bruder war Student und hatte gute Beziehungen zu dem damaligen österreichischen Botschafter. Er hat mit ihm gesprochen, und der Botschafter meinte, wenn ich möchte, kann ich nach Österreich gehen und dort arbeiten oder studieren. In Dakar hatte ich schon zwei, drei Jahre in einer Bank gearbeitet. Dann habe ich von Österreich das Angebot bekommen, für ein Jahr bei der Zentralsparkasse in Wien zu arbeiten. Auch Senegal hat mich dabei unterstützt - sie bezahlten mir meine Flugkarte. Damals war das so, ich weiß nicht, ob das heute auch der Fall wäre!

daStandard.at: Sie hatten also gute Aussichten, in Österreich einen Job zu bekommen?

Sadji: In Senegal habe ich bereits erfahren, dass ich den Job bekommen und 3000 Schilling verdienen werde - das war das Stipendium. Sie haben jemanden für die Auslandsabteilung gebraucht, der Französisch konnte, und da ich ja schon in einer Bank gearbeitet habe, hat das gut gepasst. Natürlich habe ich auch alles zahlen müssen wie jeder Österreicher, also Steuern, Sozialversicherung, Miete und so weiter. Aber der Job war damals gut bezahlt.

daStandard.at: Wie haben Sie ihre Ankunft in Wien erlebt?

Sadji: Das war alles ganz offiziell. Das Außenministerium hat mich sogar am Flughafen empfangen. Sie haben eine Dame geschickt, die mich abholen kam - Frau Schmidt. Ich werde diesen Namen nie vergessen! Dann habe ich kurz in der Diplomatischen Akademie im vierten Bezirk gewohnt. Danach habe ich ein Zimmer im Heim des Afro-Asiatischen Instituts in der Türkenstraße bekommen. Dort lernte ich viele andere Ausländer kennen. Auch ein paar Afrikaner, aber es waren nicht viele, vielleicht drei oder vier. Damals war ich der einzige Senegalese in Österreich.

daStandard.at: Wie ging es nach dem Jahr bei der Sparkasse weiter?

Sadji: Bevor die Zeit in der Bank vorbei war, habe ich einen Brief nach Senegal geschickt, in dem ich erklärt habe, dass ich gerne zum Studieren in Wien bleiben möchte. Sie haben mir dann zurückgeschrieben, dass das in Ordnung geht und ich dafür auch ein Stipendium vom senegalesischen Staat bekommen werde. Also habe ich gleich nach dem Job bei der Bank angefangen zu studieren: Volkswirtschaft an der Universität für Welthandel, das ist heute die Wirtschaftsuniversität.

daStandard.at: Was haben Sie in ihrer Studienzeit so erlebt?

Sadji: Wie jeder Student habe ich neben dem Studium natürlich auch gearbeitet. Ich habe Glück gehabt und schnell eine Stelle in einem Reisebüro im 1. Bezirk bekommen. Ich konnte schon ein bisschen besser Deutsch und überhaupt war es damals leicht, in Wien eine Stelle zu finden - nicht so wie heute. Ich habe dann meine Frau kennengelernt, sie hat auch in dem Reisebüro gearbeitet. Wir waren zwei Jahre zusammen, dann wurde unsere Tochter Safi geboren und wir haben geheiratet.

Da meine Frau fix im Reisebüro gearbeitet hat und ich Student war, bin ich mit unserer kleinen Tochter zuhause geblieben. Als sie dann ein Jahr alt war, haben wir einen Platz für sie in der Kinderkrippe bekommen, und ich hatte wieder mehr Zeit zum Studieren. Wir hatten eine kleine Wohnung im 21. Bezirk, es war eine sehr schöne Zeit. Inzwischen sind auch zwei andere Senegalesen nach Wien gezogen. Beide waren Maler und haben auf der Akademie der bildenden Künste studiert. Sie sind auch heute noch da, einer hat auch eine Österreicherin geheiratet, der andere eine Senegalesin.

daStandard.at: Bei so viel Trubel mit Arbeit und Familie, ging es mit ihrem Studium gut voran?

Sadji: Ich habe plötzlich erfahren, dass Senegal eine Botschaft in Wien eröffnen wird. Das habe ich zufällig in der Zeitung gelesen. Daraufhin habe ich mich sofort in Senegal gemeldet, habe ihnen erzählt, dass ich Deutsch kann und ihnen meinen Lebenslauf geschickt. Sie haben mich genommen und ich habe begonnen, als Sekretär in der Botschaft zu arbeiten. Mein Studium habe ich abgebrochen, weil ich nicht beides machen konnte. In der Botschaft war ich von 1977 bis 1980. Dann wurde mein zweites Kind, mein Sohn Noel geboren. Bei ihm ist dann meine Frau in Karenz gegangen. Und ab und zu haben wir Urlaub in Senegal gemacht.

Die Botschaft musste dann leider wieder zusperren, weil es für Senegal, ein Entwicklungsland, einfach zu teuer war. Ich war aber nicht gekündigt, sondern als Botschaftsangehöriger nach wie vor Beamter des Außenministeriums.

daStandard.at: Welche Konsequenzen hatte das für Sie?

Sadji: Ich musste nach Senegal fahren, um dort meine neue Stelle zu bekommen. Dort wollten sie dann, dass ich in Burkina Faso arbeite. Damit war ich aber nicht einverstanden, wegen den Kindern. Die waren zu klein, und ich wollte, dass meine Kinder eine europäische Erziehung bekommen, natürlich auch wegen ihrer Mutter.

Also habe ich die Stelle abgelehnt und bin nach Österreich zurückgekommen. Dann habe ich mir etwas Neues gesucht. Das ist immer sehr schnell gegangen, ich hatte keine Probleme, eine neue Stelle zu finden.

daStandard.at: Das klingt alles sehr positiv. Haben Sie auch Negatives erlebt?

Sadji: Ich habe beides erlebt, Positives und Negatives. Natürlich wurde ich auf der Straße oft angeschaut und Kinder haben auch manchmal "Neger!" gerufen. Aber ich habe wirklich sehr sehr gute Leute kennen gelernt, und von Österreich auch sehr viel Hilfe bekommen. Ich kann nicht sagen, dass alle Leute in Österreich einem negativ begegnen, nur weil jemand eine andere Hautfarbe hat. Jeder hat das in der Schule gelernt: Auf der Welt gibt es fünf Kontinente, und alle Menschen sehen anders aus. (Jasmin Al-Kattib, 09. Februar 2011, daStandard.at)

 

  • Hyacinthe Pierre Sadji kam im Jahr 1969 über ein Stipendium nach Wien.
    foto: privat

    Hyacinthe Pierre Sadji kam im Jahr 1969 über ein Stipendium nach Wien.

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