Frauen in Kreuzfeuer

6. Juni 2011, 11:14
11 Postings

Frauen und Gewalt ist das Thema des Schwerpunkts 2011 in Hittisau: Ausstellungen zeigen die vielschichtigen Gesichter von Gewalt auf

Gewalt gegen Frauen hat zahlreiche Gesichter: Sie kann auf physischer, sexueller, psychischer, ökonomischer oder sozialer Ebene ausgeübt werden. Gewalt an Frauen kann personaler Natur sein, d.h. sie wird von einem handelnden Täter ausgeübt. Gewalt kann aber auch struktureller Natur sein. Sie beschränkt sich nicht auf eine handelnde Person, sondern ist vielmehr Teil eines Gesellschaftssystems. Sie mündet in ungleiche Machtverhältnisse und hat eine erschwerte Lebenssituation von Frauen zur Folge.

Am häufigsten erleben Frauen Gewalt in ihrer Familie, 90 Prozent aller Gewalttaten werden nach Schätzungen der Polizei in der Familie und im sozialen Nahraum ausgeübt. Die Dunkelziffer bei familiärer Gewalt ist sehr hoch, Forschungsergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass jede fünfte Frau bereits Gewalt in einer Beziehung erlebt hat. Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund sind darüber hinaus auch von einer spezifischen Form von häuslicher Gewalt betroffen, der traditionsbedingten Gewalt.

Bei bewaffneten Konflikten werden Frauen häufig zu Opfern von Gewalt. Weltweit werden Frauen in Kriegen und Bürgerkriegen häufig massenweise und systematisch vergewaltigt (seit 1998 wird sexuelle Gewalt vom Internationalen Strafgerichtshof, wenn sie mit der Absicht erfolgt, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ganz oder teilweise zu zerstören).

Das Thema ist also äußerst komplex. Ohne den Anspruch, ein lückenloses Bild zeichnen zu wollen, unternimmt das Frauenmuseum Hittisau - gemeinsam mit dem Institut für Sozialdienste Vorarlberg - den Versuch, im Rahmen des Schwerpunkts 2011 unterschiedliche Aspekte dieses brisanten Themenfeldes zur Sprache zu bringen. "Gewalt gegen Frauen ist eine Verletzung der Menschenrechte. Eine Kulturinstitution wie das Frauenmuseum hat die Aufgabe, sich auch gesellschaftspolitisch brisanter Themen anzunehmen. Wir können mit unseren Mitteln das Bewusstsein dafür stärken ", so Museumsleiterin Stefania Pitscheider Soraperra.

Drei Ausstellungen

Bis 26. Juni werden im Rahmen des Schwerpunkts drei Ausstellungen und zahlreiche Vorträge, Veranstaltungen und Filme angeboten, die das brisante und komplexe Thema der Gewalt an Frauen aufgreifen. Den Anfang machten "Die elf Gebote" der Hohenemser Künstlerin Mariella Scherling Elia, die in ihrer künstlerischen Arbeit immer wieder den Fokus auf das Thema der Gewalt richtet. Die britische Fotografin Jenny Matthews hat weltweit das Leben und die Überlebensstrategien von Frauen während und nach bewaffneten Konflikten dokumentiert. Darüber hinaus zeigt das Frauenmuseum die vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser konzipierte Ausstellung "Silent Witnesses", die Opfern häuslicher Gewalt gewidmet ist.

Vorträge

In einer in Kooperation mit der IfS-Gewaltschutzstelle (Institut für Sozialdienste) organisierten Veranstaltungsreihe kommen die Autorinnen Michéle Minelli und Erika Kronabitter zu Wort, die das Thema der häuslichen Gewalt literarisch aufgearbeitet haben, sowie Wissenschafterinnen, die sich mit Vergewaltigungsmythen (Barbara Krahé) oder dem Phänomen der "Falschen Stalkingopfer" (Justine Glaz-Ocik) auseinandersetzen. Auch wird ein Schnupperkurs in Selbstverteidigung für Frauen angeboten. (red)

Mehr zu den Austellungen >>>


5. Mai - 26. Juni: Frauen im Kreuzfeuer
Seit mehr als zwanzig Jahren dokumentiert die britische Fotografin Jenny Matthews die Erfahrungen, die Frauen auf der ganzen Welt mit Krieg und Gewalt machen. Auf ihren Bildern hält sie den unbeugsamen Überlebenswillen und den Einfallsreichtum dieser Frauen fest. Jenny Matthews' Fotografien zeigen, wie Frauen, die - von Afghanistan bis Uganda - Krieg und Gewalt überlebt haben, ein neues Leben beginnen und entscheidend am Wiederaufbau mitwirken. Gemeinsam bewältigen sie traumatische Erfahrungen, entwickeln neue Fähigkeiten und Selbstbewusstsein.

5. Mai - 26. Juni: Silent Witnesses
Eine Ausstellung in Kooperation mit der IfS-Frauennotwohnung - das frauenhaus in vorarlberg. Dreißig bis vierzig Frauen werden jährlich in Österreich ermordet. Viele davon von ihren Ehemännern, Lebensgefährten, Brüdern oder Ex-Partnern. Jede ausgestellte Silhouette steht stellvertretend für eine Frau, die in den vergangenen Jahren in Österreich umgebracht wurde. Diese Frauen standen mitten im Leben. Sie hatten Familie, hatten FreundInnen, hatten Träume. Jetzt sind sie für immer stumm. Es liegt an uns, ihre Geschichte nicht zu vergessen: Gewalt an Frauen ist ein Verbrechen gegen die Menschenrechte. Idee und Konzept: Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser und Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie; Gestaltung: Ursula Janig.

Rahmenprogramm: Veranstaltungen >>>


- 9. Juni, 20 Uhr: Justine Glaz-Ocik
Falsche Stalkingopfer - Vortrag

BeraterInnen und PolizeibeamtInnen sehen sich immer wieder mit Menschen konfrontiert, die fälschlich vorgeben, von Stalking betroffen zu sein: Was ist über das sogenannte "Falsche-Opfer-Syndrom" bekannt? Wie ist es zu erkennen? Justine Glaz-Ocik ist Kriminalpsychologin und Deeskalationstrainerin am Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Sie forscht u.a. zu Tötungsdelikten an Kindern, Gewalt in der Beziehung und Stalking. (red)


Link

Frauenmuseum, Platz 501, 6952 Hittisau

Bis 26. Juni.

  • Jenny Matthews Razia SW-Fotografie, Afghanistan 2010
    foto: jenny matthews/frauenmuseum hittisau

    Jenny Matthews
    Razia
    SW-Fotografie, Afghanistan 2010

  • Mariella Scherling Elia Die Frauen von Bosnien Kohle auf Papier, 1993
    foto: mariella scherling elia/frauenmuseum hittisau

    Mariella Scherling Elia
    Die Frauen von Bosnien
    Kohle auf Papier, 1993

Share if you care.