WikiLeaks-Alternative - Briefkasten statt Propaganda

9. Februar 2011, 13:08
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Ex-Weggefährte kritisiert Assange, ohne ihn beim Namen zu nennen

Den Namen von Julian Assange nimmt der ehemalige Weggefährte nicht in den Mund. Aber alle wissen, wen Daniel Domscheit-Berg meint, wenn er sagt: "Macht sollte verteilt werden, nicht in einer Hand liegen." Kurz vor Veröffentlichung seines Buchs mit dem Titel "Inside WikiLeaks" wendet sich Domscheit-Berg bei einer Diskussionsrunde der Heinrich-Böll-Stiftung mit taz.de auch dagegen, dass die von Assange gegründete Internet-Plattform Ankündigungen neuer Enthüllungen der Welt wie eine Drohung serviert habe -"das ist alles nur politische Agitation".

"Wir hätten es auch nicht gemacht, also den Arsch in der Hose muss man erst mal haben."

Mit dem eigenen Angebot Openleaks will Domscheit-Berg lediglich einen Briefkasten anbieten, wie er bei der Veranstaltung zum Thema "Whistleblowing, WikiLeaks und die neue Transparenz" am Dienstagabend in Berlin erklärt. Es gehe allein um die Bereitstellung einer anonymen Infrastruktur für Whistleblower, also für Informanten, die öffentlich relevante, aber firmen- oder behördeninterne Dokumente einreichen wollen. Das Veröffentlichen sollen dann andere machen, Medien und Nichtregierungsorganisationen (NGO), die als Partner an Openleaks angeschlossen sind - bisher stehen diese laut Domscheit-Berg aber noch nicht fest.

Eine solche NGO ist auch der Chaos Computer Club, für den Constanze Kurz in der Diskussionsrunde mit dabei ist. Sie macht mit der ihr eigenen Offenheit deutlich, dass die eigentliche Veröffentlichung der Dokumente, wie es Wikileaks mit den Botschaftsdepeschen getan hat, schon von kritischer Bedeutung ist: "Wir hätten es auch nicht gemacht, also den Arsch in der Hose muss man erst mal haben."

Nach der Eskalation um die Botschaftsdepeschen habe Wikileaks jetzt ein Vakuum hinterlassen, konstatiert Kurz. Das Portal könne seine ursprüngliche Aufgabe nicht mehr erfüllen. Jetzt gebe es die Frage, wer diese Lücke schließen könne. Dabei sollte es "ein paar ethische Standards" geben, sagt die CCC-Vertreterin und kritisiert Domscheit-Bergs Briefkasten-Konzept: Man könne sich nicht darauf zurückziehen, dass man nur eine technische Plattform bereitstelle.

Transparenz

Die Entstehung von Leaking-Plattformen sei ein deutliches Indiz, dass die Menschen mehr Transparenz wollten, sagt der Bundestagsabgeordnete der deutschen Grünen, Konstantin von Notz. Diese Bewegung für mehr Transparenz dürfe nicht diskreditiert werden, fordert der Politiker und Jurist. Daher sei es auch sinnvoll, das Arbeitsrecht entsprechend zu verändern.

Das Thema Wikileaks will Domscheit-Berg für sich abschließen. Mit seinem am Freitag erscheinenden Buch wolle er zeigen, "wie es abgelaufen ist", erklärt der ehemalige Sprecher der Enthüllungsplattform, der das Projekt im September vergangenen Jahres nach einem Streit mit Assange verlassen hat. Die größte Errungenschaft von Wikileaks sieht der Informatiker im Nachhinein darin, dass nun allenthalben über Geheimhaltung, Transparenz und die Frage diskutiert werde, "was wir geheim halten müssen und was wir nicht geheim halten dürfen". (Von Peter Zschunke/dpa)

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